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11.02.2012
"Ich bin eine Fragestellerin"
INTERVIEW: Operndirektorin Helen Malkowsky über ihr Selbstverständnis als Regisseurin

Helen Malkowsky | FOTO: BARBARA FRANKE

Bielefeld. Ob "Carmen", "Alice im Wunderland" oder "Don Giovanni" – die Inszenierungen von Operndirektorin Helen Malkowsky meiden das Klischee, sind ambitioniert, überraschend – und bisweilen umstritten. Im Gespräch mit Anke Groenewold erklärt Malkowsky, wie sie ihre Aufgabe als Regisseurin versteht.

Frau Malkowsky, Ihre "Carmen" wurde unter anderem als "Neuschöpfung" kritisiert, die an dem vorbeigeht, was der Komponist zu Papier gebracht hat.
HELEN MALKOWSKY: "Etwas zu Papier gebracht" ist ein gutes Stichwort. Mehr als die Noten und der Urtext stehen uns meist nicht zur Verfügung, manchmal gibt es verschiedene autorisierte Fassungen, wie übrigens bei "Carmen". Dazu kommen Texte über die jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Umstände und Zwänge der Komponisten. Insofern stehen wir jedes Mal vor der Aufgabe, aus dieser Hinterlassenschaft etwas Lebendiges zu formen. Ohne uns Musiker, uns Macher von heute bleiben die Werke stumm. Man möchte doch den Ausschnitt Leben, den man auf der Bühne sieht, als wahrhaftig empfinden, als durchlebt und durchlitten. Als Zuschauer hat man dabei meist zwei Parameter: Zum einen eventuell eine Vorkenntnis, das heißt, eine Erwartungshaltung. Zum anderen subjektive Erfahrungen, mit denen man so einen Abend abgleicht. Dass da nicht immer ein Konsens herrschen kann, ist normal. Dafür ist Theater noch nie da gewesen: einen Konsens herzustellen.

Info
  • Am Sonntag, 12. Februar, steht um 19.30 Uhr Mozarts Don Giovanni in der Inszenierung von Operndirektorin Helen Malkowsky zum letzten Mal auf dem Spielplan im Stadttheater.
  • Um 19 Uhr bietet das Theater eine Einführung in Stück und Inszenierung im Loft (Opern.Studio) an.
  • Karten bei der NW unter Tel. 555-444.


Sondern?
MALKOWSKY: Theater ist dazu da, Geschichten so zu erzählen, dass sie neue Fragen aufwerfen. Wir geben im seltensten Fall Antworten. Es wird immer so sein, dass ich einen Abend verteidige, aber ich stelle mich nicht mit Speer und Lanze hin und sage: Es geht nur so und nicht anders. Das ist Unsinn. Meine Inszenierungen sind ein Angebot. Was man von und über die meisten Komponisten lesen kann, ist, dass sie sich durch sehr viele Stadien gequält haben, bis sie sich für eine Stück und eine Komposition entschieden haben und oft bis ins Grab gezweifelt haben, ob das schlüssig und gültig ist. Mit dem Urtext haben wir eine klare Information, woran wir uns halten können und sollen. Mir geht es nicht darum, die Leistung eines Menschen, der uns etwas hinterlassen hat, zu zerstören.

Aber?
MALKOWSKY: Aber dass wir 100, 200 Jahre später andere Bilderwelten, andere Fragen und vielleicht eine andere Erwartungshaltung an Musik, Theater und Oper haben, finde ich normal. Ich hoffe, dass die Inszenierungen, die ich hier gemacht habe, obwohl sie streitbar waren, immer auch eine Einladung waren, sich von emotionalen Prozessen gefangen nehmen zu lassen – und keine intellektuelle Besserwisserei. Mit dem Anspruch gehe ich in eine Produktion und auf unser Ensemble zu.Welche Rolle spielt das Ensemble?
MALKOWSKY: Man liest immer wieder: Da war ein böser Regisseur und die armen Sänger mussten dies und das tun. Das ist nicht so. Wir haben eine sechswöchige Probenzeit, in der erwachsene Menschen in einen intensiven Dialog treten. Ich komme mit meiner Arbeit, die dann etwa ein halbes Jahr alt ist, mit Entscheidungen für Bühnenbild und Kostüme. Aber das ist nur der optische Rahmen. Was an Charakteren und emotionaler Tiefenwirkung entsteht, hängt von dem Willen, der Neugier und der Lust der Sänger ab, etwas Eigenes, Persönliches zu kreieren.

