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10.02.2012
Juliette Binoche in einem Film über weibliches Begehren
Verstörende Frauen
VON DER BERLINALE BERICHTET UNSERE REDAKTEURIN ANKE GROENEWOLD

Juliette Binoche | FOTO: DPA

Berlin. Juliette Binoche ist eine Spezialistin für sensible Frauenfiguren. Sei es in dem Erfolgsfilm "Chocolat" oder dem leisen Drama "Caché" von Michael Haneke – die Französin wählt ihre Filme sorgfältig aus und garantiert subtile Schauspielkunst. Auf der Berlinale ist die 47-Jährige jetzt in einem Film zu sehen, für den in ihrem Heimatland Frankreich niemand Geld locker machen wollte: zu heikel.

Was auch Juliette Binoche erstaunt hat. "Wir Franzosen haben den Ruf, sehr freizügig zu sein und Risiken einzugehen, aber es scheint, dass dieses Thema zu viel war", sagt sie.
Binoche spielt in "Elles" ("Sie") die gut situierte Journalistin Anne. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne. Für das Magazin "Elle" schreibt sie eine Geschichte über Studentinnen, die sich prostituieren, um ihr Studium bezahlen zu können. Die Begegnung mit zwei selbstbewussten, jungen Frauen, die offen über ihre Klienten und Sex erzählen und so gar nicht als Opfer erscheinen, bringt Anne dazu, über ihr eigenes Leben und ihre Lust nachzudenken.

"Elles" ist ein Film von Frauen über Frauen. Die Idee hatte die dänischstämmige, französische Produzentin Marianne Slot. Das Drehbuch schrieb Tine Byrckel, ebenfalls Dänin. Regie führte die Polin Malgoska Szumowska. Dennoch betont Juliette Binoche: "Dies ist kein feministischer Film, sondern eine weibliche Reflexion über Liebe, Sex, Begehren und was es heißt, in der heutigen Gesellschaft eine Frau zu sein." Sie habe freilich keine Antworten darauf, und der Film gebe sie auch nicht. Für Binoche ist genau das eine Qualität: "Ich mag keine Filme mit Botschaft, das ist sehr gefährlich", sagt sie.

Furchtlose Schauspielerin

Tatsächlich hält sich der Film mit moralischen Urteilen zurück. Er stellt vielmehr Fragen. Die Macherinnen hatten vorab intensiv recherchiert. "Wir trafen junge Frauen, die stolzer und lässiger waren als wir uns das vorgestellt hatten", sagt Drehbuchautorin Byrckel. "Es lagen Welten zwischen ihnen und den reißerischen Geschichten, die die Medien so gern über junge Frauen erzählen, die missbraucht werden. Wir wollten nicht über Sexhandel, Zuhälter oder Drogen erzählen. Wir wollten über Frauen reden, die sich entscheiden, sich zu prostituieren, um die soziale Leiter aufzusteigen. Das ist viel verstörender." "Ich war geschockt, dass ein schönes, intelligentes Mädchen Vergnügen daran hat, mit Männern für Geld zu schlafen", ergänzt Regisseurin Szumowska.

"Nicht nur, um elementare Bedürfnisse wie Unterkunft und Essen zu befriedigen, sondern zum Vergnügen und um ein angenehmeres Leben zu haben." Der Film reflektiere die Konsumgesellschaft. "Warum glauben diese jungen Frauen, dass man in der Gesellschaft nur jemand sein kann, wenn man bestimmte Dinge besitzt?", fragt Produzentin Marianne Slot. Einer von vielen Aspekten, die dieser Film streift.

Juliette Binoche zeigt sich darin als eine furchtlose Schauspielerin. Sie porträtiert eine Frau mittleren Alters, die den Boden unter den Füßen verliert und eine existenzielle Krise durchmacht. Die auf dem Computer ihres Mannes Pornografie findet. Der die eigenen Söhne immer fremder werden. Die es ärgert, dass sie dem Chef ihres Mannes ein Essen kochen muss. Deren blanke Nerven durch banalen Alltagsfrust wie eine nicht schließende Kühlschranktür aufgerieben werden. "Sie fühlt sich schrecklich", fasst Juliette Binoche zusammen. Und es habe Spaß gemacht, sich schrecklich zu fühlen, fügt sie lächelnd hinzu. Binoche hatte auch keine Scheu, sich ungeschminkt und mit müdem Gesicht vor die Kamera zu stellen. "Ich kann’s ertragen, weil man mich mit Liebe gefilmt hat", sagt die Französin vergnügt.


Fest der langen Schlangen
  • Die Berlinale ist ein Fest der Filme, aber auch ein Fest der langen Schlangen. Vor den Kartenhäuschen geht es zivilisiert zu. Aber wehe, die Massen stauen sich vor den Kinosälen. Wenn dann die Türen geöffnet werden, gibt es kein Halten mehr. Es wird geschoben, gedrängelt und gequetscht als ginge es ums Leben. Dabei läuft nur ein Film. Verrückt.
  • "Eine Frau ist nur schön, wenn sie wahr und authentisch ist. Und Kino ist ein Instrument der Wahrheit, nicht der Lügen, wie manche denken", sagt Regisseur Benoit Jacquot.
  • Wenn eisiger Wind durch die Schluchten des Potsdamer Platzes pfeift und Schnee unter den Schuhen knirscht, kommt unter den vermummten Festivalbesuchern alle Jahre wieder die Sehnsucht nach einer Berlinale mit Sommer-Feeling auf. Immer wieder heißt es, dass eine Verschiebung nicht möglich sei, weil sich die Festivals von Cannes und Venedig schon die besten Jahreszeiten reserviert haben. Aber träumen wird man ja wohl noch dürfen. Beim Frieren. (groe)


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