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28.01.2013
Der Neu-Langenberger Franz Stadler schreibt über 40 Jahre "Filmkunst 66"
Kinomacher aus Leidenschaft
VON ANKE GROENEWOLD

Die Krönung | FOTO: DPA

Langenberg. Der coole Hollywoodstar Jack Nicholson nahm seine Brille natürlich nicht ab, als er Franz Stadlers Berliner Kino "Filmkunst 66" besuchte. Der 68-jährige Film-Bösewicht Jack Palance überraschte das Publikum mit vielen Liegestützen, und Moderator Günther Jauch schrieb ins Goldene Buch: "Was für den Stier das rote Tuch, ist für mich das Gästebuch".

40 Jahre lang war das "Filmkunst 66", erstes Programmkino in Berlin, Lebensmittelpunkt von Franz Stadler und seiner Frau Rosemarie. Er machte Programm, sie kümmerte sich ums Betriebswirtschaftliche und die "vielen Kleinigkeiten". 2011 erhielten die Stadlers für ihr Lebenswerk die Berlinale-Kamera. Sie schlossen das Kapitel Kino und zogen nach Langenberg im Kreis Gütersloh, wo ihre Tochter mit ihrer Familie lebt.

Doch Franz Stadler hat sich nicht zur Ruhe gesetzt. Er hat ein Buch geschrieben. In "Immer wenn das Licht ausgeht. . ." erzählt er in 66 erfrischend knapp gehaltenen, locker und launig erzählten Kapiteln von Promis und Pleiten, kleinen und großen Momenten im Lichtspielhaus an der Bleibtreustraße. Seine Geschichten präsentiert der Autor chronologisch und bettet sie in den zeitgeschichtlichen Rahmen ("Was sonst noch geschah") ein.

Auch Regisseur Tom Tykwer ("Cloud Atlas") ist ein Fan dieses Berliner Kinos und schreibt in seinem Vorwort über den "Stadlerfranz": "In Berlin gehörte Franz Stadlers ,Filmkunst 66’ zu den tragenden Säulen einer filmischen Subkultur, die sich, ähnlich wie ein Spezialitätenlokal ein Publikum heran ,erzogen’ hat, das sich stets betreut, verwöhnt, aber auch herausgefordert fühlt von den eigensinnigen Kreationen des Chefs."

Der Eigensinn war auch den Umständen geschuldet. So sehr sich die Kinoszene im Lauf der Zeit auch verändert habe, betont Stadler, für das "Filmkunst 66" sei der Kampf um die Filme immer gleich geblieben. "Mir blieben nur die Risikofilme und die Chance, mit meiner Spürnase immer wieder neue, unbekannte Filme zu entdecken und für sie ein Publikum zu gewinnen." Sein Motto lautete: "Alles kann Filmkunst sein, man muss es nur richtig präsentieren." Stadler schätzt das Genre-Kino, zeigte gern Western, Science-Fiction, Splatter-, Piraten- und Erotikfilme. Was ihm sogar einen "Porno-Prozess" bescherte. Stadler gewann und zeigte "Wet Dreams" weiter. "Dank staatsanwaltlicher Werbung das beste Geschäft des Jahres", schreibt er süffisant. Erotisches zog auch 1963 in Münster, wo Stadler sein erstes Kino geleitet hatte. Ein Pfarrer rief zum Boykott des Ingmar-Bergman-Films "Das Schweigen" auf, prompt war das Kino täglich ausverkauft.

Stadler erzählt, wie 1967 in der Nacht, als Benno Ohnesorg erschossen wurde, aufgebrachte Studenten das Kino stürmten und den Abbruch der Vorstellung forderten. Warum ihn der Film "Easy Rider" dazu brachte, das "Filmkunst 66" zu kaufen. Oder wie er zu "Steelyard Blues" selbst die deutschen Untertitel geschrieben hat.
Auch Skurriles findet sich im Buch: Stammgäste zeugten auf dem Klo des Kinos ein Kind und nannten es Harold, nach dem Film "Harold und Maude". Eine Frau führte einen Mann am Hundehalsband, der den ganzen Film über mit dem Gesicht zum Boden liegen blieb. Zum Film "Sideways" wurde so viel Wein getrunken wie bei keinem anderen Streifen, und Schokoküsse waren in der popcornfreien Zone des "Filmkunst 66" der Verkaufsschlager. Köstlich ist auch Stadlers Typologie des Kinobesuchers.

Wie nebenbei vermitteln die 66 Geschichten, wie sich die Kinolandschaft in den vergangenen 40 Jahren verändert hat. 3-D ist für Stadler ebenso ein Thema wie der Untergang des Vorfilms oder wie sich die Besucherstruktur im Programmkino verändert hat - das Publikum ist gealtert, Frauen sind in der Überzahl. Fehler und Niederlagen verschweigt der 72-Jährige nicht. So lässt er sich den Erfolgsstreifen "Diva" durch die Lappen gehen, ein Kino-Abenteuer in Sylt wird zum Flop. Aus jeder Zeile dieses unterhaltsamen und informativen Buchs spricht der Kinomacher aus Leidenschaft - allen Widerständen zum Trotz.

Im Epilog verrät der Neu-Langenberger, wie wohl er und seine Frau sich in ihrer neuen Heimat fühlen, dass sie hier mehr Kultur genießen als seinerzeit in Berlin und überrascht sind von der "herzlichen Freundlichkeit des ostwestfälischen Menschenschlags".



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