Bielefeld. Es muss ein ungewohnter Anblick für ihn gewesen sein. Max Goldt ist es gewohnt, vor ausverkauftem Haus zu lesen, doch bei seiner Lesung im Theater am Alten Markt blieben einige Lücken in den Reihen.
Der in Berlin lebende Autor, bekannt für elegante wie vergnügliche Prosa, lässt sich davon jedoch nicht irritieren: Rund zwei Stunden liest er Kurzgeschichten und fiktive Dialoge und zeigt einmal mehr, dass er die verschiedensten Spielarten des Humors bravourös beherrscht.
Max Goldt ist erkältet. Das lässt er die Zuschauer am Anfang seiner Lesung mit leicht belegter Stimme wissen. Abgesehen davon erfahren die Besucher wenig über die Befindlichkeiten des aus Göttingen stammenden Autors. Max Goldt ist keiner, der aus dem Nähkästchen plaudert, das Publikum nach Textwünschen fragt oder humorvolle Zwischenbemerkungen in den Raum wirft. Er liest einfach.
Und da Goldt, der mit bürgerlichem Namen Matthias Ernst heißt, ein begnadeter Sprecher ist, ist das sehr vergnüglich. Goldt braucht keine Hilfsmittel, auch keine großen Gesten, ihm genügen sanfte Hebungen und Senkungen der Stimme, er kann stimmlich in Sekunden von betörend zu belanglos umschalten, und das Beste daran ist, dass es niemals vorhersehbar ist, wann er das tut.
Ebenso wohldosiert wie seine Intonation ist die Komik in Goldts Texten: Er lässt sich über die inflationäre Verwendung des Wortes "Inspiration" aus und stellt klar, inspiriert werde man allen Werbeversprechen zum Trotz nicht durch Schuhe oder interessante Gespräche, sondern eben völlig unverhofft. Inspiration sei eher eine Art "anonymer kosmischer Briefträger" der aus dem Nichts komme. Erheitertes Auflachen.
Anschließend sinniert Goldt über die Unmöglichkeit, einen kritischen Nachruf auf Loriot zu verfassen, und glaubt, die Gedanken der Mitreisenden zu kennen, während er in der uringetränkten ersten Klasse der Rostocker U-Bahn sitzt: "Sieh an, ein feiner Herr sitzt im Pissedunst!"
In anderen Texten des 53-Jährigen sind die Themen eher deftig, es geht um Analsex mit Mumien oder in Ethanol konservierte Geschlechtsteile, die im heimischen Keller gelagert werden. Selbst eine Horrorgeschichte hat der Autor den leise kichernden Zuschauern mitgebracht. Sie handelt von "einer Elfjährigen, die in der Achterbahn ein Kind ohne Knochen gebar".
Vom Ekelfaktor ist diese Kurzgeschichte etwa auf dem selben Level wie der "Salat aus Spinnen-Abdomen", den Goldt kurze Zeit später vor dem inneren Auge der Zuhörer heraufbeschwört. Denen hat es, wie dem begeisterten Applaus nach über zwei Stunden zu entnehmen ist, gefallen. Wenn sie es dank Max Goldt nicht besser wüssten, würden sie vielleicht sagen, dass sie sich inspiriert fühlen.