Interview: Regisseurin Cilli Drexel über ihre Inszenierung von Sartres "Die schmutzigen Hände"
Bielefeld. Jean-Paul Sartre schrieb sein Theaterstück "Die schmutzigen Hände" 1947/48. Ein Stück, in dem der französische Philosoph und Autor vor dem Erfahrungshintergrund des Zweiten Weltkriegs Strategien des Widerstands innerhalb der kommunistischen Linken durchspielt. Stefan Brams sprach mit Regisseurin Cilli Drexel über Fundamentalismus, ihre Lust an der Ambivalenz des Menschen und die Aktualität des Dramas, das am 6. Mai im Bielefelder Theater am Alten Markt Premiere hat.
Frau Drexel, Sartres Stück verhandelt einen politischen Mord innerhalb einer kommunistischen Partei in den 1940er Jahren. Nach 1989 mutet das Stück wie ein Wiedergänger aus vergangenen Zeiten der kommunistischen Bewegung an. Inszenieren Sie da nicht ziemlich kalten Kaffee?CILLI DREXEL: Tagespolitisch aktuell ist dieser Stoff nicht. Da gebe ich Ihnen recht. Aber neben der politischen Debatte gibt es einen moralischen und einen philosophischen Diskurs über das Handeln. Und die Frage, wie können wir heute handeln, stellt sich doch derzeit ganz neu. Das zeigen die Umbrüche in Nordafrika, in der arabischen Welt, aber auch die Bürgerbewegungen hier. In diesem Sinne ist Sartres Drama ein durchaus aktuelles Stück.
Lösen Sie das Stück aus seinem historischen Kontext heraus?DREXEL: Nein. Wir nehmen den Konflikt innerhalb der KP um die Tötung Hoederers durch seine eigene Partei, weil er mit dem Bürgertum und dem Adel koalieren will, ernst. Das Thema bleibt als Hintergrund bestehen, vor dem wir die obigen Fragen behandeln werden.
Es wird also doch ein historischer Exkurs über politische Auseinandersetzungen innerhalb der Linken?DREXEL: Nein, wir nehmen nur die historische Folie und erörtern den grundsätzlichen Konflikt zwischen politischen Fundamentalismus und Realitätssinn. Und es geht um den ewigen Konflikt zwischen Theorie und Praxis, der ganz viel mit uns Menschen an sich zu tun hat. Oft haben wir gute Gedanken, und dann stellen wir uns die Frage, wie können wir sie umsetzen, wie können wir danach leben. Anhand des Stückes lässt sich dieser Konflikt sehr gut zeigen.
Die Regisseurin, Termine, Karten
- Cilli Drexel wurde 1975 in München geboren. Ihre Eltern sind die Schauspieler Ruth Drexel und Hans Brenner. Sie stand schon als Kind auf der Bühne.
- Von 2002 bis 2006 Studium der Regie an der Hochschule für Musik in Hamburg.
- Zu ihren letzten Inszenierungen gehört "Supernova (wie gold entsteht") von Philipp Löhle am Nationaltheater Mannheim. Das Stück wurde zu den Autorentheatertagen nach Berlin eingeladen.
- Premiere "Die schmutzigen Hände": 6. Mai, 20 Uhr, Theater am Alten Markt in Bielefeld, Kartentel. (05 21) 555-444.
Lösen sie diesen auch auf?DREXEL: Nein, das nicht. Aber ich halte Radikalisierungen für extrem gefährlich. Wir fragen im Stück danach, aus welcher Motivation heraus, solche Radikalisierungen entstehen.
Der junge Intellektuelle Hugo soll den hochrangigen Parteifunktionär Hoederer erschießen. Der wird aber immer mehr zu einer neuen Vaterfigur für ihn. Wie gewichten Sie die beiden?DREXEL: In der Theorie ist wieder einmal alles ganz einfach. Hoederer ist für Hugo ein Verräter, weil er von der Parteilinie abweicht. Deshalb muss er getötet werden. Eine solche Tat ist für ihn völlig legitim. Nun trifft Hugo in der Realität auf Hoederer und erkennt, der Mann hat ganz viel von dem, was er gerne selber hätte: Selbstbewusstsein, Offenheit, Menschenliebe. Hugo empfindet plötzlich Zuneigung. Aber die könnte ihn hindern, seinen Auftrag auszuführen. Diesen tiefen Konflikt zeigen wir.
