Bielefeld. Sein ICE-Zug hat Verspätung. Das Publikum des Stadttheaters geduldet sich. Dann tritt Joachim Gauck vor den roten Vorhang an den Lesetisch. Lesen, erzählen und frei rezitieren wird er aus seinen Erinnerungen "Winter im Sommer – Frühling im Herbst".
Im ausverkauftem Theater erklärt Joachim Gauck den gewählten Buchtitel. Der Winter im Sommer, das war der Sommer, in dem er als Zehnjähriger seinen Vater verlor, weil er abgeholt, verurteilt und nach Sibirien verschleppt worden war. Der Frühling im Herbst, das ist die Zeit der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR, in der er als Bürgerrechtler agierte.
Joachim Gauck gibt sich seinem Publikum souverän, ist ein in sich ruhender Redner, der mal ironisch, mal humorvoll erzählt. Seine Erinnerungen schrieb er mit siebzig auf, mit Hilfe der Publizistin Helga Hirsch. "Einiges sprach ich auf Tonträger. Dann konnte sie es gleich eindampfen", sagt Gauck entspannt. "Ich selbst schreibe so altmodisch mit der Hand auf Papier", lacht er und es ist sympathisch, dass er sowohl über seine Stärken wie auch über die dunkleren Tage seines Lebens zu berichten weiß.
Tief verschlossene Trauer
"Ich wollte ein starker Mann sein", sagt er über die Ausreise seiner drei Kinder und seine damit verbundene, lange und tief verschlossene Trauer. Seinen Zuhörern schildert er die schwierige Lage der DDR-Jugend, die ohne Mitgliedschaft in der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ) kein Abitur machen durfte. Das aufkommende Gefühl der Nostalgie hingegen sei nichts anderes als eine Erinnerung, die ohne Schmerz, Trauer und Reue auskomme.
Zu erzählen hat Joachim Gauck eine Menge, über seine entbehrungsreiche Jugend an der Ostseeküste, seine Entscheidung zur Theologie und den Weg zum Glauben, die Zeit als evangelischer Pastor in Mecklenburg. Nach dem Mauerfall wählte man ihn zum Abgeordneten im ersten freien Parlament der DDR und er wurde erster "Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik".
Über seine Nominierung zum Bundespräsidenten 2010 sprach der parteifreie Publizist an diesem Abend nicht, wohl aber über die brutale Wirklichkeit unter "Väterchen" Stalin, die es wachzuhalten gilt. In der DDR war er ein kritischer Zeitgeist, der in seiner Kirche einen angstfreien Raum schuf für alle Themen, die Menschen bewegen. "Freiheit, die ich meine" ist sein Lebensthema, wie er seinem Publikum lesend verdeutlicht.
Dabei bleibt Gauck realistisch: "Die Freiheit als Wirklichkeit ist nicht nur Glück. Sie ist auch Beschwernis." Die "warme und tiefe Zuneigung zur Freiheit", das sehnsüchtige Ziel Freiheit blieb, trotz aller realen Unzulänglichkeiten: "Es kann nicht anders sein: Sie wird mir immer leuchten."
- Joachim Gauck: "Winter im Sommer – Frühling im Herbst"; Pantheon Verlag, Paperback, 349 Seiten, 14,99 Euro.
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