Bielefeld. Ein Schauspieler schlüpft in die Rolle eines Schriftstellers. Ein Trommelwirbel und die Verwandlung ist komplett. Walter Sittler trägt einen leichten, hellen Mantel, Anzug nebst Weste und Krawatte, nimmt Hut und schwarzen Regenschirm. Mit seinem neuen Programm "Vom Kleinmaleins des Seins" setzt der Schauspieler seine Annäherung an den deutschen Literaten Erich Kästner fort. Das Publikum findet sich wieder im Jahre 1919.
Grimmepreisträger Walter Sittler, bekannt durch TV-Serien wie "Girlfriends", gestaltet den Abend in der Oetkerhalle als einen langen Monolog. Musikalisch illustriert das sechsköpfige Ensemble um Libor Šíma die Szenerie, spielt Charleston, Jazziges, Salonmusik.
Mal spricht Walter Sittler als "Ich", dann in Distanz zu seiner Rolle als "Er". Dann hört das Publikum in der Oetkerhalle das vertraute "Du" in den vielen Briefen an die Mutter, zu der Kästner ein inniges Verhältnis pflegte. Sittler schöpft aus vielen Quellen, den unzähligen Gedichten, Essays, kleinen Geschichten und Kästners Tagebuch "Notabene 45", Erlebnisse zum Ende des Zweiten Weltkrieges.
Vertreter der "Neuen Sachlichkeit"
"Die Dummheiten wechseln. Die Dummheit bleibt." Kästner verstand es, das Menschliche sprachlich ins Bild zu setzen. In Dresden wuchs er auf, ging zum Studium nach Leipzig, verdiente als wandelnde Plakatwand und mit ersten Theaterkritiken sein Geld. Walter Sittler beschreibt das Berlin der zwanziger Jahre, in der Kästner seinen ersten Gedichtband "Herz auf Taille" 1928 herausgab. Kästner galt als ein Vertreter der "Neuen Sachlichkeit", band gesellschaftliche und politische Kritik in seine Verse ein, gab der Lyrik eine neue Richtung. "Gebrauchslyrik" nannte er sie, Gedichte für den Alltag, quasi eine Selbsttherapie in Vers und Reim.
Sittler taucht ein in das "Talent fressende" Berlin, lockert auf mit kleinen Tanzschritten, erzählt von rauschenden Festen, von Dichterkollegen wie Kurt Tucholsky, Hermann Kesten, Carl von Ossietzky. In salopper Sprache kritisierte Kästner Militarismus, Bürokratie und "Zinseszinsrechnung", entlarvte kleinbürgerliches Denken und appellierte mit moralisch-idealistischem Optimismus an den guten menschlichen Willen.
Satire, Ironie sind die Tinte in seiner spitzen, dem Menschen zugewandten Feder, Melancholie und Resignation sind ihm nicht allzu fremd. Er ist ein Beobachter, hält fest, gibt die Stimmung wieder: "Die Zeit ist schwarz. Ich mach’ euch nichts weis." Seine Bücher wurden mit denen anderer am 10. Mai 1933 öffentlich verbrannt und Kästner erhielt Publikationsverbot.
Weniger Stoff wäre dienlich gewesen
"Er kommt unaufgeregt und unaufdringlich daher", sagt Sittler über Kästner, der seine Gedichte selbst gern vorlas, auf Platten sprach, die Erzählerstimme bei Verfilmung und im Hörspiel übernahm und Solo-Abende veranstaltete. Insofern folgt Walter Sittler seiner Rolle und doch, die Erwartung an die Interpretation eines Jahrzehnte zurückliegenden Stoffes sollte diese Chance der Neuinszenierung nutzen und nicht nur rekapitulieren und darin stecken bleiben.
Weniger Stoff wäre hier vielleicht sogar dienlich gewesen. Das Unaufgeregte in derselben Form fortzuführen, scheint fehl am Platz, wirkt erstarrt, der Zeit entrückt. Die Sprache wäre das Vehikel, um die Feinheit der Ironie Kästners hörbar, also erfahrbar zu machen, die moralische Note zu übertreiben, die Ambivalenz der Satire an der Erfahrungswelt des Publikums zu reiben.
Statt dessen tritt Walter Sittler in die Fußstapfen Kästners, ohne den Kästner hinter seiner Schrift zu entdecken und eine Stimme zu geben, wie den Zwiespalt seiner Existenz, der sich im Alkoholismus manifestierte. Das wäre ein Wagnis gewesen. Möglich wäre auch der Versuch des Gesangs seiner Verse, die Liedtexte sind und kaum gesungen werden. Schade um diese kaum genutzten Chancen.