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23.12.2012
Edgar Selge: "Zensieren ist nicht mein Ding"
Der Schauspieler im Interview über Weihnachtsrituale und "Stille Nacht" im Jugendknast

Ein ganz Lässiger | FOTO: DPA

Berlin. Sie gehören zu Weihnachten wie Plätzchen und Lametta: Die stimmungsvollen Märchenfilme, die das Erste alljährlich an den Feiertagen unter dem Titel "Sechs auf einen Streich" zeigt. Den Auftakt macht in diesem Jahr die sehenswerte Adaption von "Rotkäppchen" mit Charakterdarsteller Edgar Selge (64) in der Rolle des großen bösen Wolfs. Cornelia Wystrichowski sprach mit dem gebürtigen Herforder über seine Rolle als böser Wolf, Weihnachtsrituale in einer Künstlerfamilie und "Stille Nacht" im Jugendknast.

Herr Selge, in der Märchenverfilmung "Rotkäppchen" spielen Sie den bösen Wolf. Hatten Sie als Kind Angst vor der Figur?
EDGAR SELGE:
Ich hatte Angst vor Hunden, weniger vor dem Wolf. "Rotkäppchen" war auch nicht unbedingt mein Lieblingsmärchen, meine bevorzugten Märchen waren andere.


Welche denn?
SELGE:
Mit den Märchen ist es wie mit anderen Dingen auch – zu verschiedenen Zeiten im Leben ändern sich die Interessen. Als Kind mochte ich den "Eisenhans" besonders gerne. Der saß in einem Käfig, wurde vom Königssohn befreit und nahm ihn mit in den Wald. Das fand ich aufregend, darin steckte für mich die Attraktivität des Erwachsenwerdens und gleichzeitig die Angst davor. Heute dagegen schlage ich immer erst das Märchen über die Blutwurst und die Leberwurst auf, seit ich als Erwachsener bei einem Grimm-Abend mit dem Schauspieler Bernhard Minetti davon gehört habe.

Was hat Sie an der Rolle als Wolf gereizt?
SELGE:
Ich bekam zunächst eine Anfrage: Die Drehbuchautoren wollten wissen, ob ich gerne den räudigen Wolf spielen würde, weil sie der Ansicht waren, dass das so gut zu mir passt, dass sie mir die Rolle gerne auf den Leib schreiben wollten. Das fand ich sehr lustig.

Haben Sie am bösen Wolf, der Rotkäppchen nachstellt und die Großmutter frisst, auch eine liebenswerte Seite entdeckt?
SELGE:
Durchaus. Ich finde, das ist ein alter Wolf, der ausgestoßen ist aus seinem Rudel und für den es schwer ist, überhaupt noch jemanden zu finden, dessen Vertrauen er gewinnen kann, damit er ihn dann fressen kann. Das ist doch eine nachvollziehbare Situation, oder? (lacht)

Heutzutage denkt man bei bösen Tieren ja eher an Finanzhaie und Börsenheuschrecken. Was genau symbolisiert der böse Wolf heute?
SELGE:
Der böse Wolf steht für eine existenzielle Bedrohung, die jedes Kind fühlt, schon allein wegen seiner geringen Größe und der Unberechenbarkeit von Erwachsenen, die ihre Interessen verbergen, nicht so offen sind, wie es Kinder vielleicht brauchen. Märchen sind dazu da, diese Erfahrungen von Angst aufzugreifen und zu einem guten Ende zu führen. Damit geben sie dem Kind die Möglichkeit, mit Gefährdungen gelassen umzugehen.Früher war die Moral von "Rotkäppchen": Höre auf deine Eltern und komm nicht vom rechten Weg ab. Und heute?
SELGE:
Die Moral von der Geschicht’ hat mich nie sonderlich
interessiert. Generell werden in Märchen gefahrvolle Situationen mit verschiedenen Figuren durchgespielt. Da gibt es Menschen, die klug, naiv oder gelassen mit der Situation umgehen und sie letztlich zu einem guten Ende führen. Andere sind zu stürmisch oder zu grob, und denen glückt es nicht, sich zu schützen. Das ist das, was ich von Märchen gelernt habe.

