Sonnabend, 26.05.2012
Homepage-Ticker | RSS | Twitter | Impressum | Kontakt | AGB | Mediadaten


Schrift

07.02.2012
BIELEFELD
Joachim Gauck las aus seinen Erinnerungen
Bielefelder Stadttheater war ausverkauft
VON MARIA FRICKENSTEIN

Lesung vor rotem Vorhang | FOTO: MARIA FRICKENSTEIN

Bielefeld. Sein ICE-Zug hat Verspätung. Das Publikum des Stadttheaters geduldet sich. Dann tritt Joachim Gauck vor den roten Vorhang an den Lesetisch. Lesen, erzählen und frei rezitieren wird er aus seinen Erinnerungen "Winter im Sommer – Frühling im Herbst".

Im ausverkauftem Theater erklärt Joachim Gauck den gewählten Buchtitel. Der Winter im Sommer, das war der Sommer, in dem er als Zehnjähriger seinen Vater verlor, weil er abgeholt, verurteilt und nach Sibirien verschleppt worden war. Der Frühling im Herbst, das ist die Zeit der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR, in der er als Bürgerrechtler agierte.

Joachim Gauck gibt sich seinem Publikum souverän, ist ein in sich ruhender Redner, der mal ironisch, mal humorvoll erzählt. Seine Erinnerungen schrieb er mit siebzig auf, mit Hilfe der Publizistin Helga Hirsch. "Einiges sprach ich auf Tonträger. Dann konnte sie es gleich eindampfen", sagt Gauck entspannt. "Ich selbst schreibe so altmodisch mit der Hand auf Papier", lacht er und es ist sympathisch, dass er sowohl über seine Stärken wie auch über die dunkleren Tage seines Lebens zu berichten weiß.

Tief verschlossene Trauer

"Ich wollte ein starker Mann sein", sagt er über die Ausreise seiner drei Kinder und seine damit verbundene, lange und tief verschlossene Trauer. Seinen Zuhörern schildert er die schwierige Lage der DDR-Jugend, die ohne Mitgliedschaft in der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ) kein Abitur machen durfte. Das aufkommende Gefühl der Nostalgie hingegen sei nichts anderes als eine Erinnerung, die ohne Schmerz, Trauer und Reue auskomme.

Zu erzählen hat Joachim Gauck eine Menge, über seine entbehrungsreiche Jugend an der Ostseeküste, seine Entscheidung zur Theologie und den Weg zum Glauben, die Zeit als evangelischer Pastor in Mecklenburg. Nach dem Mauerfall wählte man ihn zum Abgeordneten im ersten freien Parlament der DDR und er wurde erster "Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik".

Über seine Nominierung zum Bundespräsidenten 2010 sprach der parteifreie Publizist an diesem Abend nicht, wohl aber über die brutale Wirklichkeit unter "Väterchen" Stalin, die es wachzuhalten gilt. In der DDR war er ein kritischer Zeitgeist, der in seiner Kirche einen angstfreien Raum schuf für alle Themen, die Menschen bewegen. "Freiheit, die ich meine" ist sein Lebensthema, wie er seinem Publikum lesend verdeutlicht.

Dabei bleibt Gauck realistisch: "Die Freiheit als Wirklichkeit ist nicht nur Glück. Sie ist auch Beschwernis." Die "warme und tiefe Zuneigung zur Freiheit", das sehnsüchtige Ziel Freiheit blieb, trotz aller realen Unzulänglichkeiten: "Es kann nicht anders sein: Sie wird mir immer leuchten."

  • Joachim Gauck: "Winter im Sommer – Frühling im Herbst"; Pantheon Verlag, Paperback, 349 Seiten, 14,99 Euro.



WAS MEINEN SIE? SCHREIBEN SIE IHRE MEINUNG



Sicherheitscode:

Bitte geben Sie oben
stehenden Code hier ein*:


*Pflichtfelder





Anzeige
Weitere Nachrichten aus der Kultur
Theater verzaubert die Paderstadt
Paderborn. Das neue Theater Paderborn war bis Freitagabend Gastgeber des 28. professionellen Kinder- und Jugendtheatertreffens NRW "Westwind". Elf bemerkenswerte Produktionen von Stadttheatern... mehr

PADERBORN
Trügerische Paradiese des William Turner in Paderborn
Paderborn-Schloß Neuhaus. Er war einer der mobilsten Künstler seiner Zeit, skizzierte unermüdlich auf seinen Reisen und rückte die Landschaftsmalerei in ein völlig neues Blickfeld... mehr

DETMOLD
Detmold als Freilichtbühne
Detmold (nw). Die Stadt aus ganz neuen Blickwinkeln zu erleben: Dazu lädt das Europäische Straßentheaterfestival in Detmold ein. Über Pfingsten wird die Residenz zu einer großen Freilichtbühne... mehr

GÜTERSLOH
Liz Mohn feiert 25 Jahre Wettbewerb "Neue Stimmen"
Vor 25 Jahren hat Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn den Wettbewerb "Neue Stimmen" für den Opernachwuchs ins Leben gerufen. Das soll gefeiert werden: Mit einer Jubiläumsfeier, die für das Jahresende angesetzt ist. mehr



Anzeige


Anzeigen

Videos
Fotos aus OWL
Bad Oeynhausen: 29. Nationaler Stadtlauf
Bad Oeynhausen: 29. Nationaler Stadtlauf
Herzebrock-Clarholz: Unfall mit sechs Verletzten
Herzebrock-Clarholz: Unfall mit sechs Verletzten
Espelkamp: Saisonstart im Waldfreibad
Espelkamp: Saisonstart im Waldfreibad
Höxter: Kollision auf der Kreuzung
Höxter: Kollision auf der Kreuzung
Bad Oeynhausen: Fußball-Turnier der Grundschul-Mädchen
Bad Oeynhausen: Fußball-Turnier der Grundschul-Mädchen
Entrup: Aussichts- und Telegrafenturm eingeweiht
Entrup: Aussichts- und Telegrafenturm eingeweiht


OWL
OWL: Westfalen kommt in Schulbüchern kaum vor
Wie wichtig es offenbar ist, den Blick NRWs – wie an diesem Wochenende – öfter nach Ostwestfalen-Lippe zu lenken, zeigt eine Studie... mehr

MINDEN: Korrupter Beamter in Minden kassiert Asylbewerber ab
Ein leitender Mindener Beamter ist wegen Korruption zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Er soll von Asylbewerberinnen eine... mehr

HERFORD: "Chefsekretärin" gesucht: Männlicher Bewerber fühlt sich diskriminiert
Ausgerechnet ein Personaldienstleister hat bei einer Stellenausschreibung eine Bestimmung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) verletzt und... mehr

BIELEFELD: Ex-Armine Oliver Kirch heiratet Model Jana Flötotto kirchlich
Oliver Kirch, Ex-Fußballer von Arminia Bielefeld, und das Model Jana Flötotto haben sich in Gütersloh trauen lassen und in der Orangerie von Schloss... mehr

HERZEBROCK-CLARHOLZ: Sechs Verletzte bei Unfall in Herzebrock-Clarholz
Schwerer Unfall mit sechs Verletzten am Freitagnachmittag auf der Bundesstraße 64 zwischen Herzebrock und Clarholz im Kreis Gütersloh. Die Ursache ist... mehr