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27.11.2012
Hans-Peter Siebenhaar fordert die Zusammenlegung von ARD und ZDF
"Wir brauchen Qualität statt Quote"

Fordert einen radikalen Umbau von ARD und ZDF | FOTO: PRIVAT

Bielefeld. Der Handelsblatt-Medienexperte und Autor Hans-Peter Siebenhaar beobachtet seit Jahren die deutsche Medienlandschaft. Jetzt hat der 50-Jährige ein packendes Buch über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorgelegt. Titel: "Die Nimmersatten – Die Wahrheit über das System ARD und ZDF". In seinem Buch prangert Siebenhaar die Verschwendungssucht der Sender ebenso an wie die symbiotische Beziehung zwischen den politischen Parteien und den öffentlich-rechtlichen Sendern. Stefan Brams sprach mit dem Autor, der auch für eine Fusion von ARD und ZDF plädiert.

Herr Siebenhaar, wann haben Sie das letzte Mal bei den öffentlich-rechtlichen Sendern reingeschaut?
HANS–PETER SIEBENHAAR:
Bei aller Kritik, die ich habe, ich schaue ARD, ZDF und andere öffentlich-rechtliche Sender täglich.

Info

Der Autor

  • Hans-Peter Siebenhaar, geboren 1962 in Düsseldorf, ist seit 2000 Medienexperte des Handelsblatts in Düsseldorf.
  • Siebenhaar arbeitete während seines Studiums selbst jahrelang als freie Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk.
  • Von 2006 bis 2011 betrieb er den Blog "Mediawatch".
  • Siebenhaars "Die Nimmersatten" stellt Ex-Bertelsmann-Vorstand und Ex-RTL-Boss Gerhard Zeiler diesen Donnerstag in Berlin vor.


Dann sind die also gar nicht so schlecht?
SIEBENHAAR:
Auch wenn im System von ARD und ZDF vieles völlig aus dem Ruder läuft, gibt es natürlich qualitativ gute Programme und auch Sender.

Beispiele bitte.
SIEBENHAAR:
Die so genannten Nischenkanäle wie Phoenix, 3.Sat und Arte erfüllen in der Regel vorzüglich den eigentlichen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Information, Bildung, Kultur und anspruchsvolle Unterhaltung zu bieten. Völlig daneben liegen ARD und ZDF aber mit ihrem Hauptprogramm, das vor allem auf Quote setzt und den privaten Sendern bereits zum Verwechseln ähnlich ist. Ausufernde Sportberichterstattung, seichte Filmchen, Spiel- und Kochshows und vieles mehr bestimmen immer mehr das Bild. Vom eigentlichen Programmauftrag ist da immer öfters nur noch wenig zu spüren. Dort gilt es anzusetzen.

Warum spielt der Programmauftakt so eine geringe Rolle?
SIEBENHAAR:
Als in den 80er Jahren das Privatfernsehen in Deutschland auf Sendung ging, fingen ARD und ZDF an, ihren Erfolg ausschließlich an der Quote zu messen. Und im Duell mit den Privaten begingen sie dann den folgenschweren Fehler, immer populärer und populistischer zu werden und sich so den Privaten anzugleichen. Aber genau dazu sind sie nicht da. Dafür werden sie nicht von uns Bürgern finanziert.

Es wird also alles gut, wenn ARD und ZDF den Trash sein lassen?
SIEBENHAAR:
So einfach ist das nicht. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, einen Totalumbau. Statt die Quote wie eine Monstranz vor sich her zu tragen, muss das Maß aller Dinge wieder die Qualität werden. In der Information und in der Unterhaltung. Erst wenn die Qualität stimmt, dann gewinnen beide Sender wieder eine höhere Akzeptanz in der Gesellschaft. Derzeit ist es doch so, dass eine ganze Generation gar nicht mehr einschaltet bei ARD und ZDF und nur noch die über 60-Jährigen ihnen felsenfest die Treue halten.Was hindert die Sender daran, zur Qualität zurückzukehren?
SIEBENHAAR:
Eigentlich nichts und niemand, aber das System von ARD und ZDF ist zu einer Art Perpetuum Mobile verkommen, das um sich selber und die politischen Parteien kreist. Statt den Bürger fühlt es sich der Politik verpflichtet. Ich fordere in meinem Buch eine neue Magna Charta für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. ARD und ZDF müssen zu einem echten Bürgerrundfunk werden. Mein Vorschlag: Die Bürger wählen die Intendanten und üben die Kontrolle aus und eben nicht die politischen Parteien und die von ihnen gesteuerten Verbandsvertreter in den Sendergremien.

