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27.12.2012
"Tatort" 2012 – eine Bilanz
Im nächsten Jahr kommen fünf neue Teams / OWL bleibt ohne Kommissar
VON KATY HACKEL UND GREGOR THOLL

Fünf neue "Tatort"-Teams ermitteln | FOTO: DPA

Berlin. Für "Tatort"-Fans wird 2013 ein ereignisreiches Jahr: fünf neue Teams gehen an den Start. Es gilt, den Überblick zu bewahren und sich im Kalender Termine anzustreichen. Die Schlagzahl ist erhöht. Mit 35 Erstausstrahlungen und viel Theater rund um die Krimireihe waren die vergangenen zwölf Monate bereits ein bewegtes "Tatort"-Jahr.

Am 27. Januar sendet die ARD den Fall "Melinda", der erste neue Saarbrücker "Tatort" mit Devid Striesow und Elisabeth Brück als Jens Stellbrink und Lisa Marx. Und wahrscheinlich folgt am 10. März – der NDR bestätigt es noch nicht – der lang erwartete neue Hamburger "Tatort" mit Ermittler Nick Tschiller, gespielt von Til Schweiger, und seinem Kollegen Yalcin Gümer alias Fahri Yardim. Holt der actionreiche Schweiger-Premierenfilm "Und bist du nicht willig", in dem es um Kinderprostitution geht, sogar eine höhere Quote als die klamaukigen Münsteraner Krimis mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers?

"Frisches Blut"

Bisher sind sie absoluter Publikumsliebling, dicht gefolgt vom Kölner "Tatort" und Ermittlerin Charlotte Lindholm alias Maria Furtwängler, die mit dem Hannoveraner Team Bronze im Wettstreit um die Quoten holt.

Aber Ende 2013 geht in Erfurt das bislang jüngste Ermittlerteam – Alina Levshin (28), Friedrich Mücke (31) und Benjamin Kramme (30)– auf Verbrecherjagd, zudem tritt Wotan Wilke Möhring als norddeutscher Ermittler Thorsten Falke an. Und zu Weihnachten kommenden Jahres gibt es dann den ersten skurrilen Krimi aus Weimar mit Christian Ulmen und Nora Tschirner – er als vornamenloser Kommissar Lessing und sie als Kommissarin Kira Dorn. "Wir beide werden garantiert den weltbesten ,Tatort’ machen", sagte Ulmen kürzlich ganz unbescheiden der Zeitschrift TV Movie.

Was das Jahr 2012 angeht, ist sich die TV-Nation uneins: War es ein gutes "Tatort"-Jahr oder eine harte Probe? Kaum eine Woche ohne News rund um die beliebte ARD-Krimireihe. "Das Format ist seit 40 Jahren das Gleiche", sagt Frank Tönsmann, "Tatort"-Redakteur beim WDR. Es ginge seither um die Frage: "Wer hat es getan?" Nur die Zahl der Drehorte und Schauspieler hätte zugenommen. "Damit wird für frisches Blut und mehr Identifikation gesorgt. Durch Wiedererkennen bekannter Straßen, Cafés und Geschäfte."

Manchen Zuschauer hat das viele "Tatort"-Theater jedoch irritiert. "Das fängt an, auch mich zu nerven", sagte etwa Thomas Gottschalk der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Und "Stromberg"-Darsteller Christoph Maria Herbst gestand der Bunten: "Ich habe da komplett den Überblick verloren." Sogar einige "Tatort"-Kommissare zeigen sich verwundert: "Der ,Tatort’ ist eine Blase geworden", sagte Ulrich Tukur, der den hessischen Ermittler Felix Murot spielt. "Es gibt ja fast keine deutsche Stadt mehr über 100.000 Einwohner, die nicht über einen ,Tatort’-Kommissar verfügte."Doch. Ostwestfalens Metropole Bielefeld mit 325.000 Einwohnern hat keinen eigenen Kommissar und das soll sich mittelfristig auch nicht ändern, sagt Frank Tönsmann. "Mit dem neuen Team in Dortmund ist Nordrhein-Westfalen jetzt sehr gut abgedeckt." OWL sei wie andere ländliche Regionen NRWs mit dem Münsteraner "Tatort" vertreten, das Rheinland mit dem Kölner und das Ruhrgebiet mit dem Dortmunder Pendant. Alle NRW-Teams hätten charismatische Ermittler, die polarisieren. Vor allem die Dortmunder hätten mit Kommissar Peter Faber eine ungewöhnliche Hauptfigur, die mit besonders eigenwilligen Methoden unterhält.

Was einen guten "Tatort" ausmacht, ist umstritten. Die einen wollen es möglichst authentisch, die anderen so künstlich wie geht, einige mögen Krimis, wenn sie sozial engagiert sind, die anderen eher politisch unkorrekt, wieder andere wollen es lustig und die nächsten möglichst ernst oder experimentell.

