Bielefeld. "Das Theater ist nicht nur ein Beruf, sondern der halbe Wahnsinn." Das sagt Tom Dombrowski, der Dekorateur gewesen war, Fotografie studiert hatte, der malt, zeichnet, filmt und gestaltet, und den das Theater nicht mehr los lassen will. Der Fotograf ist dem namhaften freien Theater, dem Bielefelder Theaterlabor, seit rund 20 Jahren verfallen.
Freie Theater arbeiten mit allen Kräften. Tom Dombrowski ist beim Aufbau der Bühne dabei, gestaltet auch Bühnenbilder, übernimmt je nach Bedarf die Licht- und Tonregie oder die Gestaltung eines Plakats für die nächste Aufführung.
"Als Fotograf hat mir Gottfried Jäger viele Türen aufgestoßen", sagt Dombrowski; er erinnert sich gut an die generative Fotografie seines Lehrers am Bielefelder Fachbereich Gestaltung.
Das Studium war für ihn "der ideale Lebensstil". Von morgens früh bis abends spät experimentierte er im Labor mit dem Zufall oder konkret, mit Blut, Fett und Zucker auf Glas. Auch schaute er sich in anderen Fachrichtungen um, sei es in der Malerei, beim Zeichnen oder in der Bildhauerei. "Heute sehe ich in Bildausschnitten", sagt der Fotograf mit dem geschulten Blick.
Lust am Bild früh erkannt
Schon früh entdeckte Dombrowski die Lust am Bild. "Schneid‘ uns nicht die Köpfe ab", rief der Vater dem vierjährigen Tom zu, der "auch mal wollte" und dann sein erstes Foto schoss. Als Zehnjähriger sparte Tom für einen Dia-Film und fotografierte seine erste Inszenierung in freier Natur, eine brennende Pflanze inmitten einer sonst unberührten Schneedecke.
Die Liebe zur Inszenierung trieb ihn in der Fotografie voran. Porträtfotograf oder Bildjournalist war nicht sein Ziel, sondern einzig die Kunst. Nach dem Diplom zog es ihn aufs Land. Mit Freunden restaurierte er ein denkmalgeschütztes, vom Einsturz bedrohtes Haus in Bardüttingdorf (Spenge). Zurück in der Stadt Bielefeld gründete er mit anderen Künstlern die Vereinigung "Artists unlimited". Dombrowski erzählt gern, so auch über seine Wohnung bei den Artists, in der er dank schwankender Straßenlaterne kein Licht brauchte. Wie in einem Schiff lebte er hier, mit "Schatten auf Seegang".
"Kannst du morgen Fotos machen?" Aus ersten Bildern für "Agamemnons Enkel" entstand eine bis heute währende Bindung an das Bielefelder Theaterlabor. Niemals jedoch wollte er selbst auf der Bühne stehen. "Ich liebe es, im dunklen Theaterraum zu sitzen und auf den für mich magischen Moment zu warten. Schauspieler arbeiten auf diesen Augenblick hin. Tänzer bewegen sich kontinuierlich weiter", sagt der 54-Jährige. Nichts wäre unwiderruflicher als eine verpasste Gelegenheit.
Es gab Zeiten, in denen Dombrowski niemals ohne Fotoapparat aus dem Haus ging. Bevor er digital fotografierte, verbrachte er viele Nächte in der Dunkelkammer, perfektionierte sein eigenes Entwicklungssystem mit langer Entwicklungszeit für bestmögliche Schwarzweiß-Bilder. Heute sieht er alles ein wenig entspannter.
"Das Theaterlabor ist meine Welt und mein Leben", lautet seine Bilanz. Dennoch unternimmt Dombrowski als Mitglied der "Produzentengalerie" in Bielefeld gern aus Spaß "kleine fotografische Ausflüge". "Comminus" ist der Titel seiner aktuellen Ausstellung dort, er zeigt Porträts. Zu sehen ist zum Beispiel der Regisseur Yoshi Oida mit Lesebrille, in ein Büchlein schauend, oder die Momentaufnahme des Tänzers und Choreografen Ismael Ivo während einer Probe. Aus tiefem Schwarz heraus leuchten seine Augen, die Lichtreflexe auf dem Gesicht und sein weißer Rollkragenpullover, bei dem das Strukturmuster noch erkennbar ist. Wie sagte Dombrowski noch? "Es kommt auf den Moment an". Davon zeugen seine Bilder, rund 6.000 Fotos pro Jahr.
Tom Dombrowski: Comminus. Bis zu zum 8. Februar, Bielefeld. Rohrteichstraße 36. Dienstags 16.30–18.30 Uhr, samstags 12.–14 Uhr. Kontakt: (0521) 5 20 23 10.