Schrift

03.04.2013
Berlin
"Alles Fürchterliche ist entfesselt"
Erich Mühsams Tagebücher von 1914 als beeindruckende Weltkriegschronik
VON STEFAN BRAMS

Querkopf | FOTO: DPA

Berlin. Zeit seines Lebens hat Erich Mühsam Tagebuch geschrieben. Seit zwei Jahren wird dieses 7.000 Seiten umfassende Werk vom Berliner Verbrecher-Verlag Band um Band in einer beeindruckenden Edition publiziert, die am Ende 15 Bände umfassen soll. Minutiös nachvollziehbar wird darin das Leben des Autors, Bohemiens und Anarchisten.

Info

Der Autor und seine Tagebücher

    
Die Tagebücher von Erich Mühsam erscheinen seit zwei Jahren im Berliner Verbrecher-Verlag. Geschrieben hat der Autor sie zwischen 1910 und 1924. 35 von insgesamt 42 Heften sind erhalten geblieben.
Bis 2018 soll die Edition der kompletten Tagebücher mit insgesamt 15 Bänden abgeschlossen sein.
Der Verlag stellt die Tagebücher parallel zur Buchausgabe auch ins Internet unter der Adresse www.muehsam-tagebuecher.de. Dort ist auch die handschriftliche Fassung verfügbar. Zusätzlich ist die Internet-Ausgabe versehen mit einem umfassenden Namensregister und einer Kommentierung, an der die Leser selbst mitarbeiten können.
Der Dichter, Anarchist und Antifaschist Erich Mühsam wurde 1878 in Lübeck geboren. 1934 wurde er von den Nazis im KZ Oranienburg ermordet.(ram)

      

Sichtbar wird, wie der 1878 in Berlin Geborene seine Überzeugungen lebt, wie er liebt und beinahe jeder Frau nachsteigt, die Konventionen verachtet, zum Literaten und führenden Anarchisten aufsteigt, sich durch München trinkt und von permanenter Geldnot geplagt auch bereit ist, eine Dame von Stand zu heiraten, um sich monetär abzusichern.

Jetzt liegt Band 3 für den Zeitraum 1912 bis 1914 vor. Ein ganz besonderer Band. Denn am 1. August 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus – und Mühsams Tagebuch setzt nach 20-monatiger Pause nicht nur wieder neu ein, sondern wird zu einer "Weltkriegschronik". Wie in einer Art Liveticker können wir miterleben, wie der Krieg das Leben der Menschen umstürzt, wie der Anarchist und Antimilitarist Erich Mühsam hin- und hergerissen wird zwischen Kriegsablehnung und -zustimmung inmitten des herrschenden HurrarPatriotismus. Ein zähes Ringen eines intellektuellen Kopfes mit sich selbst.

Die Götter rasen

Sein Kriegstagebuch setzt ein in der Nacht vom 3. auf den 4. August 1914. Der Dichter, der in der Münchner Bohéme zu Hause ist, notiert: "Es ist 1 Uhr nachts. Der Himmel ist klar und voll Sternen, aber über die Akademie ragt der Rand einer weißen, in dicken Schichten gehäuften Wolke, in der es unaufhörlich blitzt. Unheimlich grelle, lang sichtbare, in horizontaler Linie laufende Blitze. Und es ist Krieg. Alles Fürchterliche ist entfesselt. Seit einer Woche ist die Welt verwandelt. Seit 3 Tragen rasen die Götter. Wie furchtbar sind diese Zeiten! Wie schrecklich nah ist uns allen der Tod!"

Worte, die noch heute nachempfinden lassen, mit welcher Wucht der Krieg in sein Leben einbricht. Und es sogleich ins Schwanken bringt. Der Kriegsgegner, der Antimilitarist, der den Krieg immer verurteilt und vor dem Zusammenbruch von Zivilisation und Kultur durch kriegerische Auseinandersetzung gewarnt hat, notiert mit einer gewissen Selbstverwunderung: "Und – ich, der Anarchist, der Antimilitarist, der Feind der nationalen Phrase, der Antipatriot und hassende Kritiker der Rüstungsfurie, ich ertappe mich irgendwie ergriffen von dem allgemeinen Taumel, entfacht von zorniger Leidenschaft, wenn auch nicht gegen etwelche ,Feinde‘, aber erfüllt von dem glühend heißen Wunsch, daß ,wir‘ uns vor ihnen retten! Nur: wer sind sie – wer ist ,wir‘?""Vor ihnen", das sind die russischen Soldaten. Sie sind in die kleine ostpreußische Grenzstadt Eydtkuhnen einmarschiert, wo sich zu dieser Zeit auch seine Noch-Verlobte Jenny Brünn aufhält. Auch diese private Sorge und die Angst vor einem zaristisch unterjochten Europa lassen ihn formulieren: "Momentan brennt’s bei uns im Haus. Da heißt’s löschen, auch wenn uns die Fassade missfällt." Dass das Deutsche Reich den Krieg erklärt hat, der Aggressor ist, davon kein Wort. Auch als Belgien und Frankreich überfallen werden sieht Mühsam Deutschland nicht als Angreifer. In seiner vielgeachteten Zeitschrift Kain teilt er gar in einer Pressemitteilung seinen Lesern mit, "daß es gelingen werde, die fremden Horden von unseren Brüdern und Frauen, von unsern Städten und Äckern fernzuhalten".

