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28.02.2013
"3.096 Tage" - ein verstörendes Kammerspiel über Natascha Kampusch
Von Stärke und Überlebenswillen
VON ANKE GROENEWOLD

Natascha Kampusch und Amelia Pidgeon | FOTO: DPA

Bielefeld. Als Natascha Kampusch am 23. August 2006 ihrem Entführer Wolfgang Priklopil entwischt, liegen achteinhalb Jahre Gefangenschaft, Folter und Hunger hinter ihr. Ein Leben in Isolation auf knapp sechs Quadratmetern, in ständiger Angst vor dem unberechenbaren und gewalttätigen Gestörten, der sie brechen will. Sherry Hormanns Film "3.096 Tage" ist ein Blick in die Hölle.

Schlecht wäre der Film, wenn es anders wäre. "3.096 Tage" ist zweifellos ein gut gemachter Film. Die deutsch-amerikanische Regisseurin Sherry Hormann hat Natascha Kampuschs Martyrium als psychologisches Kammerspiel sensibel und kühl inszeniert.

Ihr Mann, der 77-jährige Kamera-Altmeister Michael Ballhaus, setzt die Geschichte mit einer klaren, präzisen Bildsprache um. Die Schauspieler sind ebenso erstklassig wie die Ausstattung. Das winzige Kellerverlies wurde im Studio maßstabsgetreu aufgebaut. Wie Ballhaus die Enge dieses Raums mit seiner Glühbirne und wenigen Strahlen Tageslicht, die durch einen Ventilationsschacht fallen, in Szene setzt, ist für sich genommen schon bedrückend.

Positiver Kern des Films

"Es war klar, nur einer von uns beiden würde überleben. Und das war ich, letztendlich, und er nicht" - mit diesem Satz von Natascha Kampusch beginnt und endet der Film. Das ist, so absurd das auch klingt, der positive Kern des Films: Er rückt die Stärke und den Überlebenswillen Natascha Kampuschs in den Fokus.

Die heute 25-Jährige war am Entstehen des Films beteiligt und bescheinigt ihm, dass er "nah an die Realität herankommt". "Ich hoffe, dass viele Menschen diesen Film sehen, die mir bis jetzt nicht geglaubt haben oder die meine Geschichte verharmlosen", sagt sie.

Natascha Kampusch ist zehn Jahre alt und auf dem Weg zur Schule, als der arbeitslose Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil sein Opfer in seinen weißen Lieferwagen zerrt. Die Entführung war von langer Hand geplant. Priklopil hatte das gut getarnte Versteck in monatelanger Arbeit im Keller seines Einfamilienhauses errichtet.

Erstaunliche Überlebensmechanismen

Im Film ist nur der erste Monat der Gefangenschaft des Kindes zu sehen, das in dieser englischsprachigen Produktion von der Neuentdeckung Amelia Pidgeon gespielt wird. Priklopil redet ihr ein, ihre Familie zahle kein Lösegeld, wolle sie nicht zurückhaben. Allein auf sich gestellt, entwickelt das Kind erstaunliche Überlebensmechanismen.Dann macht der Film einen Sprung von vier Jahren und zeigt Antonia Campbell-Hughes in der Rolle der 14- bis 18-jährigen Natascha - eine beeindruckende schauspielerische Leistung, zumal die magere Schauspielerin auch den körperlichen Zustand Kampuschs vermittelt. Ihr Peiniger rasierte ihren Kopf, ließ sie oft tagelang hungern. Am Ende ihrer Gefangenschaft wog die junge Frau 38 Kilo.

Der Film zeigt ein Opfer, das allen Umständen zum Trotz erwachsen wird und immer mehr an Stärke gewinnt. Geschickt wiegt Kampusch den Täter in Sicherheit. Irgendwann nimmt Priklopil sie mit zum Baumarkt, ja sogar zum Skifahren. Warum sie da nicht geflohen sei, wurde Kampusch vorgeworfen. Der Film erklärt es. Und er zeigt auch, dass die Versäumnisse nicht auf Seiten des Opfers zu suchen sind, sondern bei der Polizei und anderen, die nicht genau hingeschaut haben.

Seine ideale Frau

Ein weiterer positiver Aspekt des Films ist, dass der dänische Schauspieler Thure Lindhardt den Täter nicht als ein Monster darstellt, sondern als einen psychisch schwer gestörten Mann, der alles unter Kontrolle haben muss und ein Mädchen entführt, weil er sich seine ideale Frau heranziehen will.

Auch wenn der Film respektvoll mit der Geschichte umgeht und nicht reißerisch ist, fragt man sich, warum dieser Spielfilm unbedingt notwendig war. Natascha Kampusch hat ihre Erlebnisse 2010 bereits in ihrer Autobiografie geschildert. Man konnte sich ein Bild machen. Warum reicht das nicht?

Warum noch Kinobilder erschaffen, die bei allem aufrichtigen Bemühen das Grauen doch nur im Ansatz zeigen können und die in 110 Minuten niemals deutlich machen können, was es bedeutet, 3.096 Tage so leben zu müssen wie Natascha Kampusch? Sherry Hormann antwortet darauf lapidar: "Ihre Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte. Ihre Stärke war am Ende größer als seine Macht, und ihre Geschichte geht weit über den Einzelfall hinaus."

Sexuellen Missbrauch klammert Natascha Kampusch in ihrem Buch aus, im Film gibt es ihn. "In einem Kinofilm kann man ein so wichtiges Thema wie die Sexualität nicht verschweigen", sagt Hormann. Man möchte der Regisseurin glauben, dass ihr daran gelegen war, "das oftmals falsche Bild, das die Öffentlichkeit von ihr und ihrer einmaligen Geschichte hat, zu korrigieren". Aber so ganz wird man das Gefühl auch nicht los, dass es am Ende doch nur um das Ausschlachten der spektakulären Geschichte geht.


Natascha Kampusch

  • Rund zwei Wochen nach ihrer spektakulären Flucht 2006 gab sie im Fernsehen ein weltweit beachtetes Interview.
  • Schon 2006 kursierten die ersten Verschwörungstheorien: Zu gefasst wirkte die damals 18-Jährige für viele bei ihrem ersten Fernsehinterview, zu wenig erfüllte sie das Klischee des gebrochenen Opfers.
  • 2008 wurden Fahndungsfehler der Polizei bekannt. Ermittler waren eindeutigen Hinweisen nicht konsequent nachgegangen.
  • Anders als im Ausland schlägt Kampusch in ihrer Heimat Österreich viel Kritik bis hin zu Hass entgegen. Ihr Leid wird öffentlich angezweifelt, ihr wird sogar teilweise eine Imageschädigung Österreichs vorgeworfen. (dpa)



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