Sie stellen Hoederer sehr positiv da. Er sagt aber auch Sätze wie "Reinheit ist ein Hirngespinst von Mönchen und Fakiren. Ich habe schmutzige Hände. Glaubst Du man kann unschuldig herrschen?" Und weiter formuliert er: "Die Partei ist immer nur ein Mittel. Es gibt immer nur ein Ziel: die Macht." Nicht gerade sympathisch?DREXEL: Ob er sympathisch ist oder nicht, muss jeder selber entscheiden. Für mich ist Hoederer vor allem ein Realist. Die Sätze, die er sagt, sind unfassbar pragmatisch und resultieren aus seiner Erfahrung mit dem politischen Tagesgeschäft. Sie sind die Essenz seiner politischen Arbeit. Und seine Politik des Kompromisses hat ihm ja schließlich recht gegeben, sie hat den Widerstand gestärkt und 100.000 Menschen das Leben gerettet, aber eben um den Preis nicht mehr auf der Linie der Partei zu sein. Hugo hingegen hätte diese Menschen um der Reinheit der Lehre willen über die Klinge springen lassen.
Entscheiden Sie denn letztendlich wer gut, wer böse ist?DREXEL: Nein, auf keinen Fall. Es sind ambivalente Figuren. So ambivalent wie wir Menschen. Beide sind letztendlich Überzeugungstäter, die gute Argumente haben, die ich wiederum auf beiden Seiten nachvollziehbar finde. Die Inszenierung wird sich nicht für eine oder andere Seite entscheiden.
Das Stück ist auch ein Stück über Geschichtsverleugung. Welche Rolle spielt das Thema für Ihre Regiearbeit?DREXEL: Eine große. In der Rückschau wird klar, Hoederer hatte recht. Ihm wird sogar ein Denkmal gesetzt. Aber die Partei setzt sich mit ihrer eigenen Tat, ihn ermorden zu lassen, nicht auseinander, sondern klittert die Geschichte. Wir fragen, ob man Geschichte erzählen kann, ohne zu lügen.
Wie deuten Sie Jessica, die Frau Hugos?DREXEL: Sie ist eine Frau, die ihr Leben lebt, als wäre es ein Abenteuerspielplatz. Langeweile ist für sie eine große Katastrophe. Sie will alles ausprobieren. Ich sehe sie als sehr dekadente Person, die mit Hugo macht, was sie will. Sie ist viel schneller als er. Aber er folgt ihr immer wieder. Die beiden machen eigentlich Urlaub im Terrorcamp. Nur Hugo meint es ernst und sie nicht. Für sie ist das ganze Leben nur ein Spiel.
Wollen Sie eine Botschaft rüberbringen mit dem Stück?DREXEL: Das ist eine große Frage. Mich reizt es immer, den Leuten zuzugucken, wie sie ringen, wie sie nach einem Standpunkt, nach Antworten suchen. Dabei geht es mir nicht so sehr um Moral. Ich will etwas von der Lebendigkeit der Menschen einfangen und die Zuschauer anstecken mit dem Kampf, den die Figuren oben auf der Bühne führen. Aber meine Inszenierung soll auf keinen Fall ein Kommentar werden.
Wird das ein intellektuell anstrengender oder ein unterhaltsamer Theaterabend?DREXEL: Beides natürlich. Die Zuschauer müssen sich wahnsinnig anstrengen, werden aber auch bestens unterhalten. Für mich gehört das ohnehin zusammen.
"Die schmutzigen Hände" ist Ihre erste Regiearbeit in Bielefeld. Wie läuft’s?DREXEL: Es ist meine erste Inszenierung hier, aber ich habe sechs Schauspieler für das Stück und mit vieren von ihnen schon gearbeitet. Das ist sehr schön und seltsam, dass wir uns hier wieder treffen. Bis jetzt bin ich sehr neugierig und froh gestimmt in Bielefeld am Werk.