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08.11.2012
Paderborn
Hans Magnus Enzensberger zieht es nach Paderborn
Der Dichter und Intellektuelle im Heinz-Nixdorf-Forum
VON THOMAS KLINGEBIEL

Am Anfang ist sein Wort | FOTO: MARC KÖPPELMANN

Paderborn. Er ist inzwischen in einem Alter, wo man sich zweimal überlegt, ob etwas unbedingt sein muss. Muss Hans Magnus Enzensberger, der in wenigen Tagen 83 wird, unbedingt aus dem schönen München nach Paderborn reisen, um dort aus eigenen Texten zu lesen und Bücher für ihm unbekannte Menschen zu signieren? Der vielgefragte Libero unter Deutschlands Intellektuellen, war am Dienstag in Paderborn, aber "nicht aus reiner Liebe zu der Stadt", wie er lächelnd bekennt.

HME, wie sein Name gern zur Institution abgekürzt wird, kam wegen einer anderen Institution: HNF – das Heinz-Nixdorf-Museumsforum. Der prominente Dichter, Schriftsteller und Essayist interessiert sich notorisch für unendlich viele Sachen, aber besonders leidenschaftlich für Maschinen und Automate.

Auf diesem Gebiet hat das HNF einiges zu bieten, und nicht nur Computer. "Allein in der Schreibmaschinen-Ausstellung könnte ich ganze Tage zubringen", sagt Enzensberger am Dienstag schwärmerisch. Außerdem schätze er die Unterhaltung mit den Museums-Fachleuten. "Die wissen ja was. Ich will schließlich auch was davon haben." Woher seine Faszination für Maschinen aller Art rührt? "Da muss man ein bisschen biografisch werden", erzählt Enzensberger im gemäßigt bayrischen Singsang. Seine sehnige, große Gestalt scheint im großzügig geschnittenen Jackett etwas zu versinken.

"Ich wollte das damals alles verstehen"

"Mein Vater war von Beruf Fernmeldeingenieur. Er war in Bayern für die Umstellung von Fernsprech-Handvermittlung auf Verstärkerämter, also die vollständige Automatisierung zuständig. Ich wollte das damals alles verstehen und wissen, auch, was man vielleicht noch alles automatisieren könnte." Dieser Spur sei er in seinem Leben einfach gefolgt. "Das war ein ganz normaler Vorgang. Ich fand das spannend."

So gesehen, ist es nicht ganz so seltsam, dass Enzensberger bereits 1967 in der von ihm herausgegebenen, Diskurs-leitenden Zeitschrift Kursbuch ausführlich über einen gewissen Alan Turing schrieb ("Können Maschinen denken?"). Da war hierzulande über den genialen "Enigma"-Entschlüssler und über Bletchley Park, die Zentrale der britischen Wehrmachtscode-Knacker, so gut wie nichts bekannt.

In seiner Balladen-Sammlung "Mausoleum" (1975) zeichnet Enzensberger ein einfühlsames Porträt des Mathematikers und Menschen Alan Turing. Turing nahm sich 1954 das Leben, mutmaßlich, weil er wegen seiner Homosexualität angefeindet wurde. "Es stellt sich die Frage, womit außergewöhnliche Leistungen bezahlt werden", sagt Enzensberger nachdenklich. "Turing war ein merkwürdiger Mensch. In diesem Haus hier gibt es sehr viele merkwürdige Personen, die für ihre Begabung einen hohen Preis gezahlt haben."

"Wir sind einfach nicht intelligent genug"

Die Frage, ob es je so etwas wie wirkliche künstliche Intelligenz geben wird, hält Enzensberger im Ansatz für einen Kategoriefehler, "wie es in der Philosophie heißt". "Wir wissen nicht, was Intelligenz, was Bewusstsein ist. Wir sind einfach nicht intelligent genug, um zu wissen, was Intellekt ist", sagt er. Unter dem streng gescheitelten Weißhaar blitzt dem Fragesteller eine Mischung aus sonnigem Lächeln und amüsiert hochgezogenen Augenbrauen entgegen, die das ohnehin unterschwellig nagende Gefühl intellektuellen Nichtgenügens unangenehm verstärkt.Dem HNF ist HME schon seit der Planungsphase verbunden. Im Eingangsbereich prangt auf einer kreisrunden blauen Scheibe das von Enzensberger formulierte "Credo" des Museums, "eine erste Handreichung für den Besucher", wie Enzensberger es nennt. Über den im HNF gewürdigten Mathematiker John von Neumann schrieb er eigens eine Ballade im "Mausoleum"-Stil. Derzeit hat das Paderborner Museum Alan Turing die Sonderaussstellung "Genial & Geheim" gewidmet (noch bis 16. Dezember).

Der legendäre Mathematiker und Computerpionier wäre am 23. Juni 100 Jahre alt geworden. Teil der Turing-Ausstellung ist die interaktive Installation "Love Letters" des Kölner Documenta-Künstlers David Link. Sie lädt dazu ein, einen Automaten auf Knopfdruck hin Liebesbriefe generieren zu lassen. Enzensberger zeigt sich höflich amüsiert. 1974 hat er für ein Lyrikfestival in Landsberg bereits selbst einen "Poesieautomaten" konzipiert, der noch heute im Literaturarchiv in Marbach fleißig Gedichte rausrattert. Es dürfte schwer sein, ein Gebiet zu finden, auf dem dieser Abenteurer des Geistes sich noch nicht maßgeblich getummelt hat.

Was das eigene Arbeiten angeht, scheint der Automaten-Fan überraschend altmodisch zu sein. Zwar hat er, wie er sagt, Grimms Wörterbuch "aus praktischen Gründen" auf der Festplatte, und er guckt auch Fernsehen ("Ich bin ein bisschen nachrichtensüchtig"). Auf ein Handy verzichtet er jedoch konsequent. Die Erklärung des Mathematik-Begeisterten klingt logisch, fast wie eine Art Binärcode des gesunden Alltagsverstands: "Entweder ich bin da, oder ich bin nicht da. Wenn ich nicht da bin, bin ich nicht da – und fertig."


Hans Magnus Enzensberger

  • Am 11. November 1929 in Kaufbeuren geboren, in Nürnberg aufgewachsen.
  • Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Erlangen. 1957 erster Gedichtband: "die verteidigung der wölfe". Herausgeber der Zeitschrift Kursbuch (1965-1975), des Kulturmagazins TransAtlantik (1980-82) und der Buchreihe "Die Andere Bibliothek" (1985-2007).
  • Zuletzt erschien von ihm "Enzensbergers Panoptikum" (Suhrkamp)



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