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27.01.2012
Die Choreografen Rainer Behr/Fabien Prioville über ihre Arbeit in Bielefeld und Pina Bausch
"Die Tänzer müssen sie selbst sein"

Kreative Köpfe | FOTO: CHRISTIAN WEISCHE

Bielefeld. Leicht war es nicht, Rainer Behr und Fabien Prioville zur Gastchoreografie nach Bielefeld zu locken. Beide, eng mit dem Wuppertaler Tanztheater und einst mit der verstorbenen Choreografin Pina Bausch verbunden, sind einfach zu beschäftigt. Behr reist mit dem Wuppertaler Ensemble durch die Weltgeschichte, Fabien Prioville leitet seine eigene Compagnie. Heike Krüger sprach mit ihnen über ihre Arbeit mit dem Bielefelder Tanztheater und über den Wenders-Film "Pina".

Info

Rainer Behr und Fabien Prioville

  • Rainer Behr (geb. 1964) studierte Tanz an der Folkwang Hochschule Essen.
  • 1990–1995 tanzte er im Folkwang Tanzstudio in Produktuionen von Urs Dietrich, Susanne Linke, Raffaella Giordano, Carolyn Carlson.
  • Seit 1995 Mitglied des Wuppertaler Tanztheaters, Choreografien u.a. in Südkorea, für die Tanzlandschaft Ruhr und das internationale Tanzfestival "Für Pina" (2004).
  • Fabien Prioville machte seine Ausbildung am Centre National de Danse Contemporaine/Angers.
  • Erste Engagements bei Édouard Lock/Kanada, Philippe Blanchard/Stockholm, 1999 bis 2006 Pina Bauschs Tanztheater Wuppertal.
  • Seit 2006 freiberuflicher Tänzer und Choreograf, u.a. in New York, Japan, Australien.
  •  Seit 2010 hat er seine eigene Tanzcompagnie.


Herr Behr, M. Prioville, war es ein schöner Auftrag für Sie?
RAINER BEHR: Unbedingt. Alles hat einen ganz schönen Weg genommen, die Tänzer haben schnell auf mich reagiert. Jetzt liegt alles in ihrer Hand.
PRIOVILLE: Ich fühle mich ein wenig privilegiert, weil ich ja nur mit einer Person (Dirk Kazmierczak) ein Solo erarbeitet habe. Man kann mit einer einzigen Person stärker in die Tiefe gehen, den Menschen herausarbeiten. Mein Bezug zu Dirk ist sehr persönlich. Wir diskutieren viel und reden fast wie Freunde.

Herr Behr, Sie haben schon früher choreografiert. Ist das für Sie als Tänzer so etwas wie die zweite Seite einer Medaille ?
BEHR: Choreografieren gehört für mich dazu, bei Pina Bausch hat jeder an den Stücken mitgebastelt. Sie hat ihre Fragen gestellt, die Stücke entstanden in direkter Einwirkung durch uns. Ich habe aber eher vor meiner Zeit in Wuppertal choreografiert, heute fehlt mir oft die Zeit.

Sie sind beide an der Erforschung der emotionalen Welt des Menschen interessiert. In Bielefeld arbeitet der eine mit nur einem Tänzer, der andere zeigt die ganze Compagnie. Was führte zur jeweiligen Besetzung?
PRIOVILLE: Ich habe schnell begriffen, dass ich total anders arbeite als Gregor Zöllig und dachte mir: Wenn ich sie wäre, würde ich eine Arbeit kennenlernen wollen, die ich noch nie erlebt habe, in Bezug auf den physischen Ausdruck. Ich dachte, in Anbetracht der knappen Probenzeit wäre es für mich leichter, meinen Ansatz mit einem einzigen Akteur zu erarbeiten.
BEHR: Ich hab’ mir gar nichts ausgesucht, ich habe einfach die Gruppe gekriegt (lacht). Und mit der habe ich gearbeitet.

