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29.06.2012
"Bei Eisler gibt es nichts Unpolitisches"
Die Musikwissenschaftlerin Friederike Wißmann über das Werk und den Menschen Hanns Eisler
VON ANKE GROENEWOLD

Friederike Wißmann | FOTO: C. BERTELSMANN

Bielefeld. Vereinnahmt, verkannt, vergessen. Hanns Eisler ist heute noch am ehesten als Komponist der DDR-Hymne "Auferstanden aus Ruinen" bekannt. Tatsächlich hat der Schönberg-Schüler aber ein vielfältiges musikalisches Schaffen hinterlassen. Von zentralen Werken Eislers ausgehend, zeichnet die Musikwissenschaftlerin Friederike Wißmann in ihrer exzellenten Biografie ein schillerndes Porträt dieses Mannes.

Als Mitarbeiterin an der Gesamtausgabe hatte sich die Münsteranerin jahrelang durch Schriften, Notenpartituren und Briefe von Hanns Eisler gewühlt, dessen Todestag sich am 6. September zum 50. Mal jährt.

Info
Friederike Wißmann
  •  Geboren 1973 in Münster, hat Verwandtschaft in Gütersloh.
  • Studierte Musikwissenschaft an allen drei Berliner Hochschulen. Promovierte 2003 mit einer Arbeit über "Faust im Musiktheater des 20. Jahrhunderts", Habilitation 2009 mit einer Arbeit zu Händels Opern.
  • Mitarbeiterin der Hanns-Eisler-Gesamtausgabe von 1998 bis 2002.
  • Lehrt an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
  • Als nächstes widmet sie sich Richard Strauss.
  • Lebt mit ihrem Mann, der Musiklehrer ist, und ihren zwei Kindern in Berlin.
  • Spielt Cello, unter anderem in dem Berliner Jazzquintett "Melt and Float". (groe)


Aus der Fülle des Materials ergab sich für Wißmann ein Bild "mit tausend Widersprüchen", wie die 39-Jährige im Interview sagt. Und die will sie auch nicht glattbügeln, sondern benennen. "Es geht nicht um Heldenverehrung, sondern darum, ein Werk zu würdigen und auch mit kritischem Blick und auf leise Weise zu schätzen."

Bühnenmusik für Brecht-Stücke

Zu schätzen und wiederzuentdecken gibt es einiges, legt das Buch nahe. "Viele wissen nicht, wie komplex das Werk Eislers ist und welche poetische Schönheit ihm innewohnt", sagt die Wissenschaftlerin. Ihr gelingt es, zentrale Kompositionen Eislers so lebendig und verständlich zu beschreiben, dass man große Lust bekommt, sie auch zu hören.

Geboren 1898 in Leipzig, wuchs Eisler in Wien auf, wo er Schüler von Arnold Schönberg und Anton Webern war. 1925 zog er nach Berlin, wurde mit Agitprop- und Kampfliedern für die Arbeiterbewegung berühmt und schrieb Bühnenmusik für Stücke Brechts wie "Die Maßnahme" oder "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe".

Eislers Ideal: anspruchsvolle Musik für den Straßenaufstand. Die Dynamik der Musik ergebe sich aus der Besetzung und dem Beat, auf die Eisler "unheimlich schöne Melodien" gesattelt habe. Die Texte seien zum Teil "schaurig", räumt Wißmann ein. "Aber man darf die Agitprop-Lieder auch nicht aus dem historischen Kontext reißen."

Songs anders hören

Es sei an der Zeit, dass die Musik für sich spreche und "dass wir sie nicht unter irgendeine politische Ambition stellen". Schon die Nazis hatten sich die Musik ihres verfemten Gegners angeeignet. Auch in den 50er und 60er Jahren seien Eislers Lieder für andere Belange missbraucht worden.

