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24.12.2012
"Ludwig II." ist ein schwungvoller Bilderbogen
Mit charismatischem Hauptdarsteller neu im Kino
VON ANKE GROENEWOLD

Feinnervig | FOTO: DPA

Bielefeld. Der Schauspieler Helmut Berger galt einmal als schönster Mann der Welt und feierte an der Seite des Regisseurs Luchino Visconti seine größten Triumphe. Demnächst wird Berger ins RTL-Dschungelcamp einziehen. Das ist traurig. Aber seine Filme bleiben. Und wenn sich mal wieder jemand anschickt, den "Märchenkönig" König Ludwig II. zu spielen, dann wird sich immer wieder die Frage stellen: Ist der Neue so gut wie Helmut Berger?

Dem Vergleich muss sich auch der 28-jährige Sabin Tambrea stellen. Der am Berliner Ensemble Engagierte spielt die Titelrolle in Peter Sehrs und Marie Noëlles opulentem Kinofilm "Ludwig II.", der am zweiten Weihnachtstag startet.

Tambrea ist jugendlich, frisch und androgyn. Was das Charisma und die Schauspielkunst angeht, muss er sich hinter Helmut Berger nicht verstecken. Tambrea ist das schillernde Zentrum dieses unterhaltsamen, traumhaft ausgestatteten Films. Man kann diesem Werk zwar einiges vorwerfen: Es schwelgt in polierten Bildern, findet selten zu Ruhe und Tiefe, wirkt überfrachtet. Aber der flott erzählte Film strahlt viel Enthusiasmus aus und ist ein überschwängliches Bekenntnis zu Üppigkeit, Theatralik und großer Geste. Wenn man bereit ist, sich dieser überraschend humorvollen Feier des Exaltierten hinzugeben, macht dieser Film großen Spaß.

"Mensch Ludwig" ist ihr Motto

Jede Zeit erschafft sich ihren eigenen Ludwig. Regisseur Peter Sehr und Autorin Marie Noëlle scheren sich nicht um Mythos und Mysterium. "Mensch Ludwig" ist ihr Motto. Sie präsentieren eine moderne Figur, einen verhinderten Künstler, der mit 18 plötzlich König wird und im Räderwerk der Politik zerbricht.

Aus ihrer Verehrung Ludwigs machen Sehr und Noëlle keinen Hehl. Sie feiern ihn als eine Mischung aus Popstar und Visionär. Der junge Wilde ist ein Idealist und träumt von Frieden, Freiheit, Glück für alle. Er galoppiert gern ungestüm durch die Gegend und streift das höfische Korsett ab. Als glühender Fan und Förderer des umstrittenen Richard Wagner schließt er verzückt die Augen, wenn er "Lohengrin" lauscht. Die Oper inspiriert ihn – zum Entsetzen seines Vaters – anfangs nur zu einer filigranen Papierbastelarbeit. Am Ende wird er Neuschwanstein in die Berge klotzen.

Seine Zeitgenossen halten ihn für verschwenderisch, ja verrückt. In diesem Film ist er ein bisschen König Gaga, aber keinesfalls geisteskrank. Eher ein exzentrischer und sensibler Unverstandener, der seiner Zeit weit voraus war. Einsam kämpft er gegen kleinmütige Beamte, Politiker und Sparfüchse, die die Größe seiner Visionen nicht erkennen. Die nicht wissen, dass die Nachwelt Richard Wagner für einen großen Komponisten halten wird. Und dass Neuschwanstein und die anderen Schlösser in der Zukunft bestaunte Attraktionen sein werden.

Kultur gegen die Verrohung der Gesellschaft

Beinahe könnte man Ludwig sogar für den Erfinder des Programms "Jedem Kind ein Instrument" halten. Von 10.000 bayerischen Orchestern träumt der pazifistische Held. Die sollen mit Musik feindliche Soldaten zur Kapitulation bringen. Kultur gegen die Verrohung der Gesellschaft – ein sehr aktuelles Thema. Es ist wohl auch kein Zufall, dass der Kunstfreund Ludwig zu einem Zeitpunkt auf der Leinwand gefeiert wird, an dem die kulturelle Landschaft von Sparmaßnahmen bedroht ist.Sabin Tambrea stellt eine große emotionale Bandbreite dar, bekommt aber zu wenig Raum, den Charakter Ludwigs in die Tiefe zu entwickeln. Zu den hinreißendsten Momenten gehört das Üben einer Thronrede. Lampenfiebrig irrt Ludwig vor seinem ersten großen Auftritt durch den Raum, schwankt zwischen Angst und Euphorie, Verspieltheit und Verzweiflung, flüchtet in die theatralische (Selbst-)Inszenierung, küsst sein Ebenbild. Apropos: Mit Stallmeister Hornig (Friedrich Mücke) tauscht Ludwig verliebte Blicke. Einmal küssen sie sich, aber das war’s dann auch, was der Film zu Ludwigs Homosexualität zu sagen hat.

An Tambreas Stelle tritt im letzten Drittel des Films Sebastian Schipper, der den älteren, fülligeren König spielt, der sich desillusioniert und ausgebrannt in seine Traumwelt zurückgezogen hat. Der Schauspielerwechsel irritiert, unterstreicht aber effektiv die Veränderung der Persönlichkeit Ludwigs. Doch die letzte, isolierte Lebensphase des Königs scheint das Filmemacher-Paar nicht sehr zu interessieren. Die Spannung fällt ab.

Um den König schart sich ein wunderbares Ensemble. Allen voran Edgar Selge als herrlich herrischer Richard Wagner, der Ludwig manipuliert und versucht, politisch Einfluss zu nehmen. Hannah Herzsprung ist eine ernste, kluge Sisi, Samuel Finzi steht als melancholischer Lakai stets an Ludwigs Seite. Justus von Dohnányi glänzt als Minister, Tom Schilling als Ludwigs Bruder Otto.


Sabin Tambrea

Der Ludwig-Darsteller wurde 1984 in Rumänien geboren. Sein Vater setzte sich auf einer Konzertreise nach Österreich ab. Er flüchtete nach Deutschland und holte seine Familie zwei Jahre später nach Marl, wo er in der "Philharmonia Hungarica" spielte. Mit vier Jahren begann Tambrea, Geige zu spielen. Nach dem Umzug mit seiner Familie nach Hagen sang er im Kinderchor und war Mitbegründer eines Jugendtheaters. Dem Abitur folgte ein Studium an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Im zweiten Studienjahr holte ihn Claus Peymann ans Berliner Ensemble, wo Tambrea seither fest engagiert ist. "Ludwig II." ist seine erste Kino-Hauptrolle. Während der Dreharbeiten hörte er am liebsten Musik von Gustav Mahler . (aw)



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