Bielefeld. Mit ihrer Popularität hat sie vor Jahren schon Schönbergs Violinkonzert weltweit zu neuer Aufmerksamkeit verholfen. Dann hob Hilary Hahn das ihr gewidmete Konzert der US-Komponistin Jennifer Higdon aus der Taufe. Nun widmet sich die 31-jährige Geigenvirtuosin, die der Moderne zugetan ist, auf bezwingende Weise dem Schaffen des Amerikaners Charles Ives (1874-1954), einem lange sträflich unterschätzten musikalischen Pionier.
Zusammen mit der fabelhaften ukrainischen Pianistin Valentina Lisitsa hat Hilary Hahn Ives’ vier Sonaten für Violine und Klavier eingespielt – eine faszinierende Aufnahme, der man getrost Referenzstatus zusprechen darf. Weitgehend unabhängig von der europäischen Musiktradition entwickelte Charles Ives eine eigensinnige, dabei sehr vitale Musiksprache.
Er verarbeitete amerikanische Kirchenlieder, Märsche und Ragtime-Rhythmik. Noch vor Schönberg kombinierte er in seinen Werken mehrere Tonarten und Rhythmen, experimentierte mit Vierteltönen. Weil er vielschichtige und triviale Klänge collagenartig miteinander verband, wird er häufig mit Mahler verglichen.
Ives war Sohn eines Musikers, studierte Musik in Yale, verdiente seinen Lebensunterhalt aber als erfolgreicher Versicherungsmakler. Das gewährte ihm finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit. Wenn er in seiner Freizeit komponierte, brauchte er nicht auf Publikumsgeschmack oder Verlegerwünsche Rücksicht zu nehmen, sondern konnte seine musikalischen Vorstellungen umsetzen.
Wenn sich nun ein faszinierend gereiftes, künstlerisch unbestechliches ehemaliges Geigen-Wunderkind wie Hilary Hahn der vier Violinsonaten von Ives annimmt, ist das ein Glücksfall. Die noble Präzision ihres Spiels noch an den schwierigsten Stellen, ihre scheinbar ungerührte Nüchternheit, bei der umso wirkungsvoller Gefühl durchscheint, wenn es geboten ist, der dezente Drive, den sie schon den Bach-Konzerten gab – alles das macht sie zu einer idealen Ives-Interpretin.
Gleiches gilt für Pianistin Valentina Lisitsa, die bisher vor allem durch gefeierte Konzerte und von enthusiastischen Fans hochgeladene Youtube-Videos auf sich aufmerksam machte.
Die beiden Musikerinnen haben sich die zwischen 1903 und 1916 entstandenen Ives-Sonaten gründlich erarbeitet. Auf ihren Welttourneen wurde der Zugang zu diesen komplexen Werken vertieft. Erst dann sind sie ins Studio gegangen. Diese intensive Beschäftigung und Leidenschaft ist der CD Takt für Takt anzuhören. Ob in der noch recht konservativ gebauten Sonate Nr. 1, ob in der Nr. 2 mit ihren Saloon-Fiddle- und Ragtime-Anleihen im Mittelsatz, ob in der eher zurückhaltend-hymnische Nr. 3 oder der unbeschwerten Nr. 4 – stets passt das Duo sich den wechselnden Farben mit traumhaftem Gespür an.
Ives hat Violine und Klavier in seinen Sonaten gleichberechtigt bedacht und gefordert, die beiden sich perfekt verstehenden Interpretinnen bleiben den Werken keine gestalterische Nuance schuldig. Eine Entdeckung.
"Charles Ives. Four Sonatas", Hilary Hahn (Violine), Valentina Lisitsa (Klavier), CD, Deutsche Grammophon.