Bielefeld. Seinen ersten großen Auftritt hatte Tim Bendzko 2009, als er vor 20.000 Menschen auf der Berliner Waldbühne auftrat. Er hatte an einem Wettbewerb teilgenommen und einen Supportauftritt gewonnen. Jetzt füllt der 26-Jährige mühelos allein die Hallen – auch sein Konzert im Ringlokschuppen am kommenden Sonntag ist ausverkauft. David Sarkar sprach mit dem Sänger.
Herr Bendzko, schon als Kind haben Sie davon geträumt, als Musiker Erfolg zu haben. Der Traum ist wahr geworden. Für das Album "Wenn Worte meine Sprache wären" gab es jeweils Platin und mehrere Preise. Ist die Musikbranche so, wie Sie sich das damals vorgestellt haben?TIM BENDZKO: Alles was ich jetzt an Musik mache, ist genauso wie ich es mir vorgestellt habe. Und musikbranchentechnisch gibt es jetzt auch nicht viele Sachen, die mich wundern. Es ist natürlich klar, dass am Anfang erstmal alle feiern: "Oh, da hat jetzt jemand mit richtiger Musik Erfolg in Deutschland. Super!". Aber dann kommt der Punkt, wo es den Leuten wieder zu erfolgreich ist, und man den Neid innerhalb der Musikbranche spürt.
Und bezogen auf die Arbeit mit der Plattenfirma?BENDZKO: Das läuft komischerweise entspannter, als ich gedacht habe. Man geht ja davon aus, dass dir bei einem Major-Label überall reingeredet wird und du ständig Kriege ausfechten musst. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund habe ich da bisher aber großes Glück gehabt. Ich war bei meiner Plattenfirma Sony Music ja auch der erste normale Künstler nach all diesen DSDS-Leuten, die jetzt bei Universal sind. Ich kann nur sagen: Von der Songauswahl über die Produktion bis zum Albumcover, jeder kleinste Bestandteil der ganzen Sache wurde nach meinen Vorstellungen umgesetzt.
In den Medien werden Sie nicht selten als "Pop-Schwiegersohn" oder "Pop-Schnuckel" betitelt. Wie wichtig ist es im Musikbusiness ein Image zu haben, und inwiefern haben Sie dieses Image selbst in der Hand?BENDZKO: Da bin ich total emotionslos. Mir war schon am Anfang bewusst, dass die Medien sich was suchen und sich daran hochhangeln werden. Sich dagegen aufzulehnen oder das irgendwie versuchen ändern zu wollen, ist für mich aber vergebene Liebesmüh. Das führt am Ende des Tages eher zum Gegenteil. Im Endeffekt möchte ich nur meine Musik machen, und wenn wir live spielen und tausende Menschen uns sehen wollen, dann spricht das für sich. Alles andere ist nicht so wichtig.
Derzeit sind viele junge deutsche Singer-Songwriter auf dem Markt: Clueso, Philipp Poisel und Bosse, um nur ein paar zu nennen. Wie stark ist die Konkurrenz zwischen Ihnen?BENDZKO: Da fragst du jetzt den Falschen. Wir sind gerade so unfassbar erfolgreich, dass da nicht mal in Ansätzen an Konkurrenz zu denken wäre (lacht). Das hättest du mich fragen sollen, wenn das Album gefloppt wäre, ist es aber zum Glück nicht. Aber im Ernst, das ist wirklich entspannt zwischen uns. Wir machen in meinen Augen auch alle ganz unterschiedliche Musiken. Das mag für den Otto Normalverbraucher nicht so richtig zu erkennen sein, aber Clueso ist zum Beispiel viel elektronischer als wir. Und wenn ich Philipp Poisel höre, ist das viel mehr Singer-Songwriter als das, was wir machen. Von Konkurrenz kann ich da wirklich nicht sprechen. Im Gegenteil: Ich feier die Sachen, die die machen.