Haben Sie ein Beispiel?
MALKOWSKY: Bei "Don Giovanni" z.B. haben wir hier ein sehr junges Ensemble. Traditionell werden die Rollen gern älter besetzt, dann erwartet man als Leporello vielleicht einen 50-, 60-jährigen Komiker mit einem Schuss Lebensweisheit. Torben Jürgens ist 30 und kam mit dem Anspruch an mich: Bitte lass uns einen Leporello machen, der mich meint. Oder der Wunsch von Melanie Forgeron: eine Elvira mit Zerbrechlichkeit zu erfinden – auch nicht selbstverständlich.

Im Kreuzfeuer steht am Ende allein der Regisseur.
MALKOWSKY: Das finde ich schon in Ordnung. Die Sänger geben in jeder Aufführung ein Stück ihrer Seele her. Als Regisseur durchläuft man diesen Prozess während der Vorbereitung und ist bei der Premiere meist wieder fit für den Schritt zurück und den Dialog. Gerade bei "Don Giovanni" war toll, dass sich einander fremde Menschen auf intensive Streitgespräche eingelassen haben, dass persönliche Erlebnisse zur Identifikation mit Bühnenfiguren führten. Zum Beispiel darüber, was ein Verführer ist. Ab wann man als Frau ein Mitbestimmungsrecht hat und ab wann nicht mehr. Was Mann will und was Frau will. Ich schätze es, wenn ich eingeladen werde, an anderen Meinungen teilzuhaben.

Viele haben sich daran gestoßen, dass Don Giovanni Kindesmissbrauch begeht.
MALKOWSKY: Im Libretto, in der Register-Arie, steht, dass Giovannis größte Passion die unberührten Anfängerinnen sind. Der Librettist Lorenzo da Ponte hatte eine 13-jährige Muse. Das war gesellschaftlich anerkannt. Da sehen sich Verfechter der absoluten Werktreue schnell mit Wahrheiten konfrontiert, die sie vielleicht lieber ignorieren würden. In der Zeit, in der "Don Giovanni" entstanden ist, war eine Frau mit 13 erwachsen. Auch das Recht, über eine Frau zu verfügen war tradiert – da gucken wir heute aus einem radikal veränderten Blickwinkel drauf. Die kritischen Stimmen habe ich gefragt, ab welchem Alter es denn für sie in Ordnung gewesen wäre: 14, 17, 21? Was hätte man toleriert? Es ging mir nicht um eine Provokation oder Aktualisierung. Im Gegenteil: Die Quelle war historisch.

Hat Sie die Kritik überrascht?
MALKOWSKY: "Don Giovanni" fordert auf, sich mit dem eigenen Bild von Verführung, Verführbarkeit, Sexualität und Tabus auseinanderzusetzen. Es hat mich etwas enttäuscht, dass dieser Weg nach innen – der bei vielen funktioniert hat, sonst wäre die Reaktion nicht so vehement gewesen – von einigen so schnell kategorisiert wurde in Gut, Schlecht, Furchtbar. Und dass die Frage, warum einen das so sehr trifft, von einigen so schnell abgeschnitten wurde.Auf Unverständnis stieß auch die Entscheidung, die Ouvertüre von "Carmen" zu streichen. Darf man so in das Werk eines Komponisten eingreifen?
MALKOWSKY: Ist die Adaption der "Carmen"-Ouvertüre für die Eislauf-Veranstaltung die größere Ehre für Bizet? Das war der Punkt, an dem wir eingestiegen sind. Gerade die Musik von "Carmen" ist zu einer Gebrauchsware verkommen. Darauf wollten wir ein kleines Schlaglicht werfen. Der Dirigent hat sich sehr stark für diesen Einstieg gemacht.

Einige mögen auch die "Femme fatale" Carmen vermisst haben.
MALKOWSKY: Da möchte ich mit einer Situation aus "Alice in Wonderland", antworten, die unser zutiefst menschliches Neulandbedürfnis sehr schön beschreibt: Jemand soll eine warme, schöne Geschichte erzählen, "eine, die wir schon kennen". Doch nur wenige Momente später siegt die Lust auf das Neue, das Abenteuer über das Bedürfnis nach sicherem Terrain, nach altbekanntem Zuhause. Das ist wie mit einer Beziehung zu einem Menschen. Trifft man auf jemanden, bei dem man merkt, dass er die eigenen Werte in Frage stellt, muss man sich entscheiden, ob man sich darauf einlässt oder nicht. Davor ist man halt nie sicher im Leben (lacht).



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