Gütersloh. Nachsicht kannte Liz Mohn nicht: Wer tuschelte, anstatt zu lauschen, wurde zur Ordnung gerufen. Die Präsidentin der "Neuen Stimmen" verschaffte "ihren Künstlern" auch beim Empfang im Parkhotel, die Aufmerksamkeit, die ihrem Können gebührt. Zuvor hatte die 28-jährige Olga Bezsmertna aus der Ukraine den 14. Internationalen Gesangswettbewerb der Bertelsmann Stiftung vom Publikum umjubelt für sich entschieden.
Als die sechs Finalisten, Olga Bezsmertna (Ukraine), Jongmin Park (Südkorea) Jinxu Xiahou (China), Cristina-Antoaneta Pasaroiu (Rumänien), Nadezhda Karyazina (Russland) und Maria Celeng (Slowakei), um den Sieg sangen, und über 600 Gäste in der Stadthalle lauschten, war allen Zuhören klar, was Liz Mohn meinte als sie sagte, dass die "Neuen Stimmen" für Qualität, Leistung und Wettbewerb stünden. Knapp drei Stunden später als "Sole Mio" durch die Lobby des Parkhotels schallte, und die 41 Endrundenteilnehmer ihren Sängerfreund Jinxu Xiahou feierten, hatte die Präsidentin auch den Beleg für den verbindenden und Freundschaften stiftenen Charakter ihres Lieblingsprojektes.
Die Sänger, Sieger und Platzierte, feierten sich und ihre Kunst - ihr Publikum war, befreit vom Wettbewerbsdruck willkommene Staffage. Alle konnten dem Zweitplazierten Jongmin Park zustimmen, für den feststeht, dass die Oper schon deshalb Zukunft hat, weil die Sangeskunst durch keine noch so ausgeklügelte Technik zu ersetzten sein wird - diese Kunst ist zutiefst menschlich.
"Das ist das bisher beste Finale"
"Das ist das bisher beste Finale", sagte Stammgast und Nobilia-Geschäftsführer Günter Scheipermeier. Er war wie Gerry Weber, Margit Tönnies, Verona und Franjo Pooth, Birgit Schrowange, Karin und Markus Miele der Einladung der Stiftung gefolgt, um das Konzert zu hören. Viele Hälse reckten sich, als Liz Mohn den scheidenden Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski herzlich begrüßte.
Ostrowski und sein Nachfolger Thomas Rabe nahmen mit ihren Gattinnen einträchtig nebeneinander Platz. Doch das Interesse an der Führungsetage des größten europäischen Medienkonzerns war schnell erlahmt, als die Duisburger Philharmoniker die Bühne betraten und zu ihren Instrumenten griffen.
In der Pause nach dem ersten Durchgang, in dem jeder Finalteilnehmer eine Arie erklingen ließ, diskutierten Kenner und Liebhaber über ihre Favoriten. Rasch stand fest, dass die spätere Gewinnerin nur schwer zu schlagen sein dürfte. Doch auch der chinesische Tenor Xiahou Jinxu und der südkoreanische Bass Jongmin Park hatten ihre Anhänger gefunden.
Neidlose Anerkennung
Neidlos erkannten auch die bereits ausgeschiedenen Wettbewerbsteilnehmer die Leistungen ihrer ehemaligen Konkurrenten an und spendeten für jeden Aufritt frenetischen Applaus.
Erstmals wurden Bild und Ton ins Theater übertragen, wo viele Gütersloher dem Ereignis folgten. Sie feierten in der Skylobby weiter, während Liz Mohn unter der geladenen Gästen im Parkhotel für Ruhe für die Zugaben der Gesangstalente sorgte.
KOMMENTAR: "Wider die Provinz"
Die Wechselwirkungen zwischen weltweiter Bedeutung und ostwestfälischer Heimat sind für Bertelsmann nicht selten ein kaum zu schaffender Spagat. Das gilt nicht nur für den Konzern, sondern auch für die Stiftung. Die "Neuen Stimmen" könnten als Blaupause taugen, wie man weltweit wirken kann, ohne die eigenen Wurzeln zu beschneiden.
Was nah lag, wurde nach 22 Jahren Wirklichkeit: Stiftung und Stadt verordneten Gütersloh den "Klassik-Herbst" einen charmanten Rahmen für die "Neuen Stimmen", der lokalen Akteuren die Teilhabe ermöglichte, ohne das auf weltweite Wirkung angelegte Projekt in ein zu enges Korsett zu zwängen – die Premier lässt hoffen.
Fast nebenbei verriet Liz Mohn, dass auch das 25-Jährige der "Neuen Stimmen" anno 2012 in Gütersloh über die Bühne gehen werde – eine für die Bedeutung des Wettbewerbes keineswegs selbstverständliche Nachricht. Das Bekenntnis, die ganz große Kunst weiterhin an die Dalke zu holen, ist für die Stadt Versprechen und Herausforderung zugleich, denn nicht nur die Stadthalle muss aufgehübscht werden, um den Ansprüchen zu genügen; auch der "Klassik-Herbst" muss zu jener (Kultur-) Marke werden, die für den Standort wirbt.
Jenseits der ökonomischen Potenz der Stadt kann ein zu entwickelnder "Klassik-Herbst" jenes Instrument sein, das immer wieder zu Unrecht bemühte Klischee von der Provinzialität der Stadt zu brechen.
Und Ihre Meinung? Hinterlassen Sie uns Ihren Kommentar mit Hilfe der unten stehenden Kommentarfunktion oder senden Sie eine Email mit ihrem Kommentar an Thorsten Gödecker.