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12.11.2012
Eine packende Zumutung
Premiere für Heinrich von Kleists "Familie Schroffenstein" im Bielefelder Theater am Alten Markt
VON STEFAN BRAMS

Belauern die anderen | FOTO: PHILIPP OTTENDÖRFER

Bielefeld. Nach etwas mehr als eineinhalb Stunden ist es wirklich genug. Nicht, dass die Inszenierung von Kleists dramatischem Erstling "Familie Schroffenstein" im Bielefelder Theater am Alten Markt schlecht gewesen wäre. Nein, das Gegenteil ist der Fall.

Doch man kann diese zutiefst gespaltene Familie, ihre beiden sich spinnefeind seienden Zweige, ihr ewiges Dahergerede übereinander, ihr Umhergerenne, all die Verdächtigungen, ihre Monstrosität, ihr beinah tierisches Gehabe, das sich gegenseitige Belauern, dieses Misstrauen, das im Morden gipfelt, einfach nicht mehr länger ertragen. Dieses Kleistsche Trauerspiel in der Inszenierung der 28-jährigen Regisseurin Ivna Zic ist eine echte Zumutung – und nimmt Zuschauer und Schauspieler sichtlich mit.

Schon der Auftakt packt. Die Bühne (Jürgen Höth) ist mit einer schwarzen Wand verbarrikadiert. Nur ein schmaler Streifen bleibt den sieben Schauspielern, die 17 Rollen spielen, um davor in klaustrophobischer Enge zu agieren. Die Mitglieder der Familie Schroffenstein scheinen überall zu sein. Von links, von rechts, von vorne, von oben, von hinten reden sie aufeinander ein. Ein Chor, der schon früh den Irrsinn dieser Familie zeigt. Wortmächtig reden sie übereinander aber nie miteinander. Jedes Wort ein Treffer. Jedes Wort eine Verdächtigung. Der Zuschauer fühlt sich mittendrin in dieser zerrissenen Familie. Was ist ihnen widerfahren?

Der jüngste Sohn von Graf Rupert von Schroffenstein (souverän: Carmen Priego) wurde tot im Wald aufgefunden. Für ihn und seine Sippe ist klar: Diese Tat kann nur sein Vetter Sylvester (spielfreudig: Stefan Imholz) verübt haben. Durch einen Erbvertrag sind beide Familienzweige aneinander gekettet, besagt dieser doch: Stirbt eine der Erblinien aus, geht ihr Besitz automatisch an den anderen Familienteil über. Daher ist der Fall für Rupert klar, Sylvester hat seinen Sohn gemordet, um an sein Erbe zu kommen. Beweise hat er keine. Nur Gerüchte und ein zweifelhaftes Geständnis auf der Folter lassen ihn und die Seinen blutige Rache dem Mörderhaus Sylvester schwören. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Niemand kann sie aufhalten. Auch nicht Jeronimus (intensives Spiel: Niklas Herzberg), der sich als Vermittler versucht. Wie zwei Züge rasen die Sippen aufeinander zu.

Ausdrucksstarke Bilder

Regisseurin Ivna Zic gelingen ausdrucksstarke Bilder von schreienden, singenden, flüsternden, wie Monster umherirrenden, sich misstrauisch beäugenden Menschen, die sich immer tiefer in einen Strudel aus Verdächtigungen, Hass und Mord hinabziehen lassen. Dadurch, dass die Schauspieler gleich mehrere Rollen verkörpern, allein Nicole Lippold spielt sechs und weiß an diesem Abend zu glänzen, werden die beiden Familien ununterscheidbar. "Die Stämme sind zu nahe gepflanzt, sie zerschlagen sich die Äste", heißt es. Stimmt. Doch die Erkenntnis hilft ihnen nicht.

Allein Ottokar (Ruperts Sohn, überzeugend gespielt von Anton Pleva) und Agnes (Sylvesters Tochter, anrührend-naiv: Felicia Spielberger) wagen den Ausbruch aus ihren Familien. In einem abgelegenen Tal finden sie ihre Liebe. Die verbarrikadierte Bühne ist mittlerweile gefallen. Doch nichts ändert sich. Die Familienfehde geht weiter. Alles rast, tobt, redet, ein Unterhändler wird beseitigt, die Rache will vollzogen sein. Und frisst auch die Liebenden. Sie werden von Ruperts Sippe entdeckt. Und von den eigenen Vätern erstochen, weil sie sie jeweils für das Kind des anderen halten. Zu spät erkennen sie ihren Irrtum, reichen sich nun die Hände. Höhnisch kommentiert Johann (stark: Georg Böhm): "Ich bin zufrieden mit dem Kunststück." Und Ursula (Nicole Lippold) fasst geradezu bitter-ironisch zusammen: "Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen."

Starker Applaus für ein Stück, das von Kleists wuchtiger Sprache und intensiven Bildern lebt, die zeigen, wie tödlich der Verzicht auf wahre Kommunikation sein kann und einen an all das Geraune in der Welt denken lässt, das Menschen über Menschen ungeprüft verbreiten – heute dank sozialer Netzwerke intensiver und weltumspannender denn je.

Die nächsten Vorstellungen: 20., 21., 24. und 28. November. 7., 10., 11. und 12. Dezember. Weitere Termine im Januar. Karten unter Tel. (05 21) 555-444.



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