Die Parteien sollen in den Sendern gar keine Rolle mehr spielen?
SIEBENHAAR:
Für die Parteien sind ARD und ZDF die letzte verbliebene große Plattform, die sie zur Selbstdarstellung nutzen können. Die Parteien wiederum sichern den Sendern ihre jährlichen Einnahmen von über 7,5 Milliarden Euro durch die Rundfunkgebühren. Diese Symbiose ist schädlich. Sie verhindert Reformen und gehört daher beendet. Nur so kann sich in den Sendern etwas bewegen.

Aber glauben Sie wirklich, dass die Politik freiwillig ihren Einfluss auf die Sender aufgibt?
SIEBENHAAR:
Nein, soweit sind wir noch nicht. Aber ich glaube daran, dass eine breite gesellschaftliche Debatte sie dazu bewegen könnte, ihre Selbstbedienungsmentalität schließlich doch aufzugeben.

Sie wollen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk also nicht gänzlich abschaffen?
SIEBENHAAR:
Nein, der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist für unsere Gesellschaft unverzichtbar. ARD und ZDF sind ein Stück DNA dieser Republik. Ich möchte ein besseres Fernsehen für weniger Geld statt des Monstrums zu dem sich ARD und ZDF entwickelt haben. Das System ist aus den Fugen geraten. Das belegen die vielen Korruptionsskandale in den vergangenen Jahren, das große Ausmaß an Ineffizienz und Gebührenverschwendung. Es kann doch zum Beispiel nicht sein, dass die beiden Anstalten mehr Mitarbeiter zu den Olympischen Spielen schicken als Deutschland Sportler. Was ich aber auf jeden Fall abgeschafft wissen will, ist die Zwangsfinanzierung des Systems durch die Haushaltsabgabe und damit auch die GEZ. Wir brauchen stattdessen eine öffentlich-rechtliches Bezahlfernsehen auf freiwilliger Grundlage.

Sie plädieren dafür, ARD und ZDF zu fusionieren. Entsteht so nicht nur ein neuer Moloch?
SIEBENHAAR:
Nein, durch die Fusion würde ein Sender verschwinden. Das spart Milliarden. Warum brauchen wir zwei Sender dieser Art, die alles doppelt vorhalten? Das muss nicht sein.

Wie viele Kanäle dürfen es denn noch sein?
SIEBENHAAR:
ARD und ZDF betreiben 22 Fernsehkanäle und 67 Radiosender in Deutschland. Damit leisten wir uns das teuerste öffentlich-rechtliche Rundfunksystem der Welt. Da gibt es eine Menge Leerlauf. Schauen Sie sich doch mal die ganzen digitalen Kanäle an, bei denen kaum einer einschaltet. Wir brauchen auch keinen eigenen Jugendkanal, wie uns die ARD immer wieder einzureden versucht. Weniger ist mehr, das ist das Gebot der Stunde.

ARD und ZDF sind vielfältig im Internet unterwegs. Die Verleger kritisieren das. Und Sie?
SIEBENHAAR:
Im digitalen Zeitalter müssen ARD und ZDF auch im Internet Angebote machen können. Aber presseähnliche Angebote wie die Tagesschau-App gehören nicht dazu.

