Bielefeld. Warum trägt Sven Stickling immer etwas Wachsmalkreide bei sich und was denkt er über den Maja-Kalender? Warum hasst Sascha Thamm die Frage nach der Postleitzahl an der Kasse und was ist eine Kardätsche? Das und vieles mehr erfuhren die Zuschauer bei der Lesung der beiden Poetry Slammer im Bunker Ulmenwall.
Sven Stickling, der im Herbst 2011 ein Buch voller Kurzgeschichten mit dem Titel "Bärgeschichten und andere Halbwahrheiten" veröffentlichte, bleibt seiner Vorliebe für Bären treu. Sein Text über den "Glücksbärchimann" skizziert die Helden seiner Kindheit. Während die Glücksbärchis ihre Glücksstrahlen einsetzen, um Andere glücklich zu machen, weiß sein Großvater auf die Frage nach seinem liebsten Glücksbärchi keine Antwort, erklärt aber, er habe mit seinen Glücksstrahlen auf die Russen gezielt und das habe laut "ratatat" gemacht.
Diesen Text habe er erst in den vorigen Nächten geschrieben, lässt Sven Stickling die Besucher zu Beginn der Lesung wissen – das mache aber nichts, denn ein Text sei ja sowieso nie fertig. "Man liest ihn vor und merkt dabei, wo man noch etwas ändern könnte", erklärt der 31-Jährige. Dass auch ein eilig geschriebener, unbearbeiteter Text für laute Lacher sorgen kann, bewiesen Stickling und Thamm, als sie aus mehreren vom Publikum bestimmten Begriffen in der Pause eine Geschichte schrieben. Das Ergebnis fällt völlig unterschiedlich aus: Thamm hat eine skurrile Story auf der Grundlage der vorgegebenen Begriffe verfasst, Stickling einen charmanten Plot um eine sprechende Keksdose inmitten eines Waldes entworfen.
Aufklärung über die "Kardätsche"
Während Stickling häufig fiktive Elemente einbaut – etwa einen sprechenden Bär oder Gespräche zwischen Universalwerkzeugen – orientieren sich Sascha Thamms Geschichten eher an realen Begebenheiten. Ausgehend von Besuchen im Baumarkt, Begegnungen an der Supermarkt-Kasse oder Drogentrips auf Partys entwirft er ebenso komische wie scharfsinnige Geschichten, durchtränkt von trockenem Humor.
In "Die Grausamkeit der Wiederholung" schlägt der 39-Jährige Remscheider den Bogen von den Auswirkungen wochenlang andauernden Kindergesangs auf das Nervenkostüm der Erziehungsberechtigten zu einer bissigen Kampfansage gegenüber der Frage nach der Postleitzahl an der Kasse. "Aber klar doch ich geb’ ihnen all meine persönlichen Daten, die sie profitabel weiterverscheuern können und im Gegenzug bekomme ich von ihnen ein Volleyballimitat in Schweinelederoptik, das nenn’ ich eine win-win Situation", sagt er ironisch. Früher, so Thamm weiter, waren die Volleybälle Glasmurmeln und die Indianer hätten auch geglaubt, sie hätten ein gutes Geschäft gemacht, als sie ein Land gegen ein paar wertlose Murmeln eintauschten.
Schließlich erfuhren die Zuhörer auch, was eine Kardätsche ist: eine feine Bürste zum Putzen von Pferden. Wie es Stickling gelang, dem Kindersachbuch "Unser Ponyhof", aus dem er zwischendurch immer wieder vorlas, eine solche Komik zu entlocken, blieb hingegen sein Geheimnis.