Schrift

11.12.2012
Bielefeld
Hannelore Hoger las im Bielefelder Stadttheater
Zeugen des Abschieds - Aus der Briefesammlung Sibylle Bergs
VON MARIA FRICKENSTEIN

Fühlt sich in die Texte hinein | FOTO: MARIA FRICKENSTEIN

Bielefeld. Was sie verbindet, ist ein Abschied und ein Brief, der für diesen Schlussstrich zeugt. Im Stadttheater las die Schauspielerin Hannelore Hoger traurige, ironische, dankbare Abschiedsbriefe von Frauen an ihre Geliebten oder Ehemänner. Siegfried Gerlich begleitete sie am Flügel mit Werken von Schumann, Debussy und Chopin.

Hannelore Hoger schöpft aus der Briefe-Sammlung "Und ich dachte, es sei Liebe" der Schriftstellerin Sibylle Berg. Den ältesten Brief schrieb Anne Boleyn 1536, Ehefrau Heinrichs VIII., der sie später enthaupten ließ. Die jüngsten Abschiede sind aus dem Jahre 2005. Ein vornehmlich weibliches Publikum empfing die Theater- und Filmschauspielerin. Bereits mit 14 Jahren betrat die Hamburgerin die Bühne, spielte unter großen Regisseuren wie Peter Zadek und Alexander Kluge und ist als Kommissarin Bella Block bestens bekannt.

Zum Auftakt spricht und singt die Grande Dame das Chanson, das der Sammlung ihren Namen gab, ein Lied der französischen Chansonsängerin "Barbara". Gerade recht dafür ist Hogers markante rauh-herbe Stimme, mit der sie die Nuancen zwischen Nein, Vielleicht und Ja auslotet. Hoger fühlt sich dank ihres schauspielerischen Könnens und auch aufgrund ihrer Lebenserfahrung sensibel hinein in die Stimmungslage der zweifelnden, zornigen, ironischen, auch dankbaren Frauen, wechselt die Stimmungen wie die Briefe.

"Ernie, lieber Junge"

"Ich beginne mit Simone de Beauvoir", sagt Hoger, nennt kurz die biografischen Eckdaten und liest. 1950 schrieb die Feministin und Schriftstellerin Beauvoir zärtlich an Nelson Algren, einem amerikanischen Schriftsteller. Verwundert darf man über die Liebe zwischen Agnes von Kurowsky an Ernest Hemingway sein. "Ernie, lieber Junge", spricht sie ihn an. "Es sind eher die Gefühle einer Mutter" benennt sie 1919 den Grund für die Trennung. Um Vergebung bittet sie und kündigt geradeaus noch die Hochzeit mit einem Millionär an.

"Gib mich frei, Otto", bittet die expressionistische Malerin Paula Modersohn-Becker 1906 ihren Ehemann. Die englische, heftig verliebte Schriftstellerin Dorothy L. Sayers bleibt 1924 ihrem Liebhaber John Cournes gegenüber gönnerhaft bissig: "Du kannst dies gern in deinem Buch verwenden." Die französische Romanschriftstellerin Anais Nin gibt sich selbstbewusst, sieht sich selbst als die größte Liebhaberin der Welt, als die meistgeliebte aller Frauen, die keine Zeit für leblose Beziehungen vergeuden will. "Mit dir auszugehen ist wie mit einem Priester auszugehen", bescheinigt sie ihrem Liebhaber C. L. Baldwin 1945 und damit das Aus der Beziehung.

