Bielefeld. Im Jahr 1982 fasste der Pionier der Mikrofotografie, der Bielefelder Carl Strüwe, einen Entschluss. Er übergab der Kunsthalle Bielefeld mehr als 450 Fotos aus seinem umfangreichen Schaffen. Ein ungehobener Schatz, denn die Gabe war seitdem nur selten öffentlich zu sehen. Doch das ändert sich nun – zumindest temporär. Kunsthalle und Kunstverein Bielefeld widmen gemeinsam dem Künstler (1898-1988) ab Sonntag eine große Retrospektive. Titel: "Carl Strüwe – Reisen in unbekannte Welten".
"Wir zeigen den ganzen Strüwe", betont Kunsthallen-Direktor Friedrich Meschede beim Presserundgang. Denn der Sohn eines Malermeisters, der 1898 in Bielefeld geboren wurde, war nicht nur Fotograf, sondern auch Zeichner und Maler – aber als solcher bisher wenig bekannt. Insofern ist der Titel der Schau, "Reisen in unbekannte Welten", wohl gewählt.
Selbstporträt | FOTO: KUNSTHALLE
Bleistiftzeichnungen prägen das Frühwerk Strüwes, das zwischen 1916 und 1922 entsteht. Landschaften, Stadtansichten Bielefelds und Porträts sind zu entdecken. Ab 1919 werden seine Arbeiten spannender. Kubistische Formen ersetzen die bis dato eher naturalistischen Zeichnungen. Der Strich wird kräftiger, dichter, dunkler, abstrakter, seine Arbeiten weisen eine eigene Handschrift auf. Deutlich wird, hier ringt ein junger Mann, der als Lithograf für eine Bielefelder Werbefirma arbeitet und nebenbei Kunst studiert, um seinen künstlerischen Ausdruck, seinen Weg als Künstler.
Mikrofotografie durch das Mikroskop
Den findet er ab 1926 endgültig – nicht in der Malerei, sondern in der Fotografie und speziell in der Mikrofotografie durch das Mikroskop. "Was die Initialzündung zur Fotografie gab, wissen wir nicht", betont Gottfried Jäger, der das Bielefelder Carl-Strüwe-Archiv leitet, und zusammen mit Jutta Hülsewig-Johnen, stellvertretende Direktorin der Bielefelder Kunsthalle, und Thomas Thiel, Leiter des Bielefelder Kunstvereins, die Ausstellung kuratiert hat. Strüwe selbst formulierte 1956 seine Faszination für die Mikrofotografie so: "Als ich 1924 zum ersten Mal durch ein Mikroskop sah, war mein Schulwissen aus der Naturkunde längst verblasst. Dergestalt unbelastet sah ich fast ausschließlich Formen, Farben und eine Fülle erregender Variationen von Schwarz, Grau und Weiß. Ich sah Bilder."
Und die müssen ihn so fasziniert haben, dass er sie fortan mit seiner Kamera bannte und so zum Pionier der Mikrofotografie wurde. In sieben Werkgruppen gegliedert zeigt die sehenswerte, kompakt arrangierte Bielefelder Ausstellung, wie Strüwes mikrofotografische Arbeiten zwischen 1926 und 1959 sich entwickeln.
Ausgangspunkt ist sein erstes durch ein Mikroskop fotografiertes Bild aus dem Jahr 1926. Scheinbar rotierende Kreise dominieren das Foto, das einen Schnitt durch den Kieferknochen eines Wals zeigt. "Weiß über Grau schwebend", betitelt es Strüwe. Ein poetischer Titel, der klar macht, Strüwe will keine wissenschaftliche Mikrofotografie betreiben, sondern künstlerisch arbeiten, eigene Bilder zeigen. Anfangs sind es die elementaren Formen, Kreise, Spiralen, Vierecke, die die eher noch sachlichen Fotos von Kleinstlebewesen, Kristallen, Insekten und Flüssigkeiten prägen.
Eine große, suggestive Kraft
Je tiefer Strüwe eintaucht in die Welt der Mikrofotografie desto künstlerischer werden seine Bilder. Mehrfachbelichtungen, Montage und das Spiel mit dem Licht als formende Kraft lassen Fotos wie die "Anker-Komposition" aus dem Jahr 1950 oder das "Insektendrama" (1955) entstehen, die von großer suggestiver Kraft sind. Ein Fotograf auf dem Höhepunkt seines Schaffens, der 1959 dennoch seine letzte Aufnahme macht. "Endzeit-Melancholie" ist das Foto betitelt, das als einziges Bild der Ausstellung ein zertrümmertes Kleinstlebewesen zeigt. Ein Bild von vollendeter Schönheit und Destruktion.
Eine Abschiedsarbeit des Mikrofotografen, der in der Schau auch als Reisefotograf beeindruckt und fortan nur noch malt – farbintensive und immer abstrakter werdende Landschaftsbilder. Ein Kreis scheint sich zu schließen. Und zu öffnen, denn wer von der Kunsthalle aufbricht ins Domizil des Kunstvereins, kann erleben, wie Strüwes Werk die Künstler Liz Deschenes, Jan Paul Evers und Jochen Lempert auch heute noch inspiriert. Sehenswert.
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