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Scheinhinrichtung | FOTO: PHILIPP OTTENDÖRFER

"Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man
hinab sieht."
Woyzeck

Bielefeld. Franz Woyzeck, diese gehetzte Kreatur, dieser gepeinigte Mensch, ist ein heutiger. Seine Lebenslage ist prekär. Der Underdog könnte zu Hause sein in Neukölln oder den Banlieues von Paris. "Woyzeck", Georg Büchners Fragment gebliebenes Drama, ist beklemmend aktuell. Dabei stammt es aus dem Jahr 1836.

In der Bearbeitung von Theatermagier Robert Wilson, dem Rockmusiker Tom Waits und dessen Frau Kathleen Brennan hatte das von Intendant Michael Heicks inszenierte Stück am Freitag Premiere im Bielefelder Stadttheater - und begeisterte das Publikum.

Info
Weitere Aufführungen
     
Die nächsten Vorstellungen von "Woyzeck" am Städtischen Theater Bielefeld sind am: 17., 19., 29. und 30. September; 3., 9., 28. und 29. Oktober; 4. und 27. November; 15. Dezember sowie am 9. und 18. Januar.

Karten gibt es unter Telefon (05 21) 51 54 54 sowie unter (05 21) 555 444. Weitere Informationen im Internet unter www.theater-bielefeld.de

Georg Büchner, der 1837 starb, nahm die historische Figur des Johann Christian Woyzeck, der seine Geliebte aus Eifersucht erstach, zum Vorbild für sein Stück. Ein Drama über einen in jeder Hinsicht gedemütigten Menschen. Woyzeck ist Soldat. Er lebt mit Marie in wilder Ehe zusammen. Sie haben ein Kind. Doch der Sold reicht nicht. Woyzeck verdingt sich als Knecht für seinen Hauptmann und als Versuchskaninchen für den Doktor, der seinen Körper missbraucht. Als Marie sich mit dem Tambourmajor einlässt, ersticht Woyzeck sie. So einfach die Handlung, so komplex sind die Fragen, die das Stück aufwirft, denn Büchner forschte zeitlebens danach: "Was ist das, was in uns lügt, hurt, mordet, stiehlt?" Woher kommt die entsetzliche Gewalt? Ist sie individueller Natur, kommt sie aus den sozialen Umständen, aus dem Geschichtsverlauf oder ist sie ein Gesetz der Natur?

Düster-poetische Lieder dienen als Kommentar

Was theoretisch klingt, haben Michael Heicks und sein Team in ein großartiges Bühnenspiel verwandelt, das gerade auch durch die schräge Musik von Tom Waits besticht. Patrick Schimanski hat sie mit einer sechsköpfigen Band aus Bielefelder und Detmolder Musikern arrangiert. Die Lieder, düster-poetisch, verbinden die einzelnen fragmentarischen Szenen, kommentieren sie, geben zusätzliche dramatische Effekte, berühren, stoßen ab, erzeugen Widerspruch und verleihen dem Stück Schwung.

Und dann ist da das großartig aufspielende Ensemble. Omar El-Saeidi, in seiner zweiten Saison an den Städtischen Bühnen, spielt Woyzeck mit großem Körpereinsatz und starker Ausdruckskraft absolut überzeugend. Wie ein gehetztes Tier rennt er über die Bühne, rastlos, ruhelos, nah am Wahnsinn, zerrieben zwischen seinen verschiedenen Aufgaben als Vater, Liebender, Soldat, Knecht und Versuchsobjekt.Wir sehen ihn eingezwängt zwischen ökonomischen Nöten und seinen Mitmenschen: Da ist der Hauptmann, dem er zu Diensten sein muss. Ein zynisches, dickbäuchiges, schmieriges Ekelpaket - von Guido Wachter bis in jede Faser überzeugend gezeichnet. Da ist der Doktor, der ihn für seine pseudowissenschaftlichen Experimente missbraucht. Thomas Wolff spielt ihn zum Gruseln überzeugend. Scheint da nicht bereits ein kommender Mengele durch? Doktor und Hauptmann - Chiffren für den herrschenden Stand - leben ihre Lust aus, den Erniedrigten noch weiter zu erniedrigen - Scheinhinrichtung inklusive.

Paraderolle für Zielmann

Der kämpft, will seine Familie durchbringen, die wahnhaften inneren Stimmen, die ihn peinigen, zähmen. Allein es gelingt ihm nicht. Seine Geliebte, Marie, entgleitet ihm, lässt sich nach anfänglichem Zögern mit dem Tambourmajor, diesem "ganzen Kerl" ein. Eine Paraderolle für John Wesley Zielmann, der sie förmlich lebt. Und Julia Friede kehrt sehr überzeugend die schweren inneren Konflikte Maries nach außen. Erschütternd die Szenen zwischen ihr und Woyzeck in einem von Annette Breuer geschaffenen Bühnenbild, das dieTristesse noch verstärkt. Hunderte Klamotten hängen unter der Bühnendecke. Symbole gelebten Lebens. Mittendrin Woyzeck. Sein Rennen und Rasen wird durch Filmeinspielungen noch verstärkt. Keine Ruhe, nirgends. Auch sein Kumpel Andres - Lukas Graser spielt ihn herrlich prollig - kann ihm nicht helfen. Stark auch Charlotte Puder als Margarete und Oliver Baierl als Ausrufer.

Es ist eine triebhafte Welt, die sich da auf der meist schräg gestellten Bühne vor dem Publikum entfaltet. Eine Welt, in der alle miteinander ringen, eine Welt, die auf die Katastrophe zusteuern muss. Obsessionen, Wahnsinn, Triebe regieren. "Wild, geil, spannend", hat Tom Waits genannt was sich da vor den Zuschauern entfaltet. Und in der Tat, es wird einem bang um diese Welt, wenn Woyzeck seiner Marie hoch oben über der Bühne die Kehle durchschneidet, die Klamotten parallel dazu hinabstürzen, sie von der Decke herab baumelt wie ein geschlachtetes Vieh und dazu ein bittersüßes Lied von Tom Waits erklingt. Eine Welt liegt in Fetzen. Es gibt keinen Halt. Nur Trümmer bleiben. Hinter dem eisernen Vorhang lacht Margarete ihr bitterböses Lachen weiter. Mensch, was für ein Abgrund.

Tosender, minutenlanger Applaus für eine mutige Inszenierung. Was für ein gelungener Saisonauftakt. Was für ein Versprechen auf Kommendes.


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