Hoger zuzuhören macht Spaß, denn sie findet den rechten Ton. In der zweiten Hälfte steigerte sie sich zusehends. Waren die Briefe authentisch, so sind Kurt Tucholskys Texte immer noch ein Knaller, voll mit Aberwitz, Ironie, reine Satire. Hoger reizt den Text sprachlich und gestisch aus, sei es den Zwillingsdialog im "Colloquium in utero" oder "Lottchen beichtet 1 Geliebten", in dem Lottchen erst nach und nach ihr Geheimnis preisgibt: "Na, das eine Mal", beichtet sie, inklusive aller Flunkerei. Hoger beweist Humor und Improvisationstalent, als sie den zweiten Teil der Zugabe nicht findet und dem Zettelchaos mit Loriots "Frühstücksei"-Sketch einen Ersatz abtrotzt. Hannelore Hoger ist ein Garant für einen gelungenen Abend.



Anzeige
Weitere Nachrichten aus der Kultur
Frankfurt
"The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro" neu im Kino
Frankfurt (epd). Mit "The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro" kommt nun der zweite Teil des Spinnenmann-Reboots von Marc Webb in die Kinos. Während in den Marvel-Comics ein erwachsener Spider-Man... mehr

Berlin
Botschafter der guten Laune
Berlin (dpa). Na ja, war nur so ein Wortspiel, hatte James Last noch im vergangenen Jahr erzählt, als er für "The Last Tour" angeblich zum letzten Mal auf Tournee ging... mehr

Göttingen
Tabuthema Homosexualität im Fußball
Göttingen (dpa). Eine Debatte über Homophobie im Fußball will das Göttinger Theaterprojekt "Steh deinen Mann" anstoßen. Wie schwierig das ist, hat dabei der Regisseur Reimar de la Chevallerie der... mehr

Wuppertal
Im Menschenschlachthaus
Wuppertal (dpa). Der Mann auf dem Ölgemälde zeigt mit dem Zeigefinger auf sein Revers, über das Herz, dorthin, wo zum Beispiel ein Orden hängen könnte... mehr




Anzeige

Anzeige
Videos
Anzeige
Fotos aus OWL
NABU Kids besuchen Kreisverband-Gartengelände
NABU Kids besuchen Kreisverband-Gartengelände
Unfall auf der Enger Straße
Unfall auf der Enger Straße
Jazz-Legende Klaus Doldinger stellt 'Symphonic Project' vor
Jazz-Legende Klaus Doldinger stellt 'Symphonic Project' vor
Erster Schäfer in Löhne
Erster Schäfer in Löhne
RGZV Obernbeck bereitet sich auf Ostern vor
RGZV Obernbeck bereitet sich auf Ostern vor
23-jähriger Motorradfahrer aus Gütersloh bei Unfall getötet
23-jähriger Motorradfahrer aus Gütersloh bei Unfall getötet


Anzeige
OWL
Bielefeld: Die Stadtbahnreiniger
Langsam gleiten die Schiebetüren der Stadtbahn auseinander und offenbaren, dass die Bielefelder gerne Dreck und Müll in ihren öffentlichen... mehr

Detmold: Fast 1.000 Einsätze für den Kampfmittelräumdienst in OWL
Durchschnittlich 32-mal am Tag rückte der Kampfmittelräumdienst im vergangenen Jahr in NRW täglich aus. Das war deutlich häufiger als noch im Jahr... mehr

Bad Oeynhausen: Von Ufer zu Ufer
Ab Karfreitag sollen das Weserschiff "Amanda" und sein Kapitän Peter Wartenberg wieder Radler und Fußgänger trockenen Fußes über die Weser bringen.... mehr

Borchen: Geschützter Milan vergiftet
Für einen Rotmilan ist ein Hühnerei zu einer tödlichen Kost geworden. Der seltene Vogel wurde auf einem Acker bei Borchen-Gellinghausen (Kreis... mehr

OWL: Lange Staus zu Ostern erwartet
Ferien sind grundsätzlich Reisezeit. Doch über Ostern steigt die Zahl der Urlauber noch einmal an. Der ADAC warnt daher vor langen Schlangen auf den... mehr


Anzeige



Jobs bei der NW


Zeitungsdruck Rotationsdruck Rheinisches Format   NW Logistik