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26.07.2011
HANNOVER/BIELEFELD
Buch "Theater und Migration" in Bielefelder Verlag erschienen
Barrierefreies Theater und inhaltliche Brisanz
VON JOACHIM GÖRES

Wer die Spielpläne der deutschen Theater studiert, der könnte den Eindruck bekommen, dass das Thema "Migranten" ganz hoch im Kurs steht. Vor allem auf den Jugendbühnen scheinen Stücke angesagt zu sein, in denen es um Ehrenmord, Kopftuchstreit, religiösen Fanatismus und Toleranz geht.

"Das Theater widmet sich 25 Jahre zu spät diesem Thema. Und dies auch aus finanziellen Gründen, weil es sich kein Theater angesichts des immer älter werdenden Publikums mehr leisten kann, ohne Jugendclub und interkulturelle Projekte zu agieren", sagt Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Uni Hildesheim. Er ist Herausgeber des Buchs "Theater und Migration". Es wurde jetzt erstmals in Hannover vorgestellt und diskutiert.

"Es gibt ein Interesse an dem Thema im Theater, aber das bleibt in den Stücken auf der Ebene des Exotischen, und Migranten werden immer mit Problemen in Verbindung gebracht. Sie werden nicht als Teil unserer Lebensrealität gesehen", sagt Aljoscha Begrich, Dramaturg am Schauspielhaus Hannover. Zudem gebe es so gut wie keine Migranten im Publikum.

Den Weg ins "richtige" Theater finden

Ein Dilemma, das die türkische Journalistin Mely Kiyak in dem Buch "Theater und Migration" auf den Punkt bringt. Sie hatte ihren gerade aus einer Fabrik entlassenen Vater in Leipzig ins Theater zu Büchners "Leonce und Lena" eingeladen, in dem der Lebensüberdruss und die Unentschlossenheit von Leonce vor romantischer Kulisse thematisiert wird.

"Der Theaterort war eine Stelle, die so hermetisch abgeriegelt war gegen das Milieu, aus dem ich kam, dass ich es erst bemerkte, als sich mein Vater neben mir langweilte. Meinen Vater findet man dort nicht. Nicht, weil ihn Theater nicht interessiert, sondern weil ihn dieses Theater nicht interessiert."

Bei Schulaufführungen werden dagegen auch Migrantenjugendliche erreicht – die dann aber so gut wie nie den Weg ins "richtige" Theater finden. Ausnahmen bilden Gastspiele, bei denen Gruppen aus dem Ausland auf deutschen Bühnen auftreten. "Beim Festival Theaterformen gab es eine Inszenierung auf Russisch mit Simultanübersetzung, die kaum genutzt wurde – 90 Prozent des Publikums verstanden Russisch. Das sind Besucher, die sonst nie den Weg in unser Theater finden", so Festivalleiterin Anja Dirks.

Jeder muss sich angesprochen fühlen

Für Begrich sind unterschiedliche ästhetische Vorstellungen entscheidend: "Wir haben gerade ein Stück über Lebensläufe von Russlanddeutschen aus Kasachstan aufgeführt, da kamen zur Premiere auch Zuschauer mit der Muttersprache Russisch. Die haben sich gewundert, wie komisch die Schauspieler rumstehen und agieren. Bei den weiteren Vorstellungen kamen keine Migranten mehr."

Über die Wege, dies zu ändern, gingen bei der Diskussion die Vorstellungen auseinander. "Wir brauchen eine Barrierefreiheit des Theaters. Jeder muss sich angesprochen fühlen und man muss stärker dort auftreten, wo die Menschen leben. Nicht die Ästhetik ist entscheidend, sondern die Brisanz und Relevanz des Inhalts für die Zuschauer", findet Schneider. "Es bringt nichts, dem Publikum mit modischen Themen hinterherzulaufen", entgegnet Begrich. Man müsse die Faszination des Theaters deutlicher machen.

In Berlin-Kreuzberg hat das Ballhaus Naunynstraße inzwischen ein großes deutsch-türkisches Stammpublikum. "Dort gibt es viele Menschen mit einem Migrantenhintergrund und einem großen Interesse am Theater", sagt die freie Regisseurin Simone Dede Ayivi. Sie kritisiert die Lage ausländischstämmiger Schauspieler. "Ich habe einige von ihnen interviewt. Oft bekommen sie nur Rollen, in denen sie Stereotypen bedienen müssen wie die unterdrückte Türkin mit Kopftuch oder den Asiaten als Koch."

Schwierige Situation für dunkelhäutige Schauspieler

Besonders schwierig sei die Situation für schwarze Schauspieler. Laut Begrich lasse sich dies nur durch ständige Irritation des Publikums ändern. "Wir zeigen bald ein Stück über die Abschiebung einer Roma-Familie in den Kosovo, in der die Heldin von einer Schwarzen gespielt wird. Da werden wir bestimmt gefragt, was das ausdrücken soll – dabei war einfach entscheidend, dass eine Schauspielerin mit schwarzer Hautfarbe beim Vorsprechen die Beste war."

  • Wolfgang Schneider (Hg.): Theater und Migration: Herausforderungen für Kulturpolitik und Theaterpraxis, 236 S., Transcript Verlag, 24,80 Euro.



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