Tatort-Redakteur Tönsmann meint, hauptsächlich die Mischung aus Alt und Neu mache die Faszination am "Tatort" aus. Um sich besonders breit aufzustellen und auch Trends aufzugreifen, werden von den "Tatort"-Redakteuren andere Krimi-Serien geguckt: "Wir schauen andere Formate, auch US-Formate, zur Inspiration", sagt Tönsmann. Schließlich hätte die Serie "für die ARD eine überdurchschnittlich junge Quote". In NRW hole der Münsteraner "Tatort" das jüngste Publikum mit einem Altersdurchschnitt von 55 Jahren vor den Bildschirm. "Sonst liegt die ARD bei einem Zuschauer-Altersdurchschnitt von 60/61 Jahren", sagt Tönsmann.
"Die Serie ist das Flaggschiff der ARD", und das wird sich laut dem Redakteur auch in 20 Jahren nicht gravierend ändern.

"22 Teams bis 2014"

Auf der Karte der Ermittler in Deutschland, Österreich und der Schweiz finden sich ab 2013 21 "Tatort"-Teams. Rechnet man den für 2014 angekündigten Franken-"Tatort" dazu, sind es 22. Einzige Bundesländer ohne Ermittler sind Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Dort ist der "Polizeiruf 110" zu Hause.

Bei all den inzwischen angeheuerten Schauspiel-Stars und der begrenzten Zahl von Erstausstrahlungsplätzen am Sonntagabend kommen viele "Tatorte" nur noch einmal im Jahr: Schweiger, Möhring, Tukur, aber auch Weimar, Erfurt, Saarbrücken und künftig auch Maria Furtwängler machen höchstens noch einen Film pro Jahr. "Für eine Folge drehen wir viereinhalb bis fünf Wochen", sagt Tönsmann. Mehr als zwei Mal im Jahr sei das für die Schauspieler organisatorisch einfach nicht machbar.

In der Woche nach Weihnachten gibt es wieder viele "Tatort"-Premieren: drei in sieben Tagen. Gestern gab’s den Frankfurter Fall "Im Namen des Vaters" (mit Joachim Król und Nina Kunzendorf, die kürzlich ihren Ausstieg angekündigt hat, als Steier und Mey), am 30. Dezember den Münchner Film "Der tiefe Schlaf" (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl als Batic/Leitmayr) und am Neujahrstag den Kölner Krimi "Scheinwelten" (Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär als Ballauf/Schenk). Und natürlich werden jede Menge Wiederholungen alter Folgen gesendet.

Kommentare
Das Tatort-Jahr 2012 war mit Abstand das schwächste Jahr, seit langem. Früher haben wir regelmäßig sonntags abends eingeschaltet. Dieses Jahr haben wir sehr oft und sehr regelmäßig abgeschaltet. Masse statt Klasse, das scheint die Devise der ARD zu sein. Da weiss man ja, für welchen Schund man ab 2013 die Haushaltspauschale zu zahlen hat. Tatort war gestern, heute ist Langeweile und furchtbar konstruierte Stories.

Guter Artikel, kann man so zu 96% unterschreiben.

Wobei mich doch wundert, das der Hannover Tatort Platz 3 erreicht. Die sollten mal lieber im schönen Umland drehen, Luthe z.B. . Ein bißchen Landidylle würde nicht schaden.

Münsterland und OWL in einen Topf zu werfen, unfassbar. Da sollte der Herr Tönsmann evtl. doch noch eine Karte in die Hand nehmen.

Wobei man aber auch keinen Bielefeld Tatort brauch, wozu auch. Ein Koffer auf dem Weihnachtsmarkt reicht nicht für 90. Minuten am Sonntag.

Der Herr Tönsmann sollte dringend regionalen Nachhilfeunterricht nehmen! Das Münsterland mit OWL in einen Topf zu werfen ist ja geradezu ein Ausbund an Frechheit!

Zudem: Früher, als es alle vier Wochen einen Tatort gab, war er noch etwas besonderes. Teils gar ein "Straßenfeger", wenn man sich z.B. an "Reifeprüfung" errinnert.

Heute ist er zu einem Massenprodukt verkommen, der oft aufgrund der niedrigen Budgets in Turbozeit gedreht wird, was kaum noch Platz für Rafinessen von wirklich guten Bildeinstellungen lässt. Zudem werden auch die Storys immer platter, was natürlich aus den immer billiger werdenden Drehbüchern resultiert.

Wie so oft auch hier das Fazit: Weniger Masse ist oft mehr Klasse!

Ach ja: Sollte es einmal einen Bielefelder Tatort geben, empfehle ich ein Erstlingswerk, das rund um die teils düstere Finanzwelt der Stadt und Arminia Bielefeld gestrickt ist. Gut ausrecherchiert reicht der Stoff für eine Doppelfolge.


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