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09.08.2010
"Ich führe Zwiegespräche"
INTERVIEW: Ralf Witthaus über seine Rasenkunst und die Bundesrasenschau, die er heute in Köln startet

Startklar im Rheinpark: | FOTO: WILLEM DE LANGE

Köln. Ralf Witthaus hat sich Großes vorgenommen. Heute beginnt der Künstler damit, den Inneren Grüngürtel von Köln mit einer zwölf Kilometer langen Rasenzeichnung zu versehen. Am 1. Oktober will er mit seinem Helfern mit der Bundesrasenschau – so der Titel der Kunstaktion – fertig sein. Stefan Brams sprach mit dem in Bad Oeynhausen geborenen Künstler über das Projekt, die Vergänglichkeit seiner Rasenkunst und warum er nicht im Central Park in New York mähen will.

Herr Witthaus, Rasen wegfräsen kann jeder. Was ist denn daran Kunst?
RALF WITTHAUS: Das fängt ja gleich mit einer guten Frage an. Bevor ich zu mähen beginne, suche ich das Zwiegespräch mit den Orten, an denen ich mähen will. Das heißt, ich schaue sie mir sehr genau an und überlege, was geht von dieser Fläche für eine Botschaft aus, wie gehen die Menschen mit ihr um, wie sieht die Fläche heute aus und welche Geschichte hat sie. Die Zeichnung, die ich dann in den Rasen hinein mähe, ist eine Antwort auf dieses Zwiegespräch. Das macht wiederum den Unterschied zum drauflos mähen und fräsen aus. Das ist der künstlerische Moment.

Info

   Der Künstler und sein Projekt

    
   ¥"Bundesrasenschau" hat der 36-jährige Ralf Witthaus, der in Bielefeld, Hamburg, Berlin und Düsseldorf Kunst und Gestaltung studiert hat, sein Vorhaben betitelt. Witthaus nimmt mit dem Titel Bezug auf Kölns Bewerbung für die Bundesgartenschau im Jahr 2023, es wäre die dritte, die dort über die Bühne geht.
´
 Ausgangs- und Endpunkt für das Projekt, das 89.500 Euro kostet und vom Künstler und Sponsoren finanziert wird, ist der Rheinpark, in dem 1957 die erste Bundesgartenschau in Köln ausgerichtet wurde. Der Weg führt auch über den Rhein hinweg und entlang der für 2023 im Bereich Großmarkthalle geplanten Bundesgartenschau.
´Um das Großprojekt bewältigen zu können, setzt Witthaus, der in Bad Oeynhausen geboren wurde und in Löhne aufwuchs, auf künstlerische Assistenten und Freiwillige.

´Einen Überblick über Ralf Witthaus’ bisherige Rasenzeichnungen gibt’s in dem Band "Rasenmäherzeichnungen" herausgegeben vom Kunstverein Leipzig. Salon Verlag, 94 S., 10 Ð. Zur Kölner Aktion ist ein Katalog geplant.
´ Weitere Informationen über die Bundesrasenschau, die heute beginnt, gibt’s im Internet unter www.bundesrasenschau.de(ram)
     

Woher stammt die Idee für Ihre Rasenzeichnungen?
WITTHAUS: Vor etwas 13 Jahren habe ich in Werl zwischen einem Wohn- und einem Gewerbegebiet einen riesigen Lärmschutzwall in Form einer schwangeren Liegenden gestaltet. Damals stand ich vor dem Problem, diese riesige Landmasse zu bewältigen. Bei einem Landart-Festival in Tschechien lag dann eine Motor-Sense rum. Mit der habe ich getestet, ob ich freihand eine exakte Form auf 120.000 Quadratmetern zeichnen könnte. Das klappte. Dann hab ich mich an die Liegende gewagt. Das war so etwas wie die Initialzündung für meine Rasenzeichnungen, die ich immer weiter vertieft habe. Das konnte ich dann einfach nicht mehr stoppen, weil da so ungeheuer viel Potential drin steckt.

Wie viele Zeichnungen gibt es bereits von Ihnen?
WITTHAUS: Mehr als 30 quer durch Deutschland.

