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09.11.2012
Die "Cloud Atlas"-Regisseure: "Wir wollen beste Unterhaltung"
Tom Tykwer und Lana und Andy Wachowski im Interview

"Cloud Atlas" | FOTO: DPA

Berlin. "Lola Rennt" trifft "Matrix", Berlin trifft Chicago, ein mediengewandter Filmemacher trifft zwei öffentlichkeitsscheue Visionäre – vielleicht brauchte es genau diese Mischung, um den als unverfilmbar geltenden Roman "Cloud Atlas" von David Mitchell doch noch auf die große Leinwand zu bringen. Zu dritt haben sich Tom Tykwer (47) und die Wachowski-Geschwister Lana (vormals Larry, 47) und Andy (44) vor vier Jahren ans Werk gemacht. André Wesche traf die Regisseure in Berlin zum Gespräch über "Cloud Atlas".

Drei Regisseure, ein Film – wie funktioniert das?
ANDY WACHOWSKI:
Film ist ein Medium, das auf Zusammenarbeit basiert. Es steht immer ein Kollektiv dahinter. Drei Regisseure zu haben, ist nur die logische Erweiterung des kreativen Prozesses.
LANA WACHOWSKI: Haben Sie es jemals hinterfragt, wenn drei Autoren an einem Film geschrieben haben?
TOM TYKWER: Dabei ist doch gerade das Schreiben der intimste und speziellste Prozess beim Filmemachen, man assoziiert ihn gern mit Einsamkeit. Wenn man Regie führt, ist das ein komplett sozialisierter Vorgang. Kommunikation ist deine Hauptaufgabe. Wir drei harmonisieren sehr gut miteinander, wir pflegen eine liebevolle Beziehung. Es ist wie in einer Ehe. Wenn du den richtigen Partner gefunden hast, ist er eine Erweiterung deiner selbst.

Aber auch in der besten Ehe fliegen manchmal die Fetzen.
TYKWER:
In einer Ehe, die auf Liebe basiert, findet man immer einen Weg, um miteinander zu kommunizieren. Man begibt sich nie auf ein Terrain, das sich als zerstörerisch erweisen könnte.
A. WACHOWSKI: Unsere Auseinandersetzungen drehten sich eben nicht darum, wer die Zahnpasta-Tube offen gelassen hat, sondern wer den besseren Caterer hat.
TYKWER: Die Problemlösungen, die man gemeinsam findet, sind in der Regel besser als jene, die einem allein in den Sinn kommen. Außerdem glaube ich fest an Dreiergruppen, die 3 ist eine magische Zahl.
A. WACHOWSKI: Man kann auf die dreifachen Ressourcen zurückgreifen, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Wir können die Probleme triangulieren, das ist schneller und einfacher.

Gab es trotzdem Momente der Verzweiflung?
L. WACHOWSKI:
Der Film hätte nicht überleben können, wäre seine Herstellung nicht eine so freudvolle Erfahrung gewesen. Ohne Bezahlung haben wir uns für vier Jahre in diese Aufgabe gestürzt. Es war absolut zermürbend, das Geld aufzutreiben. Der Dreh war eine große Herausforderung. Wir hätten das nie durchgehalten, wenn es nicht großen Spaß gemacht hätte. Dieser Film besteht in seiner Gänze aus Mut und Liebe.Warum war es so schwierig, trotz der Starbesetzung (u.a. Tom Hanks und Halle Berry) eine Finanzierung auf die Beine zu stellen?
TYKWER:
Das hat uns auch überrascht. Gerade, nachdem wir diese großartigen Schauspieler verpflichten konnten, haben wir es uns leichter vorgestellt. Es war nie einfach für einen Film wie diesen. Heutzutage ist es noch schwerer geworden, ästhetische Filme zu realisieren, die inspirierend sind und das Hirn mit Nahrung versorgen. Die nicht Fastfood sind, sondern ein interessantes 6-Gänge-Menü, bei dem man neue Geschmacksrichtungen entdecken kann.
L. WACHOWSKI: Heute werden die Kinos mehr denn je von Produkten beherrscht. Du hast James Bond, "Der Hobbit" oder "Twilight". All diese Fortsetzungen und Remakes sind genauso, wie man es erwartet. Das macht ein Produkt aus. Das sind keine Kunstwerke, es sind Fastfood-Produkte, die Erwartungen erfüllen sollen. Viele Medien stellen sich in den Dienst der Kommerzialisierung der Kunst. Sie schüren den Wunsch nach einem großartigen Produkt und regen zu dessen Kauf an. Es wird nicht kritisch betrachtet, dass man genau dasselbe schon einmal gesehen hat. Man feiert vielmehr die Tatsache, dass es das schon einmal gab. Deshalb ist es sehr schwer, einen Film auf die Beine zu stellen, der sich von allem unterscheidet, was wir kennen.
TYKWER: Wir drei stehen mehr als jeder andere für das Kino als einen Platz der Unterhaltung und des Nervenkitzels. Wir möchten ja kein Projekt finanzieren, das nicht unterhaltsam ist, im Gegenteil. Wir wollen beste Unterhaltung, die trotzdem inspirierend ist.

