INTERVIEW: Durs Grünbein über die Autorentage Schwalenberg, in deren Zentrum er steht
Schwalenberg/Berlin. Durs Grünbein ist einer der bekanntesten deutschen Lyriker. Rund 30 Bücher hat der 47-Jährige bereits veröffentlicht. Seine Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. An diesem Wochenende steht Grünbein im Zentrum der Schwalenberger Autorentage, die das Literaturbüro OWL veranstaltet. Der Dichter und Essayist wird mit zahlreichen Autoren, Wissenschaftlern, Musiker und bildenden Künstlern über sein Werk debattieren. Stefan Brams sprach mit Durs Grünbein.
Herr Grünbein, welche Erwartungen haben Sie an die Autorentage Schwalenberg, in deren Zentrum Sie und Ihr Werk stehen?DURS GRÜNBEIN: Es ist eine große Ehre und eine noch viel größere Freude gewesen, als mir diese Veranstaltung angeboten wurde. Von da an hatte ich alle Hände voll zu tun, einige der mir wichtigsten und mit mir befreundeten Künstler für die Veranstaltung und den Dialog mit mir zu gewinnen. Dass mir das gelungen ist, macht mich nun doppelt froh. Die Veranstaltung wird damit auch zu einer Art Freundschaftsprobe.
Sie suchen den Dialog mit den Wissenschaften ebenso wie mit anderen Künsten. Warum? GRÜNBEIN: Das hat ganz einfach mit meinen vielfältigen Interessen zu tun. Ich habe ein starke Affinität zu den Naturwissenschaften, ein vehementes Interesse an der antiken Überlieferung und suche beinahe täglich den Kontakt mit anderen Künsten und Künstlern. Durch meine Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie kann ich diesen Brückenschlag auch beruflich leben. Aber das alles tue ich natürlich als Wortkünstler.
Die Philosophie haben Sie eben nicht nicht gesondert erwähnt. Sie werden in Schwalenberg mit Peter Sloterdijk über die Philosophie debattieren, die sie als "Schwester der Poesie" bezeichnen. Warum sind das Geschwister für Sie?GRÜNBEIN: Erstmal ist das eine freche These von mir, denn als Dichter liebe ich es, griffige Formeln zu finden. Aber im Ernst: Die Philosophie ist die jüngere Schwester der Poesie geht sie doch der Philosophie voraus. Seither erleben wir eine Hassliebe zwischen den beiden Disziplinen, eine Beziehung, die in den vergangenen 2.000 Jahren von teilweise sehr großer Intensität geprägt war. Ich kann mir das Dichten und Schreiben nur als einen Dialog mit der Philosophie vorstellen, denn beides findet auf einer gemeinsamen Lichtung statt, von der man sich nicht weit entfernen kann. Für mich führen die Erkenntniswege auch der modernen Philosophie letztendlich immer wieder zur Dichtung zurück.
Wie haben Sie zur Dichtung gefunden?GRÜNBEIN: Zu schreiben beginnt man ja oft, aus einem eher unbekannten Impuls. Und wenn man es dann nicht mehr lassen kann, dann wird einem klar, dass es offenbar eine Obsession ist. Ich habe mit Prosa angefangen. Bis zum 17. Lebensjahr habe ich sogar etliche Romananfänge verfasst. Dann war ich aber vor allem von Novalis und Hölderlin sowie später von Trakl und anderen Dichtern der Moderne fasziniert. Ihre Verse haben mich vergiftet und zur Dichtung gebracht.
Was zeichnet die Dichtung für Sie aus? GRÜNBEIN: In ihr wird die Sprache wie Paul Celan es einmal beschrieben hat "eng geführt, konzentriert". Für mich ist sie Selbstkonzentration der Sprache, hilft mir zu denken, trainiert mein Gedächtnis und berührt zugleich durch die Sprachkonzentration.
In Ihrem Vers "Erklärte Nacht" schreiben Sie "Was bleibt das sind Gedichte". Das gilt auch in unserem digitalen Zeitalter?GRÜNBEIN: Auf jeden Fall. In der ungeheuren Flut des Schriftlichen, die wir heute um uns herum erleben, werden Gedichte sogar wieder wichtiger. Sie sind Leuchtbojen, die aus dem Meer der Schrift weit herausragen.
Ihre Gedichte sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Wie erklären Sie sich deren universelle Wirksamkeit?GRÜNBEIN: Das ist schwer zu sagen. Ich denke, es liegt an den sehr guten Übersetzungen, die wir mittlerweile haben, so dass sie auch in anderen Kulturkreisen wirken. Aber ich finde es immer wieder erstaunlich und verwunderlich, wenn ein Buch von mir in Japan, Finnland oder den USA als Übersetzung erscheint.
Sie werden in Schwalenberg mit Ingo Schulze und Katja Lange-Müller über "eine Kindheit im Osten" debattieren. Wie prägend war ihre Osterfahrung für Sie und Ihre Dichtung? GRÜNBEIN: Das werden wir im Gespräch genauer klären und auch Unterschiede herausarbeiten, denn wir verkörpern drei sehr unterschiedliche Lebensmodelle. Ich zum Beispiel mache in meinen Arbeiten diesen Teil meiner Biografie nur sehr punktuell zum Thema. Ich starre nicht so sehr auf diese Identitätsfrage und begebe mich schon gar nicht in diese Auseinandersetzungen um Ost-West-Biografien. Mir ist die große Freiheit, die die Kunst mir gibt, mich selber definieren zu können, viel wichtiger als diese Identitätssuche. Ich sehe mich mehr als Mensch, der immer unterwegs ist, als Kosmopoliten.
Sie wurden 1962 in Dresden geboten und sind 1986 nach Berlin umgezogen. Welche Stadt hat sie mehr geprägt?GRÜNBEIN: Landschaftliche Prägungen halte ich für viel tiefer gehend als die oft zitierten Ost-West-Einflüsse. Die sächsische Kulturlandschaft hat zum Beispiel in mir sehr viel mehr bewegt als die Zeit in der DDR. Berlin war der große Kontrast zum Leben im Dresdner Tal. Aber ich habe es mir ja freiwillig und sehr gerne ausgesucht. Und jetzt möchte ich aus Berlin nicht wieder weg. Die Stadt ist eine Drehscheibe und ein wunderbarer Transitort für den Reisenden, der auch gerne wieder dorthin zurückkehrt. Und in Berlin spielen Identitäten eine viel geringere Rolle als in Dresden. Das Leben ist freier. Ich genieße das.
Ab heute sind Sie für drei Tage in der Provinz. Gibt es eine Begegnung, auf die sie sich in Schwalenberg besonders freuen?GRÜNBEIN: Ich möchte keine favorisieren. Ich freue mich auf das sehr spannende Gesamtpaket. Die Veranstaltung in Schwalenberg ist, um es scherzhaft auszudrücken, mein großer Kindergeburtstag, und ich bin dankbar, dass mir das Literaturbüro OWL den ausrichtet.