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11.06.2012
Liao Yiwu: "Ich habe keine Zeit für Heimweh"
INTERVIEW: Der Autor über seine Flucht nach Deutschland, seine Haftzeit und das korrupte China

Nachdenklich | FOTO: DIETER MÜLLER

Steinheim-Sandebeck. Vier Jahre hat der chinesische Autor und Dichter Liao Yiwu in verschiedenen chinesischen Gefängnissen gesessen - wegen eines aufrüttelnden Gedichts, das im Juni 1989 die Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens vorwegnimmt.

Info
ZUR PERSON
Liao Yiwu
  • 1958 in der Provinz Sichuan geboren.
  • Liao Yiwu schlägt sich jahrelang als Tagelöhner und Dichter durchs Leben.
  • 1989 verfasst er das Gedicht "Massaker", das ihm vier Jahre Haft einbringt.
  • 2009 erscheint sein Buch "Fräulein Hallo und der Bauerkaiser – Chinas Gesellschaft von unten".
  • 2011 Flucht nach Deutschland. "Für ein Lied und hundert Lieder" über seine Haftzeit erscheint bei Fischer.


In seinem Buch "Für ein Lied und hundert Lieder" schildert der 53-Jährige nun die ganze Brutalität des Gefängnissystems. Um es publizieren zu können und einer erneuten Verhaftung zu entkommen, flüchtete Liao im Juli 2011 nach Deutschland. Stefan Brams sprach mit ihm am Rande des Literatur-Festivals "Wege durch das Land" über seine Haft, die aktuelle Lage in China und neue literarische Projekte.

Herr Liao, Sie sind in China wegen Ihres Gedichts "Massaker" zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Haben Sie damals damit gerechnet, dass die Staatsmacht so hart gegen Sie vorgehen würde?
LIAO YIWU: Ich war sehr wütend, als ich das Gedicht geschrieben habe. Daher habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht, welche Folgen es haben könnte.

Es war also vollkommen überraschend für Sie, dass die Staatsgewalt so hart zugeschlagen hat?
LIAO: Ja, denn bevor Sie mich ins Gefängnis steckten, war ich als Literat sogar mit mehreren offiziellen Preisen ausgezeichnet worden. Ich hatte überhaupt keine Vorstellung davon, wie es im Gefängnis zugeht. Die Inhaftierung war ein riesiger Schock für mich. Gleich bei der Ankunft musste ich mich nackt ausziehen und eine Leibesvisitation über mich ergehen lassen. Selbst meine Körperöffnungen wurden mit Stäbchen untersucht. Mir wurde dann Stück für Stück meine Würde als Mensch genommen. Ich habe vier Jahre lang gelebt wie ein Hund.

In Ihrem Buch "Für ein Lied und hundert Lieder" schildern Sie sehr drastisch das brutale System in den chinesischen Gefängnisses. Woher haben Sie die Kraft genommen, das zu überstehen?
LIAO: Meine Mitgefangenen waren oft sehr erfahrene Häftlinge. Das hat geholfen. Zudem entwickelt der Mensch einfach einen unglaublichen Überlebenswillen. Das war auch bei mir so, obwohl ich auch zwei Suizidversuche unternommen habe.

Konnten Sie während der Haftzeit schreiben?
LIAO: Im Polizeigefängnis habe ich heimlich 30 Gedichte verfasst und sie in Buchrücken versteckt nach draußen geschmuggelt. Unter dem Titel "Liebeslieder aus dem Gulag" sind sie veröffentlicht worden. Im vierten Gefängnis, das war ein Arbeits- und Umerziehungslager, durfte ich sogar offiziell schreiben. Dort war ich mit vielen Gefangenen zusammen, die am 4. Juni 1989 beim Massaker auf dem Tiananmen-Platz dabei waren. Ich habe mir damals geschworen, Zeugnis abzulegen, was dort passiert ist und was ich in den Gefängnissen erlebt habe. Aus meinem Schreiben schöpfe ich Kraft, Vertrauen und Mut. Das war auch im Gefängnis so.Die chinesischen Behörden haben Ihr Manuskript über die chinesischen Gefängnisse mehrfach beschlagnahmt. Sie haben es dann immer wieder neu geschrieben. Wann war es für Sie klar, ich verlasse mein Land, um das Buch veröffentlichen zu können?
LIAO: Das war 2011. Liu Xiaobo, ein Freund von mir, hatte im Jahr zuvor den Friedensnobelpreis erhalten, und alle hofften, dass sich in China die Lage für Dissidenten und Menschenrechtler bessern würde. Doch im Gegenteil, alles wurde nur noch schlimmer. Die Behörden warnten mich, wenn ich das Buch herausbringe, dann stecken sie mich wieder ins Gefängnis, und zwar für zehn Jahre. Sie brachen sogar in meine Wohnung ein, um die Verträge für das Buch zu finden, was ihnen aber nicht gelang. Mir war nun endgültig klar, ich habe nur eine Wahl: zu fliehen und das Buch zu veröffentlichen oder wieder ins Gefängnis einzufahren. Ich habe mich für Ersteres entschieden und bin über Vietnam nach Deutschland geflüchtet, weil ich Zeugnis ablegen will.