Was können Bürger tun, die von ARD und ZDF, genauso wie Sie, mehr erwarten?
SIEBENHAAR:
Sie können sich beschweren und die Aufsichtsgremien müssen sich damit auch befassen, aber wirkliche Mitspracherechte haben sie nicht. Und es gibt auch keine Ombudsmänner, wie ich sie fordere, die sich unabhängig und mit Kompetenzen ausgestattet für die Bürger einsetzen. Ich kann daher nur dazu aufrufen, sich an der Debatte zu beteiligen, um so den Druck auf Parteien und Anstalten zu erhöhen. Nur so wird eine Abkehr von einem System möglich, das sich längst verselbstständigt und von den Bürgern entfernt hat.

Wann werden wir einen neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben?
SIEBENHAAR:
Da wage ich keine Prognose. Aber es wird zu tiefgreifenden Reformen kommen, weil es keine Alternative dazu gibt.

Hans-Peter Siebenhaar; "Die Nimmersatten – Die Wahrheit über das System ARD und ZDF", 240 S., Eichborn Verlag, Köln 2012, 14,99 Euro.

Kommentare
aha, nicht auf die Quote achten. Lieber ein Spitenprgoramm machen, hoch-intelligent und komplex. Dann würde Herr S. bestimmt kritisieren, dass das niemand guckt. Die Quote ist leider ein Hinweis darauf, was im Fernsehen funktioniert und was nicht. Warum hat denn das wertvolle Programm von ARTE nicht mal ein Prozent Quote in Deutschland? Gäbe es viele Menschen mit Anspruch beim Fernsehen, würden ja mehr Menschen ARTE gucken

Gerade der Sport ist doch ein ideales Gegenbeispiel: Die Berichte zu Olympia oder Fußballmeisterschaften werden von den Anstalten mit vereinten Kräften gemeinsam organisiert. Eine vereinigte ÖR Anstalt würde auch hier ins Hintertreffen geraten. Nicht nur Fernsehen gehört dazu, auch Radio und Internet, wo den ÖR ständig Steine in den Weg gelegt werden, um den Bürgern die mit öffentlichen Geldern erstellten Beiträge vorzuenthalten.

EIne größere Bürgerbeteiligung ist eine interessante Idee. Der Rest allerdings gleicht einer Abschaffung des ÖR Rundfunks durch die Hintertür: Die Sender schauen in den Hauptprogrammen auf die Quote, weil es die EInnahmen sichert, die die Spartenkanäle niemals einbringen könnten.

Außerdem ist eine Kochsendung im ÖR immer noch niveauvoller als ein Kochduell oder ein Superdinner. Oder man denke an die Lindenstraße, die Urmutter der deutschen Daily Soaps. Oder Tatort vs. Komm. Rex. Oder tagesschau und heute vs. RTL News "In Pinneberg ist ein Bordell abgebrannt".

Manche Argumente sind unaufrichtig, z.B. "Es kann doch zum Beispiel nicht sein, dass die beiden Anstalten mehr Mitarbeiter zu den Olympischen Spielen schicken als Deutschland Sportler. " Wenn die jetzt Stones auf Tour gehen, gibt es auch mehr Tourpersonal als Musiker auf der Bühne.

Ist der Herr Siebenhaar von Bertelsmann oder von Sat gesponsert, das er hier so einen Schwachsinn rumsabbert?
Allen diesbezüglich Interessierten empfehle ich Free Rainer sich anzuschauen.
Ich zahle ungerne die GEZ - schlimmer finde ich aber - und auch im Gegensatz, wie von Hr. S. behauptet - auch meine 4
Kinder beklopptes Privat TV ala Dschungelcamp oder DSDS Raab etc. alles Idio... - Das ist Fernsehen für nur noch doofer!

Ah ja, der Mann fordert, die Quote - die Resonanz der Zuschauer auf das Programm - abzuschaffen um mehr Qualität zurück zu den öffentlich-rechtlichen zu bringen nur um dann vorzuschlagen, die Intendanten vom Bürger - die Stimmer der Zuschauer - wählen zu lassen. Und wenn man dann einen Intendanten wählt, der sich eben gerade für Kochshows uns Seichtes einsetzt? Was dann?


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