Bad Driburg. Dass sich im Gräflichen Park vorzüglich über Literatur nachdenken lässt, erfuhr Matthias Matussek schon während eines Kuraufenthalts. Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff, die Vorsitzende der Diotima-Gesellschaft, brauchte nicht allzu viel Überredungskunst aufzubieten, um den Journalisten und Autor erneut zu einem Lese- und Gesprächsabend nach Bad Driburg zu locken. Rüdiger Safranskis Buch "Goethe und Schiller" liefert den Anlass, der Frage nachzugehen, was uns die Klassiker heute zu sagen haben. Mit Matthias Matussek sprach unsere Mitarbeiterin Christine Longère.
Herr Matussek, Sie schreiben über das konservative Umfeld, in dem Sie aufgewachsen sind: "Wir lasen ,gute Literatur‘." Hatte die Einfluss auf Ihr Leben?MATTHIAS MATUSSEK: Ich glaube, ja. Es gibt ja für jeden ein paar wichtige Bücher. Bei mir war es der "Werther", der mich sehr beeindruckt hat. Hesses "Narziss und Goldmund" erschien mir, als läse ich in meinem eigenen Leben, und Dostojewskis "Schuld und Sühne" hat mich so ergriffen, dass ich krank geworden bin. Vielleicht auch deshalb, um es zwar fiebernd, aber ohne Unterbrechung zu Ende lesen zu können.
"Gute Literatur" zu lesen, gehörte seit jeher zu den Pflichtaufgaben des Bildungsbürgertums. Diese Art von Bildung hat in der Vergangenheit Schlimmes nicht verhindern können. Kann die Beschäftigung mit Dichtung die Verhältnisse zum Besseren wenden? MATUSSEK: Ich glaube, dass die Literatur gerade deshalb so wichtig ist, weil wir alle wissen, zu welchen Bestialitäten der Mensch in der Lage ist. Da ist Literatur oft die rettende Planke. Gute Lektüre hilft in schwierigen Zeiten. Ob sie aus uns bessere Menschen macht, ist eine interessante Frage. Die "Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen" und die "Schaubühne als sittliche Anstalt" waren ja Projekte der Klassik mit dem Ziel, Veränderung zu bewirken. Ob Literatur dabei hilft, müsste man diskutieren.
Rüdiger Safranskis Buch "Goethe und Schiller" ist nach Ihrem Urteil "kein Erziehungsratgeber" und "kein Lebenshilfebuch". Welche Bedeutung hat es für Sie? MATUSSEK: Ich war verblüfft, wie zwei exzeptionelle Figuren, die aus ganz unterschiedlichen Milieus kommen, über einen großen inneren Abstand hinweg so zusammenfinden, dass sie dann unzertrennlich wurden und auch als Freundschaftspaar in die Literaturgeschichte eingingen. Die Beschreibung dieser wunderbaren Freundschaft hat mich fasziniert.
Zur Person
Matthias Matussek, geboren 1954 in Münster, lebt in Hamburg und arbeitet seit 1987 beim Spiegel. Für seine Berichterstattung während der Wende 1989/90 wurde er mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Er leitete die Büros des Spiegel in New York (1992), Rio de Janeiro (1999) und London (2003). Von 2005 bis 2007 war er Chef des Kulturressorts des Magazins. "Matusseks Kulturtipp" ist ein Videoblog, das seit 2006 wöchentlich bei Spiegel Online erscheint.
Ende Mai lieferte Matussek im Spiegel mit seiner Spurensuche in Clint Eastwoods Heimat Carmel ein journalistisches Glanzstück ab, das mit einem Zufallsgespräch mit dem Regisseur und Schauspieler in dessen Restaurant endete. Neben seiner journalistischen Arbeit veröffentlichte Matussek die Bücher "Als wir jung und schön waren", "Wir Deutschen" und "Palasthotel". Zurzeit arbeitet der bekennende Katholik an einem neuen Buch über Religion. (ram/lon)
In dem Gespräch über Romantik, das Sie vor knapp drei Jahren mit Rüdiger Safranski in Bad Driburg führten, schlugen Sie einen Bogen in die Gegenwart, die Ihrer Meinung nach des "romantischen Impulses" bedürfe. Sehen Sie auch bei den Klassikern einen aktuellen Bezug? MATUSSEK: Bei den Romantikern ging es um ein Lebensgefühl. Bei den Klassikern besteht die Möglichkeit, dass wir in einer unruhigen Zeit Orientierung finden. Sie lebten ja auch in einer Umbruchzeit. Goethe und Schiller waren Zeitzeugen der französischen Revolution, beide haben das anbrechende Industriezeitalter erlebt. Vor diesem Hintergrund die "Wahlverwandtschaften" oder "Kabale und Liebe" oder den "Wallenstein" zu lesen oder auf der Bühne zu sehen und zu spüren, wie groß Literatur ist und wie klug diejenigen, die diese Werke schufen, in die Menschen hinein geschaut haben – das ist, glaube ich, der Gewinn, den wir heute daraus ziehen können.
"Wir müssen uns einschiffen wie Werther", lautet eine Formulierung, mit der Sie zur Neuorientierung aufrufen. Das Beispiel aus der Dichtung Goethes gibt nicht gerade zu Optimismus Anlass.MATUSSEK: Dabei hatte ich nicht das tragische Ende im Blick. Gemeint habe ich, dass wir mit aller Neugier und aller Empfindsamkeit auf die Welt zugehen sollen.
Die Forderung, dass wir uns beim Navigieren Werthers unbedingte Haltung dem Leben gegenüber zum Beispiel nehmen müssen, versehen Sie mit dem Zusatz: "Oder mit aller Ladung in die Luft sprengen."MATUSSEK (lachend): Der alte Anarchist in mir! Aber sowohl Goethe wie Schiller waren ja auch nicht nur die Großmeister der Mäßigung. Sie hatten auch anarchistische Züge und waren zu leidenschaftlichsten Explosionen fähig.
Die beiden großen Klassiker sind nach Ihren Worten "missverstanden worden von den Deutschen, zum Teil grotesk". Leistet Rüdiger Safranski einen Beitrag zur Neubewertung?MATUSSEK: Er macht deutlich, dass Goethe nicht der Repräsentant des gemütlichen oder imperialen Deutschen ist, die Galionsfigur deutscher Weltgeltung und deutscher Überlegenheit. Und auch bei Schiller gibt es Brüche zu entdecken. Für mich sind es gerade die Abgründe, die dunklen Seiten, die Sympathie wecken. Das Tolle an den beiden ist, dass sie sich eben nicht auf einen einfachen Nenner bringen lassen. Es bleibt immer ein Rest übrig, der spannend ist.
Als Gesprächspartner des Philosophen und Schriftstellers Rüdiger Safranski ist Matussek heute ab 20 Uhr im "Gräflichen Park Hotel & Spa" Bad Driburg.