Einst Bürgerschreck, heute Rock-Opas: Rückblick auf die Geschichte der Erfolgsband
Bielefeld. Der Schauplatz dieses Urknalls der Rockmusik ist längst verschwunden. Wer konnte auch ahnen, dass damals ein Stein ins Rollen geriet, der sich zu einer weltweiten Rock-Lawine auswachsen würde. Vor 50 Jahren, am 12. Juli 1962, gaben die Rolling Stones im Marquee Club an der Londoner Oxford Street ihr erstes Konzert. Rückblickend ein epochales Ereignis. Nur die Jubilare feiern nicht recht mit: Es gibt kein Konzert zum runden Band-Geburtstag.
50 Jahre Rolling Stones: Welcher ist Ihr Lieblingssong der Band?
London, 1962. In den Hitparaden geben Cliff Richards und The Shadows den Ton an. Die aktuellen Fronten der populären Musik verlaufen zwischen Traditional Jazz à la Mr. Acker Bilk und schwarzer Tanzmusik von Chuck Berry. Bei konservativen Jazz- und Countryblues-Liebhabern ist Rock’n’Roll als vulgäre Tanzmusik verschrieen. Doch in der buntscheckigen Londoner Musikszene tummeln sich einige Jungspunde, die sowohl das Bluesidol Muddy Waters als auch Chuck Berry verehren. Diese zwei Musik-Ikonen stehen Pate bei der Geburt der Rolling Stones, der Band, neben der die etablierten Popgrößen schon bald ziemlich alt aussehen werden.
Die Band-Vorgeschichte beginnt mit einer Begegnung auf dem Bahnhof der Kleinstadt Dartford in der Grafschaft Kent. Keith Richards, damals 17, und Mick Jagger, 18, warten am 17. Oktober 1961 auf den Pendlerzug nach London. Jagger studiert dort an der School of Economics. Richards fährt nur bis Sidcup mit, wo er das Art College besucht. Die beiden kennen sich locker von der Grundschule. Bei dieser losen Bekanntschaft wäre es wohl geblieben, hätte Jagger an diesem Tag nicht zwei kostbare LPs von Muddy Waters und Chuck Berry dabei gehabt. Das smarte Middle-Class-Bürschchen hatte sie direkt in Chicago bestellt. "Er hatte das echte Zeug", schreibt Keith Richards, das Arbeiterkind, in seinen Memoiren, "und ich hatte keine Ahnung, wie ich drankomme." Es ist der Beginn einer für die Rockmusik äußerst ergiebigen Freundschaft.
Unklare Quellenlage beim Schlagzeuger
Mick Jagger singt damals bereits in einer eigenen Band, hat viele Kontakte in die Bluesszene. Keith Richards bringt nicht viel mehr ein als seine rückhaltlose Begeisterung für die Gitarrenriffs von Jimmy Reed und anderen schwarzen Gitarren-Göttern. Alexis Korner, Platzhirsch der Londoner Bluesszene, lädt sie zu Gastspielen bei Auftritten seiner Band "Blues Incorporated" im Ealing Club im Londoner Westen ein, natürlich ohne Gage. Dort lernen sie Brian Jones kennen, ebenfalls ein junger Blues-Gefolgsmann, der Jagger und Richards mit seinem Slide-Gitarrenspiel beeindruckt.Alexis Korner besorgt ihnen den ersten ersten Gig. Er soll bei einem BBC-Radiokonzert spielen und braucht für den 12. Juli 1962, einem Donnerstag, eine Vertretung für den Marquee Club. An jenem Abend stehen auf der Bühne: Brian Jones, Mick Jagger, Keith Richards, Pianist Ian Stewart und Bassist Dick Taylor. Sie nennen sich "The Rolling Stones", nach einem Song von Muddy Waters. Was den Schlagzeuger betrifft, ist die Quellenlage unklar. Charlie Watts, seinerzeit ein begehrter Jazz-Schlagzeuger, steigt erst im Januar 1963 fest ein. Bill Wyman ersetzt den ausgestiegenen Bassisten Dick Taylor.
Jubiläumsgaben
- "The Rolling Stones: 50" heißt die Londoner JubiläumsAusstellung im Somerset House (Nordufer der Themse, Nähe Waterloo Bridge). Es wird die Erfolgsgeschichte der Rolling Stones seit ihren Anfängen präsentiert. Zur Eröffnung am 13. Juli werden Bandmitglieder erwartet, heißt es. Geöffnet täglich 10-18 Uhr, bis 27. August 2012, Eintritt frei.
- Die deutsche Ausgabe des Buchs zur Ausstellung ist gerade im Prestel Verlag erschienen (352 S., 39,95 Euro).
