Berlin. Angelina Jolie gehört zu den begehrtesten und am besten bezahlten Schauspielerinnen Hollywoods. Sie verkörperte auf der Leinwand die Action-Heldin, die Femme fatale und die Durchgeknallte. Sie könnte alles spielen, was ihr Herz begehrt, und sich mit glamourösen Auftritten auf roten Teppichen zufriedengeben.
Aber Jolie interessiert das wirkliche Leben mehr als die Traumfabrik. Sie will helfen, wo Not ist, und nutzt ihre Berühmtheit, um die Aufmerksamkeit auf Krisengebiete zu lenken. Seit elf Jahren zieht es die 36-jährige Sonderbotschafterin des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen dahin, wo Albträume wahr geworden sind. Einen dieser Albträume hat sie auf die Leinwand gebracht.
Für ihren Bosnien-Kriegsfilm "In the Land of Blood and Honey" hat Jolie sich erstmals hinter die Kamera gestellt und auch das Drehbuch geschrieben. Es ist ein hartes und nur schwer zu ertragendes Drama über einen Bürgerkrieg, der gerade mal 20 Jahre zurückliegt. Ein Film mit relativ unbekannten serbischen, bosnischen und kroatischen Schauspielern. Hätte ihn ein ebenso unbekannter Regisseur gedreht, würde der Film vermutlich nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit erlangen.
Mission erfüllt
Doch ein Star zieht magisch an, und die am häufigsten zu hörende Frage auf der Berlinale lautet: "Hast du schon den Jolie gesehen?" Wenn er am 23. Februar in die Kinos kommt, dürfte das Interesse ebenso groß sein. Angelina Jolie hat ihre Mission schon jetzt erfüllt.
"Ich war 17, als der Bosnienkrieg begann", erzählt sie den Journalisten, "und in den USA wussten wir sehr wenig über diesen Krieg." Am Anfang stand die Wissbegierde. "Es drängte mich, den Bosnienkrieg besser zu verstehen und die schlimmsten Themen, die damit einhergehen – Frauen im Krieg und sexuelle Gewalt etwa."
Der Völkermord im Bosnienkrieg rangiere in Europa gleich nach dem im Zweiten Weltkrieg. "Und doch scheinen die Menschen solche Gewalt schnell zu vergessen, obwohl sie zu unserer Zeit passiert ist und unsere Generation daran beteiligt war, als Opfer wie als Täter", sagt die Amerikanerin.
Jolie erzählt die Geschichte einer Liebe, die keine Chance hat. 1992 in Bosnien-Herzegowina: Frisch verliebt tanzen der Polizist Danijel, ein bosnischer Serbe, und die Künstlerin Ajla, eine bosnische Muslima, in einer Bar, als eine Bombe explodiert. Der Krieg hat begonnen.
Schicksal der Frauen
Das nächste Mal sehen sich die beiden in einem Lager wieder: Danijel ist Soldat, Ajla eine der Gefangenen, die für die Männer kochen, putzen, nähen müssen und von ihnen vergewaltigt werden. Danijel beansprucht Ajla für sich. Damit schützt er sie vor dem Zugriff der anderen, sie muss ihm aber zu Diensten sein. Auch als er nach Sarajevo versetzt wird, kann er Ajla zu sich holen. Doch die Beziehung ist so krank wie der Krieg.
Der "weibliche Blick" zeigt sich darin, dass Jolie ein besonderes Augenmerk auf das Schicksal von Frauen legt. Gleichzeitig ist ihr Film von erbarmungsloser Härte. "Was man sieht, ist nur ein kleiner Ausschnitt des ganzen Schreckens. Es sollte hart sein, sich das anzuschauen, es sollte nachwirken", verteidigt Jolie die vielen Gewaltszenen des zweistündigen Dramas. "Wenn ein Kriegsfilm zu leicht zu schauen ist, behagt mir das nicht."
Sie habe nicht alles gezeigt, was sie hätte zeigen können, sagt Jolie. Oft belässt sie es bei der Andeutung, und das ist grausam genug. So führt sie nicht vor, wie die Soldaten ein Baby über einen Balkon in die Tiefe werfen. Sie zeigt ein Bündel im Schnee und eine Mutter, die in wahnsinnigem Schmerz darüber zusammenbricht. "Das ist mein größter Albtraum", sagt die Mutter von drei leiblichen und drei adoptierten Kindern, aber gerade als Mutter habe sie das zeigen müssen.
Jolie will die Welt verändern
Die Ursachen des Konflikts klammert Jolie im Film aus. Der sei schließlich ein Spielfilm und kein Dokumentarfilm. Keinen Hehl macht sie aber aus ihrer Haltung zur internationalen Reaktion auf diesen Krieg. "Ich wollte etwas machen, das meine Unzufriedenheit künstlerisch darstellt: meine Unzufriedenheit mit der internationalen Gemeinschaft etwa, die es nicht schafft, rechtzeitig und effizient bei kriegerischen Konflikten einzuschreiten."
Jolies selbstbewusstes Auftreten und ihr beachtlicher Film zeugen von Ernsthaftigkeit und Engagement. Die 36-Jährige scheint nicht danach zu streben, der neue Star am Regiehimmel zu werden. Sie möchte die Welt verändern. "Es bedeutet mir so viel, über Dinge zu reden, die wirklich wichtig sind", sagt die Frau im schlichten schwarzen Kleid, bevor sie lächelnd im Blitzlichtgewitter verschwindet.