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29.02.2012
BIELEFELD
"Horst Wessel bewarb sich für Höheres"
INTERVIEW: Historiker Daniel Siemens über die von ihm mitherausgegebene Autobiografie des Nazis

Historiker

Bielefeld/London. Der SA-Mann Horst Wessel, 1907 in Bielefeld geboren, wurde nach seinem gewaltsamen Tod 1930 von den Nazis als Heldenfigur vermarktet. Bereits mit 21 Jahren verfasste Wessel unter dem Titel "Politika" seine Autobiografie. Stefan Brams sprach mit dem Bielefelder Historiker Daniel Siemens, der derzeit am University College in London lehrt, was Wessel so früh veranlasste, über sein bisheriges Leben zu schreiben, was ihn zur NSDAP trieb und warum es richtig ist, diesen ideologisch geprägten Text wissenschaftlich kommentiert zu veröffentlichen.

Herr Siemens, warum haben Sie zusammen mit Manfred Gailus die Autobiografie von Horst Wessel herausgegeben?
DANIEL SIEMENS: 1929 geschrieben spannt der Text den Bogen von der nationalistischen Indoktrination während des Ersten Weltkriegs über die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe in der Weimarer Republik bis hin zum Durchbruch der NSDAP zur Massenpartei. Diese NS-Autobiografie, eine der wenigen aus der Zeit vor 1933, hilft uns zu verstehen, wie die Partei Hitlers von einem auf 40 Prozent der Wählerstimmen anwachsen und warum die NS-Ideologie für Teile der Bevölkerung so attraktiv werden konnte.
Info
Herausgeber
  • Daniel Siemens ist Historiker am Arbeitsbereich "Geschichte moderner Gesellschaften" der Uni Bielefeld und noch bis 2013 Dozent für Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts am University College London. Wessels Autobiografie hat er zusammen mit Manfred Gailus herausgegeben, der als Professor für neuere Geschichte an der Technischen Universität Berlin forscht und lehrt.
  • Sein im Jahr 2009 erschienenes Buch "Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten" wurde mit dem Preis "Geisteswissenschaften International" ausgezeichnet.



Was trieb Horst Wessel dazu, bereits als 21-Jähriger seine Autobiografie zu schreiben?
SIEMENS: Er selbst verrät seine Motivation nicht. Wir vermuten, dass er sich der NSDAP als hoffnungsvolle Nachwuchskraft für höhere Aufgaben ins Gespräch bringen wollte. Er hatte ja bis dato keine besonderen Funktionen in der Partei, war aber von einem ungeheuren Ehrgeiz getrieben. In seinem bürgerlichen Leben hatte er wenig Erfolg, sein Studium lässt er schleifen. Stattdessen setzt er bereits seit dem Jahr 1927 voll auf die NSDAP.

Was hat Horst Wessel radikalisiert?
SIEMENS: Das Elternhaus spielt eine große Rolle. Sein Vater war ein nationalistischer, protestantischer Prediger, der im Ersten Weltkrieg zu einem massenwirksamen Redner wurde und sich von der Obersten Heeresleitung für die Kriegspropaganda einsetzen ließ. Wessel nimmt dieses Gedankengut auf, will sich aber gleichzeitig von der als schwächlich empfundenen Elterngeneration, die ja den Ersten Weltkrieg verloren hatte, absetzen, diese "Schmach" korrigieren und Stärke zeigen. Das ist ein Lebensgefühl, das er mit vielen jungen Männern dieser Zeit teilt und deren Weg von den rechten Jungbünden in die NSDAP führt. Die Partei fasziniert diese Jugendlichen und jungen Männer auch deshalb, weil die Ausübung von Gewalt dort als politische Tat verherrlicht wird.
Zentrales Erlebnis | FOTO: BE.BRA VERLAG


Klärt die Autobiografie auch auf, wie Wessel zum Mythos für die Nazis werden konnte?
SIEMENS: Nein, für den Mythos von Horst Wessel ist dieser Text nicht zentral. Goebbels, der den Wessel-Mythos quasi erfunden und systematisch propagiert hat, hat nach Wessels Tod im Jahr 1930 dessen Autobiografie nicht publizieren lassen. Goebbels kannte den Text zwar, war aber offenbar der Ansicht, dass dieser sich für die Mythenproduktion nicht eignet. Dem Leser erscheint Wessel nicht als der strahlende, ungebrochene Held, als den die NSDAP ihn später vermarktet hat.

Wessel ist selbst wiederum sehr fasziniert von Goebbels. Warum?
SIEMENS: Er ist ein Schüler von Goebbels, der damals Gauleiter von Berlin war. Der kam bei jungen Männern vom Schlage Wessels so gut an, weil er auf Gewalteskalation setzte, die Partei bewusst in die Arbeiterviertel schickte, um gezielt zu provozieren und die folgenden Straßenschlachten wiederum für die Propaganda der NSDAP zu nutzen. Das hat einen wie Wessel, dem es sehr stark um die Aktion, die Gewalt und das Erleben von Gewalt ging, begeistert. Allerdings hat Wessel nie begriffen, dass er und seinesgleichen für Goebbels nur Mittel zum Zweck waren.Haben Sie keine Angst davor, dass ein solcher Text, der den Nationalsozialismus unverholen begrüßt, in die falschen Hände gelangt?
SIEMENS: Die Gefahr sehe ich als sehr gering an. Der Text entlarvt sich viel zu sehr selbst, als dass er dazu taugt, rechtsradikales Gedankengut zu fördern. Zudem haben wir ihn ja kommentiert und historisch eingeordnet. Der Text ist vielmehr ein wichtiger Beitrag, um besser zu verstehen, was junge Menschen am Rechtsradikalismus fasziniert. Er ist nicht nur von historischem Interesse. Auch deshalb haben wir ihn publiziert.

Erst kürzlich wurde wieder darüber debattiert, ob Hitlers "Mein Kampf" in Deutschland veröffentlicht werden sollte. Wie stehen Sie dazu?
SIEMENS: Als Historiker bin ich dafür, schriftliche als auch filmische NS-Quellen, kommentiert und sorgfältig ediert zugänglich zu machen. Das gilt auch für Hitlers "Mein Kampf". Die Gefahr, dass heutige Leser durch dieses Buch zu Neonazis werden, halte ich für gering. Meiner Meinung nach haben die Menschen einen Anspruch darauf, sich selbst sachkundig machen zu können. Und in Zeiten des Internets ist es ohnehin absurd zu glauben, dass wir "Mein Kampf" und andere Texte und Filme unter dem Deckel halten können. Zumal zum Beispiel "Mein Kampf" in anderen Ländern frei zugänglich ist.

  • Manfred Gailus/Daniel Siemens (Herausgeber); "Hass und Begeisterung bilden Spalier". Die politische Autobiografie von Horst Wessel. 200 Seiten, be.bra Verlag, Berlin 2011, 18 Euro.




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