Vermissen Sie Ihre Heimat, obwohl Sie dort so drangsaliert und erniedrigt worden sind?
LIAO: Ich habe gerade gar keine Zeit für Heimweh, denn ich bin mit vielen Projekten beschäftigt. Ich schreibe, publiziere und reise um den halben Globus. Da ist für Heimweh nun wirklich keine Zeit.

Wie sehen Sie die Lage in China heute - ein knappes Jahr nach Ihrer Flucht?
LIAO: Für Dissidenten und Andersdenkende ist die Situation nach wie vor sehr, sehr prekär. Immer noch werden Menschen verschleppt und ins Gefängnis geworfen. Und das ganze Ausmaß ist kaum bekannt, denn wir sehen nur die Spitze des Eisbergs. Mein Freund Li Bifeng zum Beispiel, der auch Dichter ist, ist zwei Monate nach meiner Flucht verhaftet werden, weil die Behörden glauben, er habe meine Flucht finanziert. Seitdem sitzt er ohne Anklage im Gefängnis. Ihm drohen mehr als zehn Jahre Haft. So lange mein Freund und so viele andere im Gefängnis sitzen, kann auch ich mich nicht wirklich frei fühlen.

Setzt sich die deutsche Politik stark genug für die Menschenrechte in China ein?
LIAO: Da könnte mehr passieren, die westlichen Regierungen kennen sich nicht wirklich gut aus in China. Sie sehen oft nur die Oberfläche und nicht, was darunter passiert. China gleicht derzeit einem großen Müllhaufen. Dort ist alles korrupt.

Und die Intellektuellen, die Autoren, die Medien in Deutschland. Was erwarten Sie von denen?
LIAO: Sie sind sehr kritisch gegenüber China. Dafür bin ich sehr dankbar.

Woran arbeiten Sie derzeit?
LIAO: Ich habe 300 Interviews mit jungen Menschen geführt, die zu den untersten Schichten der chinesischen Gesellschaft gehören. Dieses Buch, an dem ich seit mehreren Jahren arbeite, erscheint nächstes Jahr. Noch in diesem Jahr erscheint aber ein anderes Werk von mir, in dem ich an Menschen erinnere, die im Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz Armeefahrzeuge gestoppt oder angezündet haben. Sie haben dafür einen hohen Preis bezahlt, sind für zehn bis zwanzig Jahre ins Gefängnis geworfen worden. Einige von ihnen wurden gefoltert. Ich habe sie nach ihrer Entlassung interviewt. Und ich werde in dem Buch die Namen aller Toten vom Juni 1989 auflisten. Der jüngste Tote war erst neun Jahre alt. Ich habe mit seinen Angehörigen gesprochen. Für mich ist dieses Buch ein kollektives Zeugnis wider das Vergessen.

Und die Lyrik, schreiben Sie noch Gedichte?
LIAO: Das schaffe ich derzeit nicht, aber Lieder schreibe ich. Eines habe ich gerade für Herta Müller getextet und es ihr vorgesungen.

Sie sind beim Festival "Wege durch das Land" zu Gast und stellen in Lügde mitten in der deutschen Provinz Ihr Buch vor. Wie erleben Sie die Landschaft?
LIAO (lacht): Als wir heute vom Bahnhof mit dem Auto hier ins Hotel in Steinheim-Sandebeck fuhren, habe ich gedacht, dass ist alles gar nicht echt, was du hier siehst.

Glauben Sie daran, irgendwann nach China zurückkehren zu können?
LIAO: Ja, denn die Hoffnung sollte man nie aufgeben, oder?



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