Bielefeld. Die notorisch aufgeregten Medien sind schnell bei der Hand, wenn es gilt, die angeblich nächste Amy oder Adele auszurufen – bis das nächste Popwunder um die Ecke biegt. Auch Lianne La Havas ist mit einer Menge Vorschusslorbeeren bedacht worden, aber sie wird bleiben. Das deutete schon der umwerfende Auftritt der erst 22-Jährigen in der BBC-Kultsendung "Later with Jools Holland" an. Nun ist ihr mit Spannung erwartetes Debütalbum "Is Your Love Big Enough?" erschienen, das die geweckten Hoffnungen restlos erfüllt.
Die in London aufgewachsene Sängerin, Gitarristin und Songschreiberin ist weder eine Kopie von irgendwem, noch segelt sie auf der erfolgsträchtigen Retro-Soul-Welle. Sie ist vielmehr eine erfrischend eigenständige Popkünstlerin, die sich souverän im weiten musikalischen Kraftfeld zwischen Pop, Jazz, Soul und Folk bewegt: kantiger und experimentierfreudiger als die frühe Norah Jones, nicht so abgründig und seelenwund wie Amy Winehouse. Mutterseelenallein stand Lianne La Havas im Scheinwerferkegel auf Jools Hollands TV-Bühne, ihre alte E-Gitarre etwas uncool hoch vor die Brust geklemmt. Trotz des gewaltigen Aufmerksamkeitsdrucks strahlte das einst im Schulchor entdeckte Wunderkind die lächelnde Ruhe und Selbstgewissheit aus, wie sie nur großen Naturtalenten gegeben ist. Nach dieser Feuerprobe, hat sie nichts mehr zu fürchten.
Mit ihrer eleganten, wunderbar geschmeidigen Stimme singt sie auf dem Debütalbum über ältere Liebhaber ("Age"), rechnet mit einem Verflossenen ab ("Forget"), eröffnet im berührenden Duett mit US-Crooner Willy Mason Einblicke in eine verzwickte Beziehungskiste ("No Room for Doubt"). Zwischendurch verströmt sie federleichten, ohrwurmverdächtigen Pop-Zauber ("Au Cinéma") oder bittet im Chor-unterfütterten Titelsong zum Tribe-Tänzchen. Dafür, dass die zwölf Songs – mit einer Ausnahme alle aus La Havas’ Feder – ein schlüssiges Gesamtbild ergeben, sorgte Produzent Matt Hales. Er gab dem Album ein durchgehend transparentes, zugleich modernes und organisches Klangbild.
Lianne La Havas, Tochter einer Jamaikanerin und eines Griechen (dessen Nachnamen Vlahavas sie zu La Havas abkürzte), ist eine Frühvollendete: das Vibrato geschmackssicher gezügelt, die an Jazz-Vorbildern geschulte Phrasierung souverän, Melodien und Text sorgfältig aufeinander abgestimmt. Letztlich sind das jedoch nur Mittel zum Zweck. Diese Musikerin hat etwas zu sagen, und sie hat das im Pop eher seltene Talent, es auf unverwechselbare und berührende Weise zu tun. Im November und Dezember kommt sie nach Deutschland.
Lianne La Havas: "Is Your Love Big Enough", CD, Warner Music.