Erweiterung des Frankfurter Städel-Museums ist eröffnet / 330 Werke in der neuen Ausstellungshalle
Frankfurt (dpa). Die Kunst nach 1945 lässt sich kaum linear erzählen, zu vieles passiert parallel oder überschneidet sich. In der neuen Ausstellungshalle für Gegenwartskunst im Frankfurter Städel-Museum ist diese Erkenntnis mit Konsequenz in eine sehr intelligente Hängung umgesetzt worden.
Der Besucher läuft nicht an einer imaginären Zeitleiste entlang, sondern flaniert zwischen Themen und Theorien wie zwischen Feldern und Häusern, er schreitet auf seinem Weg Diskussionslinien ab und kann an zentralen Kreuzungen jederzeit die (Kunst-)Richtung ändern.
Von außen ist der gestern eröffnete Erweiterungstrakt kaum zu sehen. Das Frankfurter Architektenbüro schneider+schumacher schuf den 3.000 Quadratmeter großen Neubau, der auf der Rückseite des Städel unter der Erde liegt. Von außen nur eine - von 195 runden Glasfenstern durchsiebte - Wölbung im Rasen, offenbart der Bau erst im Inneren seine Pracht.
Rundgang beginnt auf einem zentralen Platz
Von oben (aus der klassischen Moderne) kommend, läuft der Besucher zunächst über eine Art Brücke mit Werken der 1920er und 1930er Jahre. Der eigentliche Rundgang durch die Kunst nach 1945 beginnt auf einem zentralen Platz in der Mitte des acht Meter hohen Saals, dort, wo die Deckenwölbung am höchsten ist.
Hier scheiden sich die zwei Grundhaltungen der Moderne: Rechter Hand hängen eher die abstrakten Positionen, linker Hand die mehr gegenständlichen Kunstwerke, in der Mitte aktuelle Malerstars, die sich dieser Zweiteilung entziehen wie Neo Rauch und Daniel Richter.
330 Werke haben Städel-Direktor Max Hollein und Sammlungsleiter Martin Engler aus den 1.200 Neuzugängen ausgewählt, die das Städel in den letzten fünf Jahren erworben hat. Sie sind nicht nach "Ismen" geordnet, sondern um inhaltliche Schwerpunkte herum gruppiert.
Zeittypisches Zitat
In knappen Wandtexten werden Bezüge nur sehr dezent hergestellt, ergänzt durch ein historisches Ereignis und ein zeittypisches Zitat. "Informel" wird als Wiedergänger durch die Jahrzehnte durchdekliniert. Welche "Form nach dem Verlust der Form" möglich ist, wird mit Francis Bacon diskutiert. "Das Material atmet Geschichte" steht bei Anselm Kiefer. Es gibt "Deutsch-Deutsche Rebellen" wie Markus Lüpertz, "Kapitalistischen Realismus" von Sigmar Polke und "German Pop" à la Martin Kippenberger. Der Rundgang durch das neue Städel: ein "best of" der Gegenwartskunst, der aber auch unbekannte Namen zutage fördert.
Dazwischen "Stolpersteine" wie Tobias Rehbergers Skulptur "Lutsch und lass Deine Hose runter (für den Frieden)" - die kleine Wasserlache auf dem Boden ist nicht das erste Leck der Oberlichter, sondern gehört zum Kunstwerk. Leni Hoffmann lässt ein Kabel aus einer der Dachluken hängen und eine elegante "Raumzeichnung" auf dem Fußboden malen.
34 Millionen Euro hat die Halle gekostet. Die Hälfte stammt laut Städel aus privaten Mitteln - von Unternehmen, Stiftungen und Bürgern -, 50 Prozent der Kosten wurden mit öffentlichen Geldern finanziert.
- Am Donnerstag und Freitag ist das neue Städel zunächst geladenen Gästen vorbehalten. Ab Samstag, 10 Uhr, darf dann jeder rein - am ersten Wochenende sogar ohne Eintritt zu zahlen.