Bielefeld. Wer kennt es nicht, das Gefühl, dass einem die Zeit entgleitet, dass man nur noch rastlos herumrennt, fremdbestimmt von den Normierungen und Zumutungen des Alltags. Alles muss möglichst prompt und reibungslos ineinandergreifen, Leerlauf ist verpönt, bis auf die Minute ist der Tag verplant, wer stehenbleibt wird fortgerissen. Nicht nur im Job, sondern auch in der Freizeit. Der moderne Mensch hat die Kontrolle über seine eigene biologische Zeit längst verloren.
Da tut es gut, dass der Steidl Verlag in Göttingen jetzt den zehn Jahre alten Essay – "Die Kunst des Mittagsschlafs" – des Philosophen Thierry Paquot wiederaufgelegt hat. Dessen Lektüre ist nicht nur ein intellektuelles Vergnügen, sondern geradezu ein Gebot der Stunde – angesichts der nochmaligen Beschleunigung unseres Lebens durch die digitale Revolution und lädt ein – zum Ausstieg zumindest für diese köstlichen und nachdenkenswerten 92 Seiten.
BÜCHER FÜR DEN MÜSSIGGANG
Ein paar Buchtipps zum Thema:
*Gisela Dischner, "Wörterbuch des Müssiggängers" und "Liebe und Müßiggang". Aisthesis Verlag, Bielefeld. Die Autorin buchstabiert wie in einem Lexikon durch, was Müßigang als Lebensform dem Menschen bringen könnte.
*Paul Lafargues Pamphlet "Recht auf Freiheit" erschien 1880. Der Schwiegersohn von Karl Marx polemisiert gegen das von den Sozialisten postulierte "Recht auf Arbeit". Erhältlich im Alibri Verlag.
*Iwan Gontscharow, Oblomow. Hanser Verlag, München 2012. Mit der Figur des lebensuntüchtigen Oblomow, der lieber seine Tagträume pflegt, als Ordnung in seinem Leben zu schaffen, hat Gontscharow eine prophetische Figur geschaffen. Vor allem in der Neuübersetzung absolut lesenswert. (ram)
Der französische Autor appelliert an uns, uns bewusst wieder auf die "ausgefüllte Leerzeit" des Mittagsschlafs einzulassen und nimmt uns mit auf eine Reise durch Bilderwelten von Tizian, Gentileschi und Peter Brueghel dem Älteren, zu Texten von Thomas Mann, André Gide, Paul Lafargue und anderen Geistesgrößen, die dem Mittagsschlaf huldigten. Ein großes Lese-Vergnügen ist das.
Manifest der Entschleunigung
Doch Paqout geht es nicht allein darum, historisch und soziologisch zu erkunden, warum uns die eigene Zeit abhanden gekommen ist und die Uhr der eigentliche Motor der industriellen Revolution war und nicht die Erfindung der Dampfmaschine, sondern er kämpft worstark und heiter trotzig für den Mittagsschlaf "als glückliches Beben".
Sein Buch ist ein Manifest der Entschleunigung, ein Appell, sich dem subversiven Potential der Siesta hinzugeben. "Die Siesta ist der Höhepunkt einer Lebenskunst – ja einer Lebenskunst! –, die es verdient, verteidigt und unters Volk gebracht zu werden, die es verdient gelebt zu werden, und zwar mit Überzeugung, Lust und Ernsthaftigkeit", schreibt Paquot mit Feuereifer und Anklänge an das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels sind nicht zu überhören, wenn er aufrüttelnd formuliert: "Mittagsschläfer und Mittagsschläferinnen aller Generationen und Berufe, aller Breitengerade und Zeitzonen, behauptet eure Einzigartigkeit und widersetzt euch der planetaren, der satellitären, der totalitären Zeit! Das ist nur der Anfang, die Siesta geht weiter."
Seite um Seite wächst mit der Lektüre die Lust, sich mal wieder auf die Siesta einzulassen, werden Erinnerungen wach, als man sich im Urlaub des Mittags dem Tageslauf durch Schlaf entzog, wohlig wahrnehmend wie der Geist langsam den Körper zu verlassen schien, alles sich auf einmal unglaublich leicht anfühlte und die Welt um einem herum versank.
NASA-Studie belegt Reaktionsschnelligkeit nach Mittagsschlaf
Paquot nennt die Siesta eine "Zeit für nichts" und macht deutlich: "Der Mittagsschlaf ist eine Inbesitznahme der eigenen Zeit, die sich dem Controlling entzieht. Die Siesta ist emanzipatorisch (. . . ) ein Akt des Widerstands, eine Stellungnahme, eine Politik." Und auch gesund, wie Paquot nachweist. Er zitiert unter anderem eine Studie der NASA, die belegt, dass bei Piloten beispielsweise nach einer halben Stunde Mittagsschlaf die Reaktionsschnelligkeit um 16 Prozent stieg und Aufmerksamkeitsausfälle sich um 34 Prozent verringerten.
Doch Paquot will die Siesta nicht in den Dienst der Arbeitswelt gestellt wissen. Ansinnen wie des Bürgermeisters von Peine, den Mittagsschlaf seinen Rathaus-Mitarbeitern zu verordnen, lehnt er ab, denn für ihn besitzt "eine illegale Siesta allemal mehr Charme als ein befohlener Mittagsschlaf – nämlich den Charme des Verbotenen".
Mit großer Lust am Fabulieren plädiert er stattdessen – in Anlehnung an Karl Marx’ Schwiegersohn Paul Lafargue – für ein "Recht auf Faulheit" und schließt sich dem Autor Bruno Comby an, der eine "Charta der Siesta" publiziert hat und schreibt: "Genau wie er kämpfe ich für eine Versöhnung des Menschen mit seinen Rhythmen, mit seiner Zeit. . . Schläferinnen und Schläfer, schlaft am Mittag." Warum auch nicht – in China hat das Recht auf Siesta seit 1949 Verfassungsrang. Der Kampf um die Siesta geht weiter.
* Thierry Paquot; Die Kunst des Mittagsschlafs. 92 S., Steidl Verlag, Göttingen, 16 Euro.