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19.07.2012
Tomas Venclova: "Ich bin ein historischer Optimist"
Der Dichter über sein Werk, das Leben im Exil und seine Heimat Litauen

Nachdenklich | FOTO: MARC KÖPPELMANN

Altenbeken. Der Litauer Tomas Venclova zählt zu den großen zeitgenössischen Dichtern. Lyriker Durs Grünbein, der viele seiner Verse aus dem Litauischen ins Deutsche übertragen hat, sagt über die Gedichte des 75-Jährigen: "Sie gehören zum Unzeitgemäßesten, was die zeitgenössische europäische Poesie zu bieten hat." Stefan Brams sprach beim Literaturfest "Wege durch das Land" im Alten Forsthaus von Altenbeken mit Venclova, der 1977 aus seiner Heimat in die USA emigrierte über das Leben im Exil, sein Werk und warum er nicht dauerhaft nach Litauen zurückgekehrt ist.

Herr Venclova, was hat Ihre Lyrik geprägt?
TOMAS VENCLOVA: Als Hitler 1941 die Sowjetunion und damit auch meine Heimat Litauen überfiel, habe ich meine Eltern zeitweise verloren gehabt. Mein Vater war vor den Truppen Hitlers nach Moskau geflohen. Meine Mutter blieb mit mir allein zurück. Doch sie wurde verhaftet und saß einige Monate im Gefängnis und ich, erst drei Jahre alt, war plötzlich vollkommen allein. Das war ein Trauma für mich. Und vieles von dem, was ich in meiner Lyrik bis heute schreibe, speist sich aus diesem frühkindlichen Trauma auch wenn am Ende alles glücklich ausging, meine Mutter wieder freigelassen wurde und mein Vater 1944 zu uns zurückkehren konnte.

Ihr Vater war Autor und Kulturminister der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik, deren Hymne er dichtete. Wie sehr hat sie das väterliche Vorbild geprägt?
VENCLOVA: Ja, mein Vater war Schriftsteller, er kannte sehr viele Autoren, die oft bei uns zu Hause zu Gast waren. Diese Atmosphäre hat mich sehr früh geprägt, und schon als Kind wollte ich wie mein Vater auch Autor werden. Das ist dann tatsächlich auch so gekommen. Nur, dass ich mich von der Art und Weise wie mein Vater geschrieben hat, doch sehr unterscheide. Er war der sozialistisch-realistischen Linie verpflichtet und Funktionär im Schriftstellerverband. Ich schreibe eine hermetische, widerständige Lyrik und musste emigrieren, weil ich das Regime kritisiert habe.

Welche Dichter haben Sie damals geprägt?
VENCLOVA: Sehr wichtig war für mich Henrikas Radauskas. Er war der wohl beste litauische Lyriker des 20. Jahrhunderts. Radauskas hatte linke Ansichten und war ein Freund meines Vaters, ging bei uns zu Hause ein und aus, emigrierte aber nach der sowjetischen Besetzung Litauens nach Westberlin.

Und internationale Einflüsse?
VENCLOVA: Vor allem die russischen Lyriker Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam und Boris Pasternak haben eine besonders starke Wirkung auf mich ausgeübt. Marina Zwetajewa schätze ich zwar auch sehr, aber sie hat auf meine Dichtung keinen so großen Einfluss gehabt.Sie haben Joseph Brodsky gar nicht erwähnt?
VENCLOVA: Auf ihn komme ich jetzt. Er hat mich in der Tat sehr stark beeinflusst. Wir haben uns regelmäßig bei ihm in Leningrad und bei mir in Vilnius getroffen. Aber ich bin so frei zu erwähnen, dass auch ich Brodsky mit meiner Lyrik beeinflusst habe. Er selbst hat es einmal so ausgedrückt.

War das eine enge Freundschaft zwischen ihnen?
VENCLOVA: Ja, mehr als 30 Jahre waren wir befreundet - auch später im Exil in New York haben wir uns häufig gesehen. In meinem Tagebuch, das ich seit 50 Jahren führe, ist sehr viel über unsere Freundschaft zu lesen.