Wer hat Ihnen früher vorgelesen, als Sie ein Kind waren?
SELGE:
Meine Eltern und meine Brüder, ich hatte ja ältere Geschwister. Außerdem hatten wir Haushaltshilfen, die auf mich aufpassen mussten, wenn meine Eltern weg waren. Die habe ich erst in Ruhe gelassen, wenn sie mir ordentlich vorgelesen hatten.

Wenn Sie Ihren eigenen Kindern vorgelesen haben, haben Sie die brutalen Stellen weggelassen?
SELGE:
Nein, ich habe nie irgendwas weggelassen. Zensieren ist nicht mein Ding. Kinder können da viel mehr verkraften als man sich vorstellt. Meine Frau und ich haben unsere beiden Kinder auch früh mit ins Theater genommen: Sie waren ungefähr vier und acht, als sie sich König Lear mit den ganzen blutigen Gemetzeln angeschaut haben, und sie waren so hingerissen, dass sie nicht mal in der Pause rausgehen wollten, damit ihnen nichts entgeht.

Feiert eine Künstlerfamilie wie die Ihre auf andere Art Weihnachten, als das sonst üblich ist?
SELGE:
Ich weiß ja nicht, wie es in anderen Familien läuft. Bei uns ist Weihnachten das Fest, wo wir uns zuverlässig alle miteinander sehen, und die Kinder, die ja schon längere Zeit außer Haus sind, heimkommen. Wir kochen gemeinsam und haben uns viel zu erzählen, wir spielen miteinander, zum Beispiel Doppelkopf, aber wir lesen auch mal Theaterstücke mit verteilten Rollen.

Vielleicht liest ja Ihr Schwiegervater Martin Walser die Weihnachtsgeschichte?
SELGE (lacht):
Ich kann mir nicht vorstellen dass Martin Walser in irgendeiner Familie sitzt und die Weihnachtsgeschichte vorliest, das ist unvorstellbar! Wir feiern auch nicht zusammen.

Ihr Vater war Direktor eines Jugendgefängnisses in Herford. Welche Erinnerungen haben Sie an Weihnachten in Ihrer Kindheit?
SELGE:
Ich habe bis ich 17 oder 18 war jedes Weihnachten in der
Justizvollzugsanstalt gefeiert, da gab es einen Gottesdienst mit Krippenspiel, Predigt und Liedern. Und wenn sie jemals 400 Strafgefangene "Stille Nacht, heilige Nacht" haben singen hören, wenn die Eingesperrten mit einer Inbrunst ihren Gefühlen Luft machen – das vergessen Sie Ihr ganzes Leben nicht.
  • "Rotkäppchen", 25. Dezember, 15.40 Uhr, ARD.



Edgar Selge

Edgar Selge wurde 1948 im Sauerland geboren und wuchs in Herford auf, wo sein Vater Direktor der Justizvollzugsanstalt für Jugendliche war. Sein Abitur machte er am Grabbe-Gymnasium in Detmold. Ein Klavierstudium an der dortigen Musikhochschule brach er ab. In München besuchte er die Otto-Falckenberg-Schule. Selge war vor allem als einarmiger Kommissar Tauber in der Krimireihe "Polizeiruf 110" bekannt geworden. Am 26. Dezember kommt der Film "Ludwig II." ins Kino, in dem er den Komponisten Richard Wagner spielt. Anfang Januar ist er mit seinem schauspielernden Sohn in einem "Tatort" zu sehen. Edgar Selge ist mit der Schauspielerin Franziska Walser verheiratet, älteste Tochter des Schriftstellers Martin Walser, und lebt in München.



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