Bielefeld. Thomas Kellein, seit 14 Jahren Leiter der Bielefelder Kunsthalle, geht in die USA. Wirklich überraschend ist das nicht. Mit seiner Ausstellungspolitik hat er sich als Kurator ein international auffälliges Profil verschafft. Ein solcher Mann bleibt nicht zeitlebens in Bielefeld; und, geboren 1955, war es für einen Karriereschritt an der Zeit.
Kellein leitet ab Beginn 2011 die Chinati Foundation in Marfa in Texas. Das Museum mit einer Freifläche von mehr als 130 Hektar Wüstenland, ehemals ein militärisches Flugzeuggelände, war Wohn- und Arbeitsstätte des Künstlers Donald Judd bis zu dessen Tod 1994, es beherbergt neben Judds Plastiken und Bildern Werke etwa von Claes Oldenburg, David Rabinowitch oder Ilya Kabakov.
Nach Angaben der Foundation hatte man sechs Monate nach einem Nachfolger für die Direktorin, Marianne Stockebrand, gesucht. Auf den Bielefelder Museumsleiter verfiel man nicht von ungefähr. Schon in seiner Dissertation in Kunstgeschichte war Judd Thema.
Häufiger Gast in Chinati
Nach Gesprächen mit dem Minimalisten ab 1991 konzipierte Kellein für die Kunsthalle eine Ausstellung im Jahr 2002, in der er dessen Werdegang mit selten gezeigten frühen Bildern dokumentierte. In Chinati war er, auch um Vorträge zu halten, häufig Gast.
Kelleins Weggang ist, ohne eine Höflichkeitsfloskel zu bemühen, ein Verlust für die Region. Vielen kunstsinnigen Sommerausflüglern in OWL ist vermutlich gar nicht bewusst, dass ein Kernstück der seit dem Jahr 2000 alljährlich veranstalteten "Garten-Landschaft OWL", nämlich die "Rauminszenierungen bildender Kunst" in Schlössern, Parks und Gärten, auf eine Idee Kelleins zurückgeht.
Schon kurz nach seiner Übersiedlung nach Bielefeld hatte er im Umland Gartenanlagen von "beeindruckender Faszination" entdeckt: "einen reichen Bestand an wertvollen Gärten, wie es sie in dieser Vielfalt und Qualität kein zweites Mal in Deutschland gibt", hatte er erklärt.
Grandioses, Erhabenes, Subtiles, Schräges
Einiges Grandioses, Erhabenes, Subtiles, Schräges bekam man vorgeführt. Jonathan Meese etwa verwandelte 2002 in einer seiner mythisierenden Künstlerfantasien Schloss Willebadessen in das abgründige Schloss Moosham, auf dem zwei verfeindete Brüder hausten.
Zwischen den Bäumen im Schlosspark Wendlinghausen stakste 2004 eine fast zehn Meter hohe Spinne aus Stahl der New Yorker Künstlerin Louise Bourgeois furchterregend einher. In einem Himmelsspiegel, einer vier Meter im Durchmesser großen Metallscheibe, spiegelte sich Schloss Rheda kosmisch fern.Manche der Inszenierungen bleiben erhalten. Die himmelwärts gerichtete Holzleiter von Ilya und Emilia Kabakov im Gutspark Böckel, die eine Begegnung mit dem persönlichen Engel anempfiehlt. Oder der "Lust- und Labyrinthgarten No. 10" des Belgiers Jan Vercuysse, der im Probsteigarten Clarholz zum Wandeln und Verweilen einlädt. So hinterlässt Kellein in Ostwestfalen-Lippe nicht nur prägnante Erinnerungsspuren, sondern dauerhaft sichtbare Fährten.
Schwieriger Start in Bielefeld
Dabei hatte es sich 1996 in Bielefeld gar nicht gut angelassen für den temperamentvoll engagierten Kunsthistoriker, der zuvor die Kunsthalle Basel geleitet hatte. Nach dem plötzlichen Tod von Kelleins Vorgänger Ulrich Weisner 1994 blieb die Leitungsfrage des Museums zwei Jahre lang offen. Als Kellein das Amt antrat, machte sich auch in Bielefeld die sich abzeichnende gravierende Unterfinanzierung der Gemeinden in der Kultur bemerkbar.
Mit Oberbürgermeisterin Angelika Dopheide kam es zu einem Konflikt mit angedrohter Kündigung. Dopheide wurde nicht wiedergewählt, nicht zuletzt wegen dieses Streits; Kellein, durch eine Unterschriftenaktion des Bürgertums gestützt, blieb.
Eine damals bald eingerichtete gemeinnützige Betreibergesellschaft verschafft seither der Kunsthalle eine nicht üppige, doch passable finanzielle Grundlage, auf der Kellein eine Reihe fulminanter Ausstellungen zeitgenössischer Kunst aufzog, flankiert von Ausstellungen zur klassischen Moderne, eingerichtet von seiner Stellvertreterin, Jutta Hülsewig-Johnen.
Im Stromfeld der Trends
Oft befanden sich der Kunsthallenleiter und das hiesige Publikum mitten im Stromfeld der Trends, auch vor dem Museum, etwa mit dem Spiralpavillon des Isländers Olafur Eliasson, bevor dieser international richtig zu glänzen begann.
Zur Entdeckung des Spätwerks von Louise Bourgeois, damals fast 90 Jahre alt, trug Kellein bereits 1999 bei. Das stille Werk des japanischen Fotografen Hiroshi Sugimoto beeindruckte 2002 in Bielefeld. Jeff Koons freizügige Bilderwelt vermittelte, ebenfalls 2002, frivole Schauer. Und die glamouröse Yoko Ono verbreitete in einer beispiellosen Retrospektive 2008 in Bielefeld ein bisschen Frieden.
Mit Kellein werden seine Frau, die Künstlerin Elisabeth Masé, und deren beider Kinder Bielefeld verlassen. Die Messlatte liegt hoch – für den Nachfolger und für die städtische Auswahlkommission.
Weiter in der ersten Liga
"Schade für Bielefeld und für die Region." So kommentiert Günter Küppers, Vorsitzender des Förderkreises der Kunsthalle, Thomas Kelleins Weggang. Kellein sei ja nicht irgendein Kunsthallen-Direktor gewesen, sondern ein in der internationalen Kunstszene anerkannter Experte, der viele Künstler persönlich kannte. So sei es ihm möglich gewesen, hoch angesehene Ausstellungen nach Bielefeld zu holen. Kelleins Schritt könne er aber auch verstehen. "Ein solches Angebot konnte er gar nicht ausschlagen", so Küppers. Er hoffe nun, dass es gelingt, einen Nachfolger zu finden, der Bielefeld weiter in der ersten Liga hält. (ram)
Und bei der Nachfolge: Schaun wir mal wer es wird und was sie/er kostet. Immerhin hat die Stadt kein Geld. Also, geben wir doch einer hoffnungsvollen Nachwuchskraft eine Chance.