Ihre Debütsingle "Nur noch kurz die Welt retten" lief im letzten Sommer im Radio rauf und runter. Der Song ist in seiner Machart sehr radiotauglich produziert. Eine bewusste Entscheidung?BENDZKO: Das ist ja so der Grundbaustein, den man verinnerlichen sollte: Wenn man Popmusik macht, dann sollte die auch im Radio laufen. Man kann natürlich extrem viele Werbespots im Fernsehen schalten, aber das führt in der Regel zu nichts. Die Leute müssen die Musik für sich selbst entdecken, und das können sie nur, wenn sie im Radio läuft. Man produziert das aber nicht mit Absicht "auf Radio". Das ist einfach Pop-Musik, und die ist von Natur aus ziemlich radiotauglich. Ich wüsste nicht, wie man den Song jetzt hätte anders produzieren sollen, damit er nicht im Radio läuft. Das würde keinen Sinn machen. "Nur noch kurz die Welt retten" war von der ersten Sekunde an, so wie er jetzt ist, da wurde nichts fürs Radio verändert.
Würden Sie es eigentlich bedauern, wenn die Menschen Ihre Musik nur noch downloaden?BENDZKO: Ich bin da relativ emotionslos. Wenn den Leuten das reicht, die Musik so zu hören, dann soll das so sein. Ich bin weit davon entfernt, mich darüber zu beklagen.
Wie kaufen Sie heute hauptsächlich Musik?BENDZKO: Ich bin total auf iTunes (lacht). Aus dem einfachen Grund: Wenn ich mir eine CD kaufe, dann zieh ich mir die gleich auf den Mac, packe sie ins Regal und fasse sie zehn Jahre nicht mehr an. Ich habe sehr lange auch noch CDs gekauft, aber auch in das Booklet gucke ich dann nur einmal rein, dafür muss ich nicht unbedingt eine CD haben. Und da ich eh die meiste Zeit unterwegs bin, lohnt sich das nicht mehr.
In Interviews haben Sie erzählt, dass Sie auch den eigenen Songs gegenüber sehr kritisch sind, an manchen bis zu einem halben Jahr arbeiten. BENDZKO: Das ist wirklich unterschiedlich. Die meisten Songs schreibe ich effektiv an zwei Tagen, also an einem Tag habe ich die Idee, am nächsten schreibe ich ihn fertig. Aber es gibt so Songs, mit denen geht man halt lange schwanger, und die sind erst dann fertig, wenn ich das Gefühl habe, dass sie fertig sind. Solange ich es besser machen kann, muss die Zeit dafür da sein. Da ist es auch egal, ob es irgendwelche Abgabefristen gibt: Wenn man es besser machen kann, machen wir’s besser! (lacht)
Viele Plattenverkäufe und volle Konzerthallen bringen im besten Fall auch frisches Geld in die Kasse. Was bedeuten Ihnen Geld und Statussymbole?BENDZKO: Das ist mir grundsätzlich erstmal nicht wichtig. Ich möchte gerne so viel haben, dass ich einfach nicht drüber nachdenken muss. Ich muss aber keinen Ferrari fahren. Das wäre totaler Schwachsinn. Ich möchte eine Wohnung haben, in der ich mich wohl fühle, und die kann ich mir jetzt leisten. Ich habe mich in den letzten Jahren oft genug gefragt, wie ich die nächste Woche finanziell überstehen soll. Ich freue mich, dass diese Zeit jetzt vorbei ist.
Sind Sie ein sparsamer Mensch?BENDZKO: Nein, so wirklich sparsam bin ich nicht. Ich gebe mein Geld nicht für sinnlosen Luxus aus, habe aber eine extreme Schwäche für technische Geräte. Wenn ich irgendwas sehe, was ich auch nur ansatzweise gebrauchen kann, schlage ich zu. Ich bin zuhause total vernetzt (lacht). Die Hemmschwelle ist da auch geringer geworden. Früher habe ich ein halbes Jahr auf irgendein technisches Gerät gespart, und heute hole ich es mir einfach. Das ist schon ein schönes Gefühl. Macht mir aber auch ein bisschen Angst.
Was erwartet die Zuschauer auf Ihrer "Du warst noch nie hier"-Tour?BENDZKO: Wir spielen alle Songs vom Album, die live auch nochmal ein bisschen anders klingen als auf dem Album. Das wird den Leuten viel näher gehen, weil es einfach echte Musik ist. Und natürlich wird man von meiner Seite aus extrem viel Tanz sehen (lacht). Dazu spielen wir einige bisher unveröffentlichte Songs, die nicht auf dem Album zu finden sind. Da kann man sich auf jeden Fall auf einiges gefasst machen.
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