Avantgardist und Agitator | FOTO: DPA

"Die DDR hat auf die schmissigen, coolen Straßensongs einen sinfonischen Riesenapparat gesetzt", so Wißmann. Zum Einsatz kam der Bombast bei pathetischen, feierlichen Anlässen. "Das funktioniert nicht", sagt Wißmann. Es sei an der Zeit, diese Songs anders zu hören – im Bewusstseindes historischen Kontextes, in dem sie entstanden sind und jenseits der Konzertsäle.Wiederzuentdecken sind auch die Kammermusik und die Filmmusiken des jüdischen Komponisten, der 1933 vor den Nazis floh und nach einigen europäischen Stationen 1938 in Amerika ankam. Er erlebte Anfang der 40er Jahre Glanz und Elend in Hollywood, tauchte in die berühmte Exilantenszene ein und "belebte mit Charme und bissigem Witz noch die langweiligsten Partys".

"Bei Eisler gibt es nichts Unpolitisches"

Eisler habe in Amerika "fantastisch schöne Sachen geschrieben", schwärmt Wißmann. Er komponierte für die kommerzielle Filmindustrie ("Die Seeteufel von Cartagena"), aber auch für die Avantgarde wie den stummen Experimentalfilm "Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben". Zu Eislers Hauptwerken gehört das "Hollywooder Liederbuch" mit rund 50 Klavierliedern. Sie drehen sich um Weltpolitik, Philosophisches und Momentaufnahmen des Alltags. "Bei Eisler gibt es nichts Unpolitisches", betont Wißmann.

Ebenfalls im Exil entstand die 1959 uraufgeführte, einstündige "Deutsche Sinfonie" für Chor, Orchester und Soli. Mit diesem "klingenden Mahnmal gegen den Faschismus", das Zwölftontechnik mit dem Eisler-Sound der 20er Jahre zusammenbringe, sei er seiner Zeit weit voraus gewesen.

Im Zuge der "antikommunistischen Säuberungsaktionen" wurde Eisler in den USA kriminalisiert und musste 1947 vor dem "Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeiten" aussagen. Der Komponist wurde des Landes verwiesen. "Er wollte nach Wien, nicht in die DDR, aber als er sich einmal in der DDR eingefunden hat, hat er sich dort auch wohlgefühlt", sagt Wißmann. In nur wenigen Stunden schrieb er 1949 "Auferstanden aus Ruinen".

Warnung vor vorschnelle Urteilen

Eisler habe sich für den neuen Staat mit großen Idealen und fast naiver Zuversicht engagiert, so Wißmann. Er sei von der Kulturbürokratie aber maßlos enttäuscht gewesen und habe das intern auch lautstark zum Ausdruck gebracht. Nach außen hin habe er die DDR freilich immer verteidigt. Wißmann gesteht, dass sie mitunter ratlos war: "Wie konnte ein so kluger Mann wie Eisler nicht erkennen, was aus dem Mauerbau resultieren würde?"

Geholfen haben ihr Gespräche mit der Schauspielerin und Chansonsängerin Gisela May, die Eisler noch kannte. "Sie hat mich gewarnt vor vorschnellen Urteilen und Arroganz vor den Dingen, die seltsam sind im Leben Eislers", erzählt Wißmann. Gisela May wusste auch vom besonderen Charisma des rundlichen, glatzköpfigen Mannes zu erzählen – ein Arbeiterchor-Komponist, der mit Wiener Umgangsformen fasziniert habe und in den Proben uneitel, freundlich und respektvoll seine Arbeit gemacht habe.

Man erfährt in diesem Buch auch viel über den Menschen Eisler – über sein mitunter "borniertes" Verhältnis zu seinem Sohn, der Maler wurde. Oder über die starken Frauen an seiner Seite, für die er übrigens nie ein konventionelles Liebeslied schrieb. Eins der wenigen, das er auf ein Goethe-Gedicht komponierte, widmete er Bertolt Brechts Schäferhund Rolphy.

  • Friederike Wißmann: "Hanns Eisler – Komponist. Weltbürger.Revolutionär.", 300 S., Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, 19,99 Euro.




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