Brodsky musste 1972 ins Exil flüchten, sie 1977. Wie stark hat Sie das Exil beeinflusst?
VENCLOVA: Wie andere Exilanten auch hatte ich große Angst, dass ich meine Heimatsprache verliere. Aber Thomas Mann hat im Exil einen sehr treffenden Satz geprägt, als er betonte: ,Die deutsche Literatur ist dort, wo ich bin’. Ich habe das schließlich auf mich bezogen und mir immer gesagt, wo ich bin, da ist die litauische Literatur. Das hat geholfen. Neben dem schmerzlichen Verlust der Heimat habe ich das Exil aber auch als Bereicherung erfahren. Ich konnte ganz neue Erfahrungen machen, neue Eindrücke sammeln, einen neue Sprache lernen. Vor allem die Begegnung mit der neuen Sprache hat mein Verhältnis zu meiner Heimatsprache vertieft. Im Exil habe ich begriffen, welch große Vergangenheit das Litauische hat, wie meine Vorfahren es geschrieben und gesprochen haben.

Haben Sie je damit gerechnet, ihr Heimatland wieder zu sehen und ihren Pass wiederzubekommen?
VENCLOVA: Ich war immer davon ausgegangen, dass ich wohl nie mehr lebend nach Litauen zurückkehren werde. Von daher habe ich es als großes Glück empfunden, als Litauen 1991 unabhängig wurde, und ich meine Heimat nach all den Jahren wiedersehen konnte. Ich denke, dass ich mit meinen Werken auch ein wenig dazu beigetragen habe, dass Litauen wieder ein unabhängiger Staat geworden ist.

Wir erleben Sie das Land heute?
VENCLOVA: Litauen hat große Fortschritte gemacht, es ist europäischer geworden. Aber es gibt auch die Kehrseite eines stärker werdenden Nationalismus’, zunehmende Selbstbezogenheit und Provinzialität. Das alles ist mir sehr fremd. Aber grundsätzlich bin ich was Litauens Zukunft angeht optimistisch. Doch ich unterscheide immer zweierlei Optimisten. Den Optimisten, der sagt, alles wird gut, und den historischen Optimisten. Der sagt zwar auch, alles wird gut, aber ich werde es nicht mehr erleben. Ich bin eher ein historischer Optimist.

Haben Sie nie daran gedacht, wieder ganz nach Litauen zurückzukehren?
VENCLOVA: Ich fahre gerne nach Litauen, nehme am öffentlichen und kulturellen Leben teil, fühle mich aber als Europäer und teilweise als Amerikaner und bin mir sicher, ich werde mein Leben als Westler beenden. Letztendlich ist es in Zeiten des Internets und der schnellen Reiseverbindungen gar nicht mehr wichtig, wo man wohnt, man ist doch eh mit allem verbunden.

Kann Lyrik wie die Ihre etwas bewirken?
VENCLOVA: Auch wenn meine Lyrik eine sehr komplexe, sehr hermetische ist, so glaube ich doch, dass sie eine Wirkung entfaltet. Meine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden. Ich gelte als der größte lebende Lyriker meines Landes und erlebe, dass in Litauen gerade auch junge Menschen meine Verse lesen und viele in mir ein Vorbild sehen. Das ist doch was, oder?


Litauischer Lyriker mit Weltgeltung

  • Tomas Venclova, der regelmäßig als Literaturnobelpreiskandidat gehandelt wird, wurde 1937 in Klaipeda (Litauen) geboren. 1977 musste er in die USA emigrieren, weil er in seinen Gedichten die Sowjetunion kritisiert und einer Menschenrechtsgruppe angeschlossen hatte. Venclovas Dichtung ist hoch poetisch, hermetisch und komplex. Bei Suhrkamp erschien zuletzt sein Band "Gespräch im Winter". Venclova lebt derzeit für ein Jahr in Berlin.(ram)



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