Geben Sie mir ein paar Stichworte zu "Herbstzeitlose" und "From Here To There" ?
BEHR: Bei mir ist es ein sehr freier Arbeitsprozess. Am Anfang stelle ich den Tänzern Fragen. Es geht um die Begegnung von Menschen, um das, was dabei passiert, um das Ausloten von Grenzen. Wir begegnen uns mit all unseren Zuständen. Später muss ich das, was dabei herauskommt, auch selbst verstehen. Ich bin nicht derjenige, der alles vorherbestimmt. Ich will schon einen Zustand erreichen, aber wie der sich ereignet, das sind andere Kanäle.
PRIOVILLE: Bei mir ist das komplett anders, auch weil ich meine eigene Compagnie habe. Wenn ich Mittel einwerbe und sage, ich habe gar keine Ahnung, worüber ich in dem Stück reden werde, war’s das. Ich komme also gar nicht drumherum, mich immer wieder zu fragen, was mich definiert, worüber ich sprechen will. Ich kam mit einem fertigen Thema nach Bielefeld, es kreist um die Idee der Erlösung. Der Gedanke, dass der Tod allgegenwärtig ist und was das mit einem Künstler, dem Tänzer anstellt, für den wahrscheinlich die Krönung seiner Laufbahn wäre, eines Tages auf der Bühne zu sterben. Er sucht nach diesem Moment. Das Ganze berührt Dirks tatsächliche Erfahrung, weil er einmal wegen eines Lungenleidens in akuter Gefahr war.Worin liegt der Reiz, mit einem Ensemble zu arbeiten, das man nicht kennt?
PRIOVILLE: Für mich lag der Reiz darin, dem Tänzer zu vermitteln, er selbst zu sein, bevor er den Charakter einer Figur übernimmt. Anfangs hat er viele Dinge theatralisch überinterpretiert. Ich habe ihm gesagt: Reduzier das mal, wenn du überagierst, verliere ich die Verbindung. Da trifft sich Rainers und meine Konzeption, es ist ja auch die Schule von Pina Bausch. Selbst wenn wir eine Rolle zu lernen haben, nehmen wir unsere Persönlichkeit und machen damit den Job. Wir haben ja schon alles, was nötig ist und müssen nichts drüberstülpen. Außer, dass wir die Choreografie lernen müssen.
BEHR: Ich hatte Spaß, mit so vielen Unbekannten zu arbeiten. Auch so eine Lust, mal zu sehen, ob wir das schaffen.

Wie gefällt Ihnen das Theaterlabor als Bühne, die Nähe zum Publikum?
PRIOVILLE: Es passt absolut zum Format meines Solostücks. Ich reduziere die Bühne ja noch.
BEHR: Ich mag den Raum sehr und habe gleich gedacht: Das stimmt, so wie es ist. Da braucht man keine Tücher zum Verhängen der Türen oder so.

Sie beide haben enge Bindungen zum Wuppertaler Tanztheater – Sie als aktives Mitglied (Behr) und Sie als früheres Mitglied (Prioville). Wo hat Sie die Nachricht von Pina Bauschs plötzlichen Tod 2009 erreicht ?
PRIOVILLE: Mich erreichte das in Japan durch meine Frau, die in Wuppertal tanzt. Das war das erste Mal, dass ich es bedauert habe, in Japan zu sein. Schlagartig war ich der einsamste Mensch der Welt. Ich wollte bei meinen Leuten sein, ihnen beistehen. Gleichzeitig hatte ich eine gewisse Distanz zum Ensemble, weil meine Zeit dort schon zurücklag. In Bezug auf Pina: Ich habe bis heute nicht akzeptiert, dass sie fort ist. Ich war sehr glücklich, die Neuinszenierung von "Two Cigarettes in The Dark" zu sehen. Die hat mich so umgehauen, dass ich am Ende 15 Minuten in meinem Theatersessel kleben blieb. Pina hat es geschafft, mich noch nach ihrem Tod zu überraschen. Deshalb ist sie für mich auch nicht tot.

Sie haben beide in Wim Wenders’ Film "Pina" mitgewirkt, der viele Filmpreise einheimste und jetzt für einen Oscar nominiert ist. Hat Ihnen der Film bei der Trauerarbeit geholfen ?
PRIOVILLE: Ich war eigentlich mehr zufällig dabei, nicht bei den Ausschnitten aus den Bühnenstücken.
BEHR: Die Arbeit war unheimlich wichtig. Wir hatten etwas zu tun. Wenders hatte ja gezweifelt, ob er den Film, der mit Pina geplant war, überhaupt noch machen wollte. Es war aber richtig, sich in die Arbeit zu stürzen. So waren wir jeden Tag mit Pina zusammen. Es ging um sie, um ihre Arbeit.

Hat Sie das als Ensemble zusammengeschweißt?
BEHR: Auf jeden Fall. Wir sind immer noch, wie wir sind – aber wir sind uns im Herzen näher. Wenn ich ganz tief in mich hineinspüre, muss ich sagen: Das ist meine Familie.

Wie haben Sie Wenders erlebt?
BEHR: Er ist ein wunderbarer, ein lieber Mensch. Kein Macher, kein Regisseur auf dem Stuhl weit weg, sondern jemand, der von Pina und ihrer Arbeit fasziniert war. Der diesem Werk mit Demut begegnet. Er und seine Frau gehören zu dieser Wuppertaler Familie.

"Herbstzeitlose"/"From Here To There" läuft am 27., 28., 29. Januar, 2., 3., 4., 23., 24., 25. Februar, 1., 2., 3. März im Theaterlabor, Karten: (0521) 51-54 54.

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