Bielefeld. Das wäre was, wenn man die Zeit anhalten, den Himmel zurück drehen könnte. Noch einmal von vorne beginnen, alles tilgen, was war, Schuld auslöschen. Und weil das nicht geht, haben Menschen und Menschengruppen allerlei psychodynamischen Techniken entwickelt, um den unerbittlichen und unwiderruflichen Fortgang von Zeit überhaupt aushalten zu können. Gerne werden Sündenböcke auf dem Altar dieser Unausweichlichkeit geschlachtet. Nicht selten erblüht in Menschen eine Begabung, die sie für derlei Opfergänge prädestiniert. Den Fluch einer solchen Begabung trägt Peter Grimes.
Am 7. Juni 1945 erlebt London die Uraufführung Benjamin Brittens gleichnamige Oper.
Ein Lehrling des Fischers Peter Grimes kommt unter ungeklärten Umständen ums Leben. Mordverdacht steht im Raum. Der Titelheld will "das Meer leerfischen" und den "Markt fluten". Er will’s der Dorfgemeinschaft zeigen. Er will, dass sie zu ihm aufschauen. Er will vom Verdacht loskommen. Als der zweite Lehrling - "ein Bastard aus dem Waisenhaus", wie der Pfarrer sich auszudrücken beliebt - unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt, ist der Sonderling Grimes fällig. Der Lynchjustiz entzieht er sich durch Selbstmord.
Stau der Aggression
Jetzt herrscht trügerische Ruhe. Die Dämonen haben sich zurückgezogen, um irgendwann erneut zuzuschlagen. Jeden kann es treffen in einer Welt, in der Verständigung nicht funktioniert. Und genau das ist das Thema von Brittens Musik. Beklemmend ist vor allem die Stille. Brittens genialer Opernerstling ist ein vortrefflich gelungener Versuch, Stille zu inszenieren als Inseln der Angst inmitten einer aufgewühlten rauen (musikalischen) See - Sinnbild einer Existenz, in der Sehnsüchte nicht gestillt, in der Leidenschaften nicht gelebt werden, in der sich eines Tages der Stau als Aggression entlädt.
Zwar hat die Oper keine Ouvertüre, dafür aber sechs Zwischenspiele. Lakonische Kälte, vergebliche Hoffnung, entgleiste Leidenschaften. Knappste musikalische Fetzen, hingehauchte Melodie-Fragmente, aberwitzige Rhythmen, extremste Lagen - höllisch anspruchsvolle Passagen, bravourös gemeistert von den Bielefelder Philharmonikern unter Alexander Kalajdzic, die wesentlich zur großartig gelungenen Premiere beigetragen haben.
Opernchor samt Extrachor inszenieren dank Hagen Enkes ambitionierter Einstudierung die einschüchternde Gnadenlosigkeit des Mobs, ein Schlüsselmoment der Oper. Peter Bonder, Gast auf den großen Bühnen der Welt, hinterlässt tiefe Eindrücke in der Verkörperung des Titelhelden. Die tenorale Heldenpose verwandelt sich in die Pose des lauernden Wahnsinns. Das Elend der Sprachlosigkeit und das Würgen unstillbarer Wünsche ist wohl selten so unter die Haut gehend dargeboten worden.
Sarah Kuffner, hervorgegangen aus dem Opernchor, ist als Ellen Oxford die Entdeckung des Abends. Auch Ellen scheitert am seelischen Panzer des Hauptprotagonisten. Der Umschlag von Hoffnung in Verzweiflung, der Verlust jeglicher Perspektive sind die großen Momente ihres bewegenden lyrischen Soprans.
Jacek Strauch gefällt als Kapitän im Ruhestand mit auftrumpfendem Bariton. Ceri Williams gibt eine Pub-Wirtin mit warmem, fast herzlichem Alt-Timbre als die einzig stabile Person auf weiter Flur.
Ihre schnatternden Nichten, schüchtern und keck,haben bei Cornelie Isenbürger und Christiane Linke eine angemessene stimmliche Heimat gefunden. Boles, den Frömmler, verwandelt Michael Pflumm in einen Hetzer mit nervender Schrillheit. Von schwachemRückgrat, aber repräsentativem Auftreten ist die Figur des Richters und Bürgermeisters Swallow. Der durchschlagende Bass von Jacek Janiszewski kommt hier gerade recht. Hobson, der Fuhrmann, ein dünnhäutig verstörter Dörfler, gelingt Torben Jürgens vortrefflich.
Ungeheuer ist viel
Helen Malkowsky, die mutig auf dem Grat umstrittener Inszenierungen zu balancieren versteht, hat ein feines Gespür für die Brisanz des Stoffes entwickelt. Saskia Wunsch hat eine schlichte Ausstattung mit archaischem Gewicht geschaffen. Die Kostüme Henrike Brombers unterstreichen die Zeitlosigkeit der Handlung. Unspektakulär aber treffend ist die Bielefelder Operndirektorin der Heillosigkeit der Opernhandlung auf die Spur gekommen und hat einen Grad an Eindringlichkeit erreicht, der das Operndrama ohne jeden pädagogischen Hinterhalt in ein Lehrstück über das destruktive Potenzial menschlicher Gemeinschaft verwandelt, als würde Sophokles im Off stehen und rufen: "Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer als der Mensch!"
Jubel im Parkett und auf den Rängen.