Wie reagieren die Menschen auf diese Intervention?
WITTHAUS: Mein Zielpublikum ist der zufällige Passant, der meist staunend auf die für ihn befremdlichen, behelmten Wesen in schwarzen Hosen und weißen Hemden blickt, die mit professionellen Mähgeräten einen Rasen mähen. Und dann beginnen auch schon die Fragen, was denn hier los sei, warum sie davon bisher nichts gewusst hätten. Und genau das ist mein Ziel, ich möchte die zufälligen Flaneure in meine Aktion involvieren und Fragen aufwerfen, Reaktionen hervorrufen. Eigentlich formulieren Sie ihr Anrecht auf die Grünflächen!Ab heute mähen Sie wieder. Dieses Mal in Köln. Mit zwölf Kilometern Länge Ihr bisher größtes Projekt. Warum haben Sie es Bundesrasenschau genannt?
WITTHAUS: Als ich der Kölner Verwaltung vorschlug, eine Aktion in der Dimension einer Bundesgartenschau zu machen, stieß ich schnell auf Zustimmung. Als ich dann den Inneren Grüngürtel besichtigt habe, fiel mir auf, wie schön der sich um die Stadt legt, dass die Kölner ihn aber immer nur in Teilen sehen und seine ganze Dimension gar nicht wahrnehmen können. Dabei ist er nach dem Dom und dem Karneval der drittgrößte Schatz dieser Stadt. Mit der Bundesrasenschau will ich zeigen, wie wertvoll dieser Grüngürtel ist, welche Dimension er für die Stadt hat – als urdemokratischer Raum, der allen gehört.

Wie lange wird es dauern, diese Flächen zu mähen?
WITTHAUS: Der Grüngürtel hat einen Umfang von zwölf Kilometern, sieben davon sind Rasen. Wir mähen jeden Tag 250 Meter. Mein gezeichneter Weg ist ausschließlich auf dem Rasen dargestellt. Ich kalkuliere mit 30 Arbeitstagen plus zwei Wochen Regenzeit. Das heißt wir werden am 1. Oktober fertig sein.

Wenn Sie fertig sind, dürfte der Rasen am Ausgangspunkt schon wieder nachgewachsen sein. Ein Problem?
WITTHAUS: Ich erwarte von dem Rasen geradezu, dass ich dann dort nichts mehr sehen kann von meinem Werk.

Dass Ihre Kunst vergänglich ist, stört Sie also nicht?
WITTHAUS: Nein. Alle meine Arbeiten sind temporäre Arbeiten, die ohne Rücksicht auf mich wieder verschwinden. Ich kann nichts zurück behalten.

Und was wird für Köln bleiben?
WITTHAUS: Meine Zeichnungen verwandeln die Orte. Es entstehen neue Blicke, neue Bewertungen, neue Perspektiven. Und die bleiben in der Erinnerung der Betrachter auch dann, wenn die Rasenzeichnung wieder verschwunden ist. Das ist ähnlich wie bei Christo. Wenn er ein Bauwerk ver- und wieder entpackt hat, dann verändert auch das den Blick. Auch die Menschen in Köln werden ihren Inneren Grüngürtel hinterher ganz neu sehen.

Was kommt nach Köln?
WITTHAUS: Ich habe schon ein neues Projekt, ein zweites Mega-Format im Kopf . . .

. . . den Central-Park in New York?
WITTHAUS: (lacht). Nein, nein, ich gehe nicht in den Central Park. Ich habe zu viel Respekt davor, auf Flächen, die Christo bespielt hat, aktiv zu werden. Da muss ich nicht stattfinden. Ich werde das Projekt in Deutschland realisieren. Berlin, München, Hamburg aber auch Kassel bieten tolle Möglichkeiten. Mehr möchte ich aber noch nicht verraten. Es ist noch zu früh. Jetzt geht es erst einmal um mein neues Hauptwerk hier in Köln und das alles ab heute so läuft wie geplant.

Sie haben auch schon in Löhne und Bielefeld Rasenflächen gefräst. Werden wir neue Arbeiten von Ihnen in OWL zu sehen bekommen?
WITTHAUS: Immer gerne.
     


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