Bielefeld. Mit der Hand gleitet Jörg Strothmann langsam über den Glitzervorhang. Tastgefühl ersetzt ihm das Augenlicht - der Bielefelder ist blind. Durch seine Finger nimmt die Kulisse des Stücks "Eine Sommernacht" in seinem Kopf Gestalt an. Der 43-Jährige hat an der ersten speziellen Einführung für Blinde und Sehbehinderte im Bielefelder Theater am Alten Markt teilgenommen.
Das Angebot ist in Ostwestfalen-Lippe einzigartig: Marcus Grube, Dramaturg von "Eine Sommernacht", erklärte den Teilnehmern eine Stunde vor Aufführungsbeginn, worum es in dem Stück geht und welche Figuren mitspielen. Anschließend durfte die Gruppe auf die Bühne, um Bühnenbild und Requisiten zu erfühlen. "Wir befinden uns auf Neuland und sind angewiesen auf ihren Pioniergeist", sagte Grube vor sieben blinden Gästen und ihren Begleitern.
Jörg Strothmann ist begeisterter Theatergänger gewesen, bis ihn sein Augenlicht wegen einer fortschreitenden Sehschwäche im Stich ließ. Sein Sehvermögen liegt bei einem Prozent - mehr als hell und dunkel kann er nicht erkennen. Bisher war die Auswahl der Theaterstücke für ihn eingeschränkt. "Entweder habe ich mir die Handlung vorher angelesen oder die Audio-Deskription genutzt."
Audio-Deskription eignet sich nicht
Audio-Deskription, bei der blinden Gästen über Kopfhörer erklärt wird, was auf der Bühne passiert, eignet sich jedoch nicht für das Sprechtheater. "Das ist für uns eine Hürde gewesen", sagte Marcus Grube. Wenn Schauspieler ohnehin viel sprechen, ist es kaum möglich, das weitere Geschehen auf der Bühne zu beschreiben.
Das neue Angebot erleichtert sehbehindertem Publikum den Zugang zu solchen Stücken. So konnten Jörg Strothmann und die anderen Teilnehmer Teppiche, Sessel und ein Schlagzeug ertasten. "Ich wusste bisher gar nicht, dass die Große Trommel mit dem Fuß getreten wird", sagte Strothmann, als er am Schlagzeug saß.
Stefanie Schröder führt normalerweise Großgruppen durch die Theaterräume. Die Führung für Blinde war auch für sie neu. "Es gibt Schwierigkeiten. Dazu gehört, die Sicherheitsbestimmungen einzuhalten." Ein Blinder kann Gefahrenstellen wie den Bühnenrand nicht so einfach erkennen. "Wir können diese Verantwortungen nicht auf die Begleitpersonen der Teilnehmer abwälzen." Viel zu tun also für das Theaterpersonal.
Auch Rollenwechsel problematisch
Für die Blindenführung kommen zudem auch nicht alle Stücke infrage. Aufführungen, bei denen ein Schauspieler in mehrere Rollen schlüpft, sind problematisch. "Blinde sehen nicht, wenn der Darsteller ein anderes Kostüm trägt", sagte Schröder. So sind die Teilnehmer darauf angewiesen, dass der Schauspieler bei einem Rollenwechsel zumindest die Stimme verstellt.
Während der Vorführung von "Eine Sommernacht" saßen die Teilnehmer in der ersten und zweiten Reihe des Zuschauerraums. Durch die Nähe zur Bühne wurde das Zuhören erleichtert. Nach dem Stück bekam Stefanie Schröder ausgesprochen gute Rückmeldungen. "Es konnte gar nicht besser laufen. Alle waren zufrieden und angetan." Die befürchteten Schwierigkeiten in der Umsetzung stellten sich als nicht so schwerwiegend heraus. "Sie haben weniger Unterstützung gebraucht, als vorher vermutet."
Sollten sich weiterhin Interessenten für solche Angebote finden, will das Theater Bielefeld diese Führung für ein zweites Stück anbieten. Jörg Strothmann war zufrieden mit dem Abend. "Ich fand das wirklich toll, alles wurde sehr gut beschrieben." Er habe sich das Bühnenbild während der Aufführung gut vorstellen können - ohne die Begehung wären ihm Teppiche, Sessel und der Glitzervorhang verborgen geblieben.
Führung durch das Stadttheater
Nach der Bühnenbegehung bietet das Theater Bielefeld am Samstag, 11. Februar, um 14 Uhr für Blinde und Sehbehinderte eine Führung durch die Abteilungen und Werkstätten im Stadttheater Bielefeld an. Die Höchstteilnehmerzahl beträgt inklusive Begleitung 20 Personen. Eine Anmeldung ist notwendig. Diese nimmt Stefanie Schröder unter Tel. (0521) 51 64 10 oder per Mail an
stefanie.schroeder@bielefeld.de entgegen. Die Führung kostet für Teilnehmer und Begleitperson zusammen vier Euro, die vor Ort bezahlt werden können. (nibu)