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01.12.2007
Am Anfang steht der Klecks
Michael Strauß gewinnt Wettbewerb "Künstler begegnen Kindern und Jugendlichen"
VON TOBIAS HEYER

Ein Mann mit vielen Eigenschaften | FOTO: TOBIAS HEYER

Bielefeld. Eine leichte Kippbewegung, dann tropft der dicke Klecks Holzbeize auf das naturweiße Papier. Huschende Pinselstriche folgen, ein Grafitstift verteilt die Lache und plötzlich schält sich ein Körper aus dem eben noch abstrakten Fleck, folgen Arme, Beine und Hut, ehe das Kunstwerk, erschaffen in wenigen Augenblicken, fertig ist.

"Bei mir beginnen viele Bilder mit einem Klecks. Ich lasse mich inspirieren, schaue genau hin und führe dann fort, was der Farbklecks eigentlich schon vorgibt", sagt Michael Strauß. Im Alltag ist der 50-Jährige Leiter des Bünder Tabakmuseums, in seiner Freizeit klettert er die schmale Treppe von seiner Dachgeschosswohnung hoch auf den Dachboden.

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Kulturmacher in OWL

Der Holzboden ist hier bedeckt mit bemalten Leinwänden, mal in der Größe einer Postkarte, dann wieder im Posterformat. Skizzenbücher stapeln sich in Regalen, 1.000 kleine Gemälde, gezeichnet auf ausgedienten Karteikarten, die jetzt in einem abgegriffenen Lederkoffer schlummern, entstanden allein in einem Monat.

Er malt ein Bild, die Schüler antworten mit Texten

Die Einladung zur Preisverleihung liegt auf dem Tisch, geehrt wurde Michael Strauß am Freitag vom Land NRW für einen besonderen Dialog mit Schülern aus Enger. "Ich male ein Bild, die Schüler antworten mit Texten, dann male ich wieder und ein Gedicht, ein Text folgt", erklärt Michael Strauß das ausgezeichnete Projekte, das den Preis des Wettbewerbs "Künstlerinnen und Künstler begegnen Kindern und Jugendlichen" erhielt. Dabei sollen weder die Texte die Bilder erklären, noch "die Bilder die Texte illustrieren". Vielmehr gehe es um den Dialog an sich, darum, sich "aufeinander zu beziehen", betont Strauß.

Ein dicker Ordner ist seit Beginn der Kommunikation zwischen Künstler und Gymnasiasten aus Enger entstanden. "Anfangs war es schwer, nicht zu figürlich zu malen, nicht direkt antworten zu wollen", erzählt Michael Strauß. Doch Bilder und Gedichte entfernten sich stilistisch immer weiter, ohne inhaltlich an Nähe zu verlieren.

Beim Blick ins Bücherregal von Michael Strauß wird klar, dass es für ihn zwei Lebensschwerpunkte gibt: Die Malerei und die Arbeit im Museum. Geologiefachbücher lehnen sich hier an opulente Kunstbildbände an, Abhandlungen zu paläontologischen Funden drängen sich neben Reclam-Heftchen.

Gekonnt wandert der Grafitstift über das Blatt Papier

Diese beiden Schwerpunkte spiegeln sich auch in seinem Lebenslauf wider. Erst studierte Michael Strauß Jura, brach ab, erlernte das Steinmetz-Handwerk, studierte Bildhauerei, arbeitete als freier Künstler, studierte Altgeologie und wurde schließlich Bünder Museumsleiter. Der Malerei ist er während all der Berufsphasen treu geblieben. Gekonnt wandert der Grafitstift über das Blatt Papier, bringt den schwarzen Klecks in Form, der jetzt schon wie eine Figur aussieht.

Abstrakt sehen seine Figuren aus, auch wenn sich das wie ein Widerspruch anhört. Doch zu erkennen ist in ihnen niemand, Gesichter gibt es nur selten und doch ist es "das Figürliche, was meine Arbeiten prägt".

Es sind Schaffensperioden – "manchmal fühlt sich das an wie ein Rausch", so Strauss – in denen er malt. In denen Tagebücher entstehen im DIN-A2-Format. Verflossene Liebschaften verarbeitet Strauß darin mit Stift, Pinsel, Beize oder verdünntem Kaffee. Die Figuren sind szenisch verarbeitet, aus den großflächigen Papieren hat er Fenster herausgeschnitten, dann wieder Fetzen angeklebt. "Mein Leben findet sich in meinen Bildern wieder", betont der Geologe, der sein Studium mit Auszeichnung absolvierte.

Hinten in der Wohnung liegt eine große Hantel, Michael Strauß läuft in Turnschuhen durch sein Atelier, und sein drahtiger Körper verrät seine dritte Leidenschaft. "Im Sport und in der Kunst hole ich mir die Kraft für die Museumsarbeit", so Strauß. Der Fernseher bleibt abends meist ausgeschaltet, zu wichtig ist dem 50jährigen die "Lebenszeit, die ich als künstlerische Freizeit nutze".

Der Beginn dieser Nutzung ist oft ein kleiner, wie achtlos hingeworfener schwarzer Fleck – aus dem meist in Windeseile ein kleines Kunstwerk entsteht.


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