Glauben Sie an das Konzept der Seelenwanderung, das zentrale Thema von Buch und Film?
L. WACHOWSKI:
Als Schreiber musst du dazu in der Lage sein, an alles zu glauben. Wenn man sich selbst Grenzen setzt, wird auch die Geschichte an Grenzen stoßen. Wir haben uns immer gleichermaßen für spirituelle und weltliche Dinge interessiert.
TYKWER: Ich denke, unser Interesse an spirituellen Dingen schlägt sich in all unseren Filmen nieder. Dieser Film im Speziellen soll es jedem Zuschauer ermöglichen, sich mit seiner persönlichen, individuellen Perspektive vom Verständnis des Universums einzuklinken. Wir verkaufen keine dogmatische Version. Woran immer Du glaubst, nimm diesen Glauben mit in den Film und betrete ihn so durch dein eigenes, persönliches Tor.

Ist das Publikum noch neugierig genug auf einen Film wie diesen?
A. WACHOWSKI:
Wie die Reaktion der Öffentlichkeit aussehen wird, können wir nicht sagen. Vielleicht dauert es eine Weile, bis der Film sich durchsetzt. Er handelt von uns allen und er spricht die Wahrheit. Unsere Menschlichkeit ist ein Thema, das eigentlich jeden interessieren sollte.

Nun müssen Sie nach vier Jahren der Zusammenarbeit wieder getrennte Wege gehen. Ein Problem für Sie?
L. WACHOWSKI:
Es ist schrecklich. Wenn Sie die Idee für eine neue Zusammenarbeit haben – und uns etwas Geld geben können – sind wir dabei. Viele Kunstwerke, die wir sehr schätzen und respektieren, waren in ihrer Zeit so originell, dass das Publikum keine Beziehung dazu aufbauen konnte. Aber diese Kunstwerke sind deshalb nicht verschwunden. Von "Moby Dick" wurden angeblich nur 193 Exemplare verkauft, als der Roman erschien. Was immer auch passiert, dieser Film existiert jetzt. Wir glauben fest daran, dass er sein eigenes Leben führen wird und dass der echten Kunst eine größere Lebensspanne beschieden sein wird als den Produkten, von denen wir gesprochen haben.


Der teuerste deutsche Film

Es ist ein Film der Superlative: Mit 100 Millionen Dollar Produktionskosten ist "Cloud Atlas" der teuerste deutsche Film – und mit 172 Minuten gehört das Werk des deutschen Regisseurs Tom Tykwer und der amerikanischen "Matrix"-Macher Lana und Andy Wachowski auch zu den längsten Filmen des Jahres.

Gleich vier Oscar-Preisträger treten in jeweils bis zu sechs Rollen auf: Tom Hanks, Halle Berry, Susan Sarandon und Jim Broadbent.

Auch ästhetisch und erzählerisch sprengt der Film über Liebe, Tod und Wiedergeburt Grenzen. Herausgekommen ist ein magischer Trip durch die Jahrhunderte. Mal witzig, tragisch und mitreißend. Mal voller Pathos und esoterischer Heilsbotschaft.

Auf sechs parallel verlaufenden Ebenen erzählt der zum großen Teil im Studio Babelsberg gedrehte Film vom Sinn des Lebens – und der Erkenntnis, dass unser Verhalten im Jetzt eine Auswirkung auf die Zukunft hat.

Der Film "Cloud Atlas" kommt ab 15. November in die Kinos.



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