- Im September soll eine von der Band in Auftrag gegebene Film-Dokumentation zur Stones-Historie herauskommen.
Die Band entwickelt sich rasant weiter. Ihr Manager Andrew Loog Oldham, ein junges Enfant terrible der Londoner Popwelt, verschafft ihnen einen Plattenvertrag bei Decca und wirft Pianist Ian Stewart aus der Band. Der bieder aussehende ältere Typ mit dem kantigen Kinn passt nicht zum Image juveniler Rock-Rebellen. Oldhams Erfolgsformel: die Stones als Anti-Beatles. Die Basis ihres Repertoires besteht aus amerikanischem Rhythm’n’Blues. So wie Elvis in den 1950er Jahren als weiße Galionsfigur mit schwarzer Rock’n’Roll-Musik Karriere machte, infizieren die Rolling Stones ihre weißen Altersgenossen mit den erotisch aufgeladenem Rhythmen ihrer schwarzen Helden – eine Art Wiederholung des Elvis-Urknalls im Anti-babypillen-Zeitalter.
Durchbruch mit "Satisfaction"
Die erste Single "Come on" ist ein Chuck-Berry-Song. Auf ihren ersten LPs finden sich ausschließlich Blues-, Soul, und Rock’n’Roll-Coversionen. Zwar setzen auch die Beatles anfangs stark auf Chuck Berry, aber sie absorbieren die schwarze Musiktradition nicht ansatzweise so leidenschaftlich und konsequent wie die Rolling Stones. Diese starken Wurzeln prägen dann auch ihre eigenen Songs. Zur US-Tournee im Juni 1964 kommt mit "Tell Me" erstmals eine eigenkomponierte Single heraus. Den internationalen Durchbruch bringt im Mai 1965 "(I Can’t Get No) Satisfaction" – Platz eins in den USA und in Großbritannien. "Die ,Stein’-Lawine rollt", titelt die Jugendzeitschrift Bravo im September 1965 zur Deutschlandtour.
Dass die Lawine nach 50 Jahren noch immer rollt, ist das vielleicht größte Wunder dieser unglaublichen Geschichte. Die meisten Bands scheitern irgendwann an den Versuchungen des Erfolgs und dem Versiegen der kollektiven Kreativität – siehe die Beatles. Auch am Bandgefüge der Rolling Stones rütteln im Lauf der fünf Jahrzehnte enorme Fliehkräfte – Reichtum, Drogenexzesse, Erfolgsdruck, Justiz, Frauen, Familie, Plattenfirmen –, aber sie reichen nicht aus, den Bandkern zu zerstören. Selbst die unvermeidlichen internen Streitigkeiten, die Abgänge durch Tod (Brian Jones) oder Überdruss (Bill Wyman), die Neuzugänge (Mick Taylor, dann Ron Wood), der Privatkrieg zwischen Jagger und Richards in den 80ern oder auch die mehr oder weniger peinlichen Solo-Projekte der beiden haben die Stones einfach weggesteckt.
Ihre kreativste Phase erreichen sie Ende der 1960er bis Anfang der 1970er Jahre. Sie wird markiert von LP-Meilensteinen wie "Beggars Banquet" und "Sticky Fingers", von Monsterhits wie "Jumping Jack Flash", "Sympathy for the Devil", "Street Fighting Man", "Gimme Shelter", "Honky Tonk Women" oder "Brown Sugar", unerbittlich angetrieben von Keith Richards patentierten Gitarrenriffs. Charlie Watts’ swingender Schlagzeug-Minimalismus und Bill Wymans punktgenaue Basslinien bilden zu der Zeit die kochendste Rhythm-Section der Rockmusik. Zusammen mit Mick Jaggers vitaler Stimme ergibt das den Goldstandard, an dem sich alle traditionellen Rock’n’Roll-Bands nach ihnen messen lassen müssen.
Eher Bewahrer als Erneuerer
Die Klasse von damals erreichen sie nicht wieder, dennoch packen sie den schwierigen Generationssprung. Sie werden zu Klassikern, zu denen Jung und Alt pilgern, als besichtige man einen historischen Vergnügungspark. In den Medien ist aber auch vom "betreuten Wohnen auf der Bühne" die Rede, von den "Rock-Opas", die sich lächerlich machten.
Doch die Rolling Stones sind musikalisch stets eher Bewahrer als Erneuerer gewesen. Sie stehen in einer Musiktradition, in der Alter keine Schande ist. Anders als das Lady-Gaga-Popuniversum gewähren Blues und Rock’n’Roll auch ihren betagteren Protagonisten künstlerische Würde. Chuck Berry fährt noch mit 85 die Ernte seiner Glanzzeit ein. So gesehen, sind die Stones eigentlich noch ziemlich jung.