Ließ sich Mühsam vom Kriegsgeschrei mitreißen?

Ein verhängnisvoller Satz, über den Chris Hirte, Herausgeber der Tagebücher, in seinem klugen Nachwort formuliert: "Bis heute hängt Mühsam der Vorwurf an, er habe bei Kriegsausbruch zu den Umfallern gehört und in die allgemeine Kriegsbegeisterung eingestimmt." Tut er und tut er nicht, wie Hirte und die Lektüre des Tagebuches zeigen. Mühsam geißelt den Hurrar-Patriotimsus in den Medien, in der Bevölkerung und huldigt zugleich der Kraft der deutschen Waffen. Genau darin liegt die große Spannung, die diesen Tagebuchband durchzieht. Es ist das Dokument eines Suchenden in Kriegszeiten, der erst langsam wieder eine Haltung wider den Krieg entwickelt. Als wären wir live dabei, lässt sich dieses zähe Ringen verfolgen.

 "Es hilft ihm, das Ungeheurliche des Krieges in Worte zu fassen, seine Ängste, Verluste, Verzweiflungen zu verarbeiten, sich zu einer Haltung vorzutasten, die er vor sich und der Welt vertreten kann", fasst Hirte die herausragende Bedeutung dieses Tagebuchs für dessen Autor zusammen. Am 31. Dezember 1914 beschließt Mühsam es mit folgendem Eintrag: "Dies Heft geht mit dem Jahr zuende. Möge das neue Tagebuch eine bessere Zeit registrieren, gesehen durch ein gerechteres und reineres Herz." Es wird anders kommen.

Erich Mühsam; Tagebücher Band 3. 1912 bis 1914. Herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Piens, Verbrecher-Verlag, Berlin 2012, 423 S., 28 Euro.
     



Anzeige
Weitere Nachrichten aus der Kultur
Frankfurt
"The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro" neu im Kino
Frankfurt (epd). Mit "The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro" kommt nun der zweite Teil des Spinnenmann-Reboots von Marc Webb in die Kinos. Während in den Marvel-Comics ein erwachsener Spider-Man... mehr

Berlin
Botschafter der guten Laune
Berlin (dpa). Na ja, war nur so ein Wortspiel, hatte James Last noch im vergangenen Jahr erzählt, als er für "The Last Tour" angeblich zum letzten Mal auf Tournee ging... mehr

Göttingen
Tabuthema Homosexualität im Fußball
Göttingen (dpa). Eine Debatte über Homophobie im Fußball will das Göttinger Theaterprojekt "Steh deinen Mann" anstoßen. Wie schwierig das ist, hat dabei der Regisseur Reimar de la Chevallerie der... mehr

Wuppertal
Im Menschenschlachthaus
Wuppertal (dpa). Der Mann auf dem Ölgemälde zeigt mit dem Zeigefinger auf sein Revers, über das Herz, dorthin, wo zum Beispiel ein Orden hängen könnte... mehr




Anzeige

Anzeige
Videos
Anzeige
Fotos aus OWL
Osterleuchten in Löhne-Ort
Osterleuchten in Löhne-Ort
Osterfeuer
Osterfeuer
Backtag und Osterfest der Alttraktoren-Freunde Klosterbauerschaft
Backtag und Osterfest der Alttraktoren-Freunde Klosterbauerschaft
Artisten des "Varieté Olé" gastieren im Universum
Artisten des "Varieté Olé" gastieren im Universum
Osterfeuer locken Besucher an
Osterfeuer locken Besucher an
Osterfeier an der Grillhütte in Südlengern
Osterfeier an der Grillhütte in Südlengern


Anzeige
OWL
Bielefeld: Schrittmacher hilft gegen hohen Blutdruck
Hoffnung für Patienten mit Bluthochdruck: Das Städtische Klinikum Bielefeld bietet eine neue OP an, die Hypertonikern auf lange Sicht Verbesserung... mehr

Bielefeld: Osterhasen in Liebefeld verteilt
Was für eine Oster-Überraschung in Bielefeld: Die Liebefelder waren wieder aktiv und haben zwischen Krankenhaus Mitte und Bürgerpark, Raspi und Siggi... mehr

Rietberg: Funkenflug eines Osterfeuers beschäftigt Feuerwehr in Rietberg
Ein ausuferndes Osterfeuer hat am Samstag für einen Großeinsatz der Feuerwehr in Rietberg (Kreis Gütersloh) gesorgt: Die umherfliegende Glut hatte ein... mehr

Rietberg: 74-jährige Frau starb bei Fahrradunfall in Rietberg
Im Rietberger Ortsteil Mastholte (Kreis Gütersloh) ist eine 74-jährige Frau am Ostersamstag von einem Auto erfasst und tödlich verletzt worden. Sie... mehr

Paderborn: 900 Autos bei "Car-Freitag" in Paderborn
Der in der Tuningszene in "Car-Freitag" umbenannte Karfreitag ist in Paderborn ruhig und friedlich verlaufen. Haupttreffpunkt war diesmal ein... mehr


Anzeige



Jobs bei der NW


Zeitungsdruck Rotationsdruck Rheinisches Format   NW Logistik