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27.09.2010
Musical "The Birds of Alfred Hitchcock" in Bielefeld uraufgeführt
Publikum feierte schmissige Musik und überragendes Schauspiel
VON ANKE GROENEWOLD

Intensives Spiel | FOTO: MATTHIAS STUTE

Bielefeld. Über Nacht wird Tippi Hedren ein Star: Alfred Hitchcock hat das Model in einem Werbespot entdeckt. Er gibt ihr nicht nur die Hauptrolle in seinem neuen Film "Die Vögel". Er bindet sie mit einem Siebenjahresvertrag an sich. Wie Tippis Traum von Hollywood zum Albtraum wird, davon erzählt das neue Musical "The Birds of Alfred Hitchcock". Euphorisch feierte das Publikum den Komponisten William Ward Murta und sein Ensemble bei der Uraufführung im Bielefelder Theater .

Der seit 1984 als Musical-Kapellmeister engagierte Amerikaner hat sich zum Haus-Komponisten des Bielefelder Theaters entwickelt: "The Birds of Alfred Hitchcock" ist nach "Starry Messenger" (2004) und "M . . . wie Marilyn" (1987) das dritte Musical, das Murta an "seinem" Haus aus der Taufe gehoben hat. Es könnte das populärste werden.

Murta hat eine schmissige Musik für großes Orchester geschrieben, die die Bielefelder Philharmoniker unter seiner Leitung mit großem Enthusiasmus zum Leben erwecken. Sie ist "old school" im besten Sinne: Der Komponist orientiert sich einerseits am klassischen Broadway-Sound. Andererseits hat er sich von sinfonischer Filmmusik inspirieren lassen, ihrem Pathos, ihren dramatischen Effekten und ihrer atmosphärischen Malerei. Murtas Musik klingt geschmeidig, eingängig und vertraut. Selbst das Schräge und Dissonante taucht da auf, wo man es erwartet: Wenn es unheimlich wird.

Das Stück beginnt mit einem Horror-Effekt

Brillant ist die Idee, das Stück mit einem Horror-Effekt zu beginnen. Tippi Hedren (grandios: Katharine Mehrling) hat einen Albtraum. Man sieht sie panisch im riesigen rotgeränderten Auge eines Raben, schnappende Schnäbel aus schwarz-weißen Filmklappen abwehrend. Sie erwacht in einer Klinik. Tippi hat einen Nervenzusammenbruch erlitten, nachdem Hitchcock sie für die berühmte Dachbodenszene fünf Tage lang mit lebenden Vögeln hatte bewerfen lassen. Sie vertraut sich ihrem Pfleger Robin an und berichtet, wie es hinter den Kulissen von "Die Vögel" zuging.

In Rückblenden ist zu sehen, wie sie euphorisch in der Traumfabrik ankommt. Wie Hitchcock die Kontrolle über ihr Leben übernimmt. Wie sie sich in den Drehbuchautor Evan Hunter verliebt und kaum dazu kommt, ein paar Worte mit ihm zu wechseln, weil "Hitch" über jede Minute ihrer Zeit bestimmt. Wie sie sich überwacht fühlt und daran verzweifelt, ein schöner Vogel in einem goldenen Käfig zu sein. Wie Hitchcock irgendwann "mehr" will. Das Psychodrama gipfelt in der traumatischen Dachbodenszene. In der Klinik fasst Tippi den Entschluss, keine Marionette Hitchcocks mehr zu sein: "Ich will fliegen", singt sie.

Murta bedient die Konventionen des Genres. Es gibt intime Solo-Nummern, große Ensembles inklusive Kinderchor (Chorinis), und Tanznummern, die zum Mitschnippen einladen. Horror und Humor, Psychodrama und Liebesgeschichte verschmelzen. Regisseur Kay Kuntze hat das Stück mit Tempo und Gespür für Personenführung inszeniert. Es gibt Menschen, Tiere (Katharine Mehrlings Hund Gigi hat einen Kurzauftritt) und Explosionen. Die markanteste Nummer, die Choreograf Götz Hellriegel für das Ensemble der German Musical Academy Osnabrück schuf, ist eine grotesk-komische Hommage an die Duschszene aus "Psycho".

Furiose Diven-Auftritte

Ein großer Wurf ist das aufwendige und detailreiche Bühnenbild von Duncan Hayler, der auch die Kostüme schuf: Die schwarzen Raben tauchen in mehreren unheimlichen Varianten auf , ohne dass das Motiv überstrapaziert wirkt. Vom Steg mit Boot über die mit Kreide skizzierten Filmstudio-Kulissen bis zu Schattenspielen und spitzen Käfigpfählen reicht die Bandbreite des Bühnenzaubers.

Im Vordergrund bleiben aber stets die Figuren. Überragend ist Katharine Mehrling, die als Tippi Hedren einen nuancenreichen, sich entwickelnden Charakter mit großer emotionaler Bandbreite erschafft und dabei stimmlich wie schauspielerisch intensiv auftrumpft.

Der Komponist hat noch zwei weitere starke Frauenfiguren geschaffen: Masha Karell legt als Bühnenlegende Jessica Tandy furiose Diven-Auftritte hin, darf mit einem melancholischen Song aber auch eine andere Seite zeigen. Unvergesslich bleibt Carolin Soykas Power-Auftritt als Hitchcocks stählerne Assistentin Peggy. Carlos H. Rivas schlägt als einfühlsamer Pfleger Robin den Bogen vom Lyrischen zur herrlich albernen Nummer "Angst ist unterhaltsam".

Emotionslos und kalt

Alexander Franzen mimt überzeugend den sympathischen, unbeschwerten Evan Hunter. Steffen Häuser ist der rätselhafte Vogeltrainer Ray, dessen Gruselfaktor nur von Hitchcock selbst übertroffen wird. Der tritt zwar nie auf, John Wesley Zielmann spricht ihn aber gelegentlich so emotionslos und kalt aus dem Off, dass es einem schaudert.


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