Altenbeken. Das Alte Forstamt in Altenbeken ist ein zauberhafter Ort im Tal der Durbeke. Die Natur wuchert hier üppig. Junge Schwalben zetern in ihren Nestern. Hühner picken im nassen Gras. Schafe blöken auf der saftig grünen Weide neben den alten Holzhäusern der ehemaligen Försterei. Und mittendrin in dieser Szenerie wandeln Literaturfreunde umher – solange es der Regen zulässt. Ein idealer Ort für das Literatur- und Musikfest "Wege durch das Land".
Ein passender Ort, um einer "archaischen Avantgarde" zu begegnen. Einer Avantgarde, die sich tief aus der Vergangenheit der Menschheit und intensivem Naturerleben speist. Festivalleiterin Brigitte Labs-Ehlert hat den großen litauischen Lyriker Tomas Venclova, dessen Lyrik den Dialog mit der Antike und der Klassik sucht, an diesen Ort gebeten. Und den Schauspieler Matthias Habich, der Czeslaw Milosz’ magisch-realistischen Roman "Das Tal der Issa" neu lesen soll.
Ein Roman, der von einer verwunschenen Landschaft im Tal des polnisch-litauischen Grenzflusses Issa kündet und den Reifeprozess eines Jungen beschreibt. Ein magischer Ort, der dem Forsthaus an der Durbeke durchaus verwandt zu sein scheint. Und nicht zuletzt hat Labs-Ehlert die beiden Jazz-Musiker Michel Godard aus Frankreich und Gavino Murgia aus Sardinien ins Forstamt eingeladen, denn auch sie spielen mit Moderne und Archaik in ihrer phantastischen Komposition "Deep".
Lesung – auf litauisch
Den Auftakt macht an diesem Samstagabend Tomas Venclova. Zusammen mit seiner Übersetzerin Claudia Sinnig betritt er die Bühne im Zelt, lächelt, setzt sich und beginnt nach kurzer Einführung seine Lesung – auf litauisch.
Venclova, geboren 1937 in Klaipeda, musste 1977 in die USA emigrieren, hatte er es in seinen Versen doch bereits früh gewagt, das sowjetische Regime zu kritisieren und sich einer litauischen Menschenrechtsgruppe anzuschließen.
Der 75-Jährige erhebt seine Stimme. Kehlig klingen die Laute, seine Worte scheinen zu fließen wie Wellen, die einen sofort forttragen in eine zutiefst dunkle Welt. Seine Gedichte haben Titel wie "An den Seen", "Am Dreiweg", "Blick aus der Allee" oder "Uzupis" (eine Künstlerrepublik in Vilnius). Erinnerung, Verlust der Heimat, Wiederbegegnung mit den Stätten der Jugend, Liebe, Tod, Natur sind seine Themen.
Kandidat für den Literaturnobelpreis
Verpackt in Verse, die sich oft nicht sofort erschließen, aber umso mehr verzaubern dank ihrer lakonischen Sprache, Dichtheit und starken Bildlichkeit. Verse, die Claudia Sinnig gekonnt vorträgt. Hier wird deutlich, warum dieser Lyriker, der hierzulande vielen noch eher unbekannt ist, zu Recht immer wieder auch als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wird.
Seine Lyrik ist widerständig, kritisch, aber dabei immer zutiefst poetisch, streng in der Form, das Gestern und Heute verbindend. Gedichte, von denen der Lyriker Durs Grünbein sagt: "Sie gehören zum Unzeitgemäßesten, was die zeitgenössische europäische Poesie zu bieten hat." Eine Entdeckung.
Befreundet war Venclova mit dem polnischen Dichter und Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz, der 2004 starb. Dessen großen Roman "Das Tal der Issa" bringt an diesem Abend der Schauspieler Matthias Habich auf eine faszinierende Art und Weise zum Klingen.
Große Literatur, trefflich neu gelesen
Mit treffend gesetzten Gesten, starker Mimik und kleinen Interventionen (Habich macht kurzerhand den Ruf eines Auerhahns nach, den er im Text zu dürftig beschrieben fand) wird dieses Flusstal im litauisch-polnischen Grenzgebiet samt seiner überbordenden Natur, seinen Teufeln und anderen komischen Wesen zu einem höchst lebendigen Ort und der Reifeprozess des 13-jährigen Helden Thomas aufs Schönste greifbar. Große Literatur, trefflich neu gelesen von einem starken Rezitator.
Doch nicht allein die Literatur weiß an diesem Abend zu begeistern. Der französische Tuba-Virtuose Michel Godard und der sardische Obertonsänger und Saxophonist Gavino Murgia dringen tief in die Wurzeln der Musik ihrer Länder vor, um sie in einem großen Brückenschlag ins Heute zu befördern. Stücke von großer Kraft, die die Zuhörer nach vier Stunden aus dem Tal der Durbeke in die Nacht hinaustragen. "Es bleiben nur das Rätsel, Geduld, Brot und Wein", dichtete Venclova einst. Das ist viel, wie dieser magische Abend zeigt.