Bielefeld. In Kurzgeschichten findet die Welt auf kleinstem Terrain ihren Platz. Sandra Niermeyer schreibt solche Kurzgeschichten. Darin liegt ihre besondere Stärke – ob auf einer Seite, fünf oder dreißig Seiten. Bestens bekannt ist die gebürtige Mellerin nicht nur in der Bielefelder Literaturszene. Jetzt gewann sie mit ihrer Erzählung "Mikroorganismen" den ersten Preis des österreichischen, mit 3.600 Euro dotierten Marlen-Haushofer-Literaturpreises.
"Ich will Schriftstellerin werden", sagte Sandra Niermeyer mit zwölf. Schmunzelnd fügt sie heute an, dass ihr erster längst verschollener Schulheft-Roman von einem Kaninchen handelte und in der dritten Klasse entstanden sei. Viele Briefe habe sie in Kindertagen geschrieben. Geblieben ist das Tagebuch, bis heute ihr Gedankenpool. "Ich lese alle wichtigen Autoren und fange dann an zu schreiben." Dieses Vorhaben legte sie schnell ad acta. "Mit 29 habe ich erst richtig mit dem Schreiben angefangen", erzählt sie heute in ihrer Bielefelder Wohnung.
Zehn Stunden Bahnfahrt ins österreichische Steyr liegen hinter ihr, eine Lesung vor vollem Haus, die Preisvergabe, zahlreiche Interviews. Sandra Niermeyer freut sich.
Von Glück zu sprechen, wäre maßlos untertrieben, denn die Autorin ist emsig, schreibt viel, seit 2001. Ein Redakteur sprach die Jungautorin beim Irseer-Pegasus-Schreibwettbewerb auf die Erzählung "Abends" an. Ihre erste Veröffentlichung in der Literaturzeitschrift "Konzepte" folgte 2002. Im selben Jahr bekommt sie den GWK-Literaturförderpreis für ihr Romanfragment "Die Abweisung" und den Würth-Literatur-Preis. 2003 hält sie den Förderpreis des Landes NRW in den Händen und wird 2004 und 2006 gleich zweimal für den Glauser-Kurzkrimipreis nominiert. Krimis? Ja, Sandra Niermeyer schreibt auch Kurzkrimis, allerdings unter Pseudonym.
"Macondo", "Am Erker", "Konkursbuch" oder "Gazette" heißen einige der Zeitschriften, in denen sie heute veröffentlicht. Auch in der taz-Kolumne "Berliner Szenen" oder in Anthologien kann man sie lesen. Ihre verstreuten Erzählungen aufzutreiben, bedarf jedoch eines bisschen Glücks und einer guten Portion Tatendrang.
Niermeyers Geschichten gibt es nicht an jeder Ecke, bis auf eine einzige Ausnahme. "Lesefutter", eine Aktion Bielefelder Bioläden, druckte Texte auf Brötchentüten und so schneite zum Frühstück auch gleich eine Geschichte auf den Tisch. Einige hörten ihre skurrilen, pointierten, auch fremdartigen Geschichten auf einer Lesung wie im April bei dem Theaterprojekt "Schöne Neue Werte" im Bielefelder Theater am Alten Markt.
Zum Schreiben gehört auch das Lesen, zurzeit gerne Wilhelm Genazino, Ralf Rothmann, Monika Maron. "Irgendwie aus der Hand gerutscht" sei ihr das erste Roman-Fragment, zu viele Meinungen habe sie gehört. Jetzt fristet es vorerst sein Dasein in der Schublade und wartet auf die nötige Distanz.
Die Autorin hat daraus gelernt. Eiserne Zurückhaltung hat sie sich bei ihren zwei neuen Romanenanfängen verordnet. Keine Sterbenssilbe verrät sie. Den regen Austausch mit Autoren und Publikum schätzt sie dennoch sehr. Fünf Jahre besuchte sie die VHS-Schreibwerkstatt, pflegt bis heute den Kontakt zu "Seitenweise" und der "Bielefelder Autorengruppe", auch den Austausch per Mail. Seit 2003 arbeitet die heute 35-Jährige als freie Autorin, lektoriert, engagiert sich als Literaturagentin in eigener Sache.
Unverändert stark sind ihre Kurzgeschichten wie "Mikroorganismen", "Nimm zwei", "Mein Geschäft" oder "Das geheime Leben meiner Mutter". Das Doppelbödige, Ambivalente liegt ihr, gespickt mit eigenwilligem Humor. "Nimm zwei" erzählt von der Konkurrenz zwischen Mutter und Tochter. Eine vererbte Allergie spielt für die spezielle Rache der Tochter eine entscheidende Rolle. Auch "Das geheime Leben meiner Mutter" überrascht durch eine ungewöhnliche Wende. Die Familie erhofft von der stets schreibenden Mutter nur das Beste, erlebt dann aber eine äußerst bizarre Form der Mutterliebe.
Zum Schreiben braucht Sandra Niermeyer Zeit, mindestens vier Stunden, Ende offen. "Ich steige ein, schreibe los und weiß noch gar nicht, wohin sich die Geschichte entwickelt", erzählt die Preisträgerin über die Kür des freien Schreibens. Erst bei der Bearbeitung schaltet sie den Kopf ein, reflektiert, korrigiert, hört auf ihr Sprachgefühl. So bereitet sie den Strudel vor, in die ein Text den Leser zu ziehen sucht. Ihr größter Wunsch? "Ein Buch in der Hand halten, mit meinem Namen drauf."