Wuppertal. Zu Lebzeiten stieß Alfred Sisley (1839-1899) mit seiner impressionistischen Landschaftsmalerei auf wenig Gegenliebe. Aber das änderte sich bereits kurz nach seinem Tod, wie sich der Journalist Théodore Duret erinnerte: "Nach Ablauf von drei Monaten wurden zum Besten seiner beiden Kinder 27 Bilder aus dem Nachlass verkauft. Sammler und Händler stritten sich um seine Werke."
Die Preise waren ganz anders als bei den früheren Verkäufen, wo der Durchschnittspreis kaum 100 Francs betrug, berichtete Duret weiter. Die 27 Bilder brachten die Summe von 112.320 Francs. "Jetzt wurden die Werke Sisleys plötzlich allgemein beliebt."
Nun ist dem Zeit seines Lebens verkannten Genie erstmals in Deutschland eine große Soloschau gewidmet. Das Wuppertaler von der Heydt-Museum zeigt 80 Gemälde aus internationalen Sammlungen. Der in Paris geborene Alfred Sisley war britischer Staatsbürger. Sein Vater betrieb eine florierende Importfirma für Luxusprodukte. Die ging jedoch infolge des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 pleite.
Ärmliche Verhältnisse bis zum Tod
Fortan musste der bis dahin vom Vater finanziell unterstützte Sisley sich mit Frau und Kindern vom Verkaufserlös seiner Bilder über Wasser halten. Während jedoch seinen impressionistischen Malerfreunden Monet und Renoir allmählich öffentliche Anerkennung und Wohlstand zuwuchs, lebte der erfolglose Sisley bis zu seinem Tod in ärmlichen Verhältnissen.
Die mit etlichen attraktiven Werken ausgestattete Schau ist chronologisch geordnet. Es dominieren Ansichten von Landschaften und Dörfern aus der Umgebung von Paris. Erster Blickfang ist die in lichten, heiteren Farben gemalte "Brücke von Villeneuve-la-Garenne" (1872). Es ist Sommer. Am Himmel zeigen sich weiße Wölkchen. Erstaunlicherweise stehen diese jedoch nicht im Bild, sondern ziehen scheinbar durch es hindurch. Treffend urteilte der symbolistische Dichter Stéphane Mallarmé über Sisleys Malerei: "Er hält die flüchtigen Momente des Tages fest, er beobachtet eine Wolke und malt, wie sie vorbeifliegt. Auf seiner Leinwand spürt man den Lufthauch noch, und die Blätter wiegen sich leicht im Wind."
Aufs Schönste veranschaulicht das Gemälde "Marly-le-Roi im Sonnenschein" (1876) Mallarmés Worte. Vom Vorder- bis zum Mittelgrund erstreckt sich ein grünes Feld mit unzähligen Halmen. Jeder einzelne scheint sich in einem lauen Lüftchen zu wiegen. Sisley äußerte: "Die Illusion von Leben zu erzeugen, ist für mich das Wichtigste in einem Kunstwerk."
Sisley schafft eine unwirkliche Atmosphäre
Im Gemälde "Schnee in Veneux-Nadon" (1880) ist der Himmel eisgrau bewölkt. Im Vordergrund steht die von einem Zaun, kahlen Bäumen und einigen Häusern flankierte Rückenfigur eines Mannes im hellgrauen Schnee und blickt auf eine weite Landschaft. Es herrscht eine geradezu unwirkliche Atmosphäre, die Sisley durch die von hell bis dunkel magisch strahlenden Grautöne heraufbeschworen hat.
Diese Brillanz der wie Edelsteine leuchtenden Farben zeichnet viele seiner Gemälde aus. Da wird selbst die "Überschwemmung in Moret" (1879) zum pittoresken Ereignis. Aus den strahlend blauen Fluten ragen braun funkelnde Bäume hervor. Die Hausdächer leuchten in Rot, der Weg schimmert in Rosa. Zu den letzten Höhepunkten des Rundgangs gehört die Bildserie, die Sisley einer gotischen Kirche zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten gewidmet hat. Das Gemälde "Die Kirche von Moret-sur-Loing an einem regnerischen Morgen" (1893) zeigt einen schwerfälligen, teils bemoosten Koloss. "Die Kirche von Moret bei Frost" (1893) wirkt leichenblass. Im Bild "Eine alte Kirche am Nachmittag" (1893) leuchtet das Gemäuer hell und kalt. Im letzten Gemälde ist endlich Sommer: "Die Kirche von Moret (am Abend)" (1894) liegt in der unteren Zone im Schatten, der von der Sonne beschienene obere Bereich aber strahlt Wärme aus. Im Gegensatz zu den grau bezogenen anderen Bildern der Serie ist der Himmel strahlend blau. Von links zieht ein Wölkchen ins Gemälde.
"Alfred Sisley – der wahre Impressionist", bis 29. 1. 2012 im Von der Heydt-Museum, Turmhof 8, Wuppertal. Dienstags, mittwochs 11-18 Uhr, donnerstags, freitags 11-20 Uhr, samstags, sonntags 10-18 Uhr. Katalog 25 Euro.