Lemgo. Vom Theatervirus ist er ganz sicher infiziert, denn schließlich kann sich Frank Wiemann bereits seit 20 Jahren ein Leben ohne Rollen und Regie kaum noch vorstellen. Und das Publikum bestärkt ihn in dieser Passion: Die Lemgoer Theatergruppe "Stattgespräch", die Wiemann leitet, kann mittlerweile auf eine elfjährige Erfolgsgeschichte zurückblicken.
Seine ersten Schritte auf der Bühne unternahm Wiemann beim politischen Kabarett in Hamburg, dann in diversen Theatergruppen und in kleineren Statistenrollen am Landestheater Detmold, bis er schließlich im Herbst 1996 gemeinsam mit anderen Theaterinfizierten die freie Gruppe "Stattgespräch" in Lemgo gründete.
"Ich habe damals einen Kredit aufgenommen. Optimist muss man schließlich sein", sagt Wiemann. Im ersten Stock des Lemgoer Bahnhofs spielt "Stattgespräch" – eine außergewöhnliche und schön hergerichtete Location mit großer Bühne und einer Getränke-Theke im Vorraum für die Pausen und Premierenfeiern. Aber der Kredit ist seit längerer Zeit abbezahlt. Bis auf ein paar Sponsoren finanziert sich die Gruppe in erster Linie aus den Eintrittskarten.
"Ob Sozialkrüppel Richard Endlich im Stück ,Endlich allein’, der spießige Kaufhaus-Chef Karl-Heinz Bruns in ,Herren’ oder Statist Hermann in der ,Hermannschlacht’ – ich könnte mich gar nicht für eine Lieblingsrolle entscheiden", sagt Wiemann. Kein Wunder, denn in den 33 Inszenierungen, die Stattgespräch bisher auf die Bühne brachte, spielte Wiemann in rund 800 Vorstellungen ganz unterschiedliche Rollen. "Das ist es, was mich reizt: Durch das Hineinkriechen in die Rollen lernt man, über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken."
24 Personen in der Theatergruppe engagiert
24 Leute gehören der freien Theatergruppe in Lemgo an. Neben Frank Wiemann besonders vom Theatervirus infiziert ist der Bielefelder Markus Mogwitz, der – genau wie Wiemann – bereits bei einigen Stücken Regie führte und sogar ein Stück eigens für "Stattgespräch" geschrieben hat. Das war im Jahr 2000 die Produktion "In der Liebe ist der Mensch nicht gern allein". Mogwitz ist seit neun Jahren dabei und steht neben Wiemann in den meisten Produktionen auf der Bühne.
Vor rund 96.000 Zuschauern hat das Ensemble von "Stattgespräch" schon gespielt. Doch nicht nur die Zeit für die Proben oder die Vorstellungen müssen die Mitwirkenden investieren. "Wir sind eigentlich permanent damit beschäftigt, Stücke zu lesen, um später eine Auswahl treffen zu können", erzählt Wiemann. "Viele davon fallen sofort aus, denn wir haben eine ganz spezielle Vorstellung davon, welche Art von Stücken wir auf die Stattgespräch-Bühne bringen wollen."Klassische Komödien, so genanntes Tür-auf-Tür-zu-Theater seien nicht erwünscht. Stattdessen sollen die Zuschauer einerseits lachen, andererseits aber auch die Möglichkeit haben, sich zu identifizieren, nachzudenken, etwas mit nach Hause zu nehmen.
Dass "Stattgespräch" mittlerweile ein stetig wachsendes Stammpublikum hat und dass fast alle Vorstellungen weit im Voraus ausverkauft sind (oft gibt es nur noch einige Restkarten an der Abendkasse), spricht für den Erfolg der Gruppe und für den professionellen Anspruch, den die Mitwirkenden offensichtlich erfüllen. Viele Eintragungen ins Gästebuch beweisen, dass die Zuschauer nicht nur aus Ostwestfalen-Lippe zu den Vorstellungen kommen. "Ein preiswerter Hochgenuss", schreibt beispielsweise eine Besucherin aus Münster.
"Wir bewegen uns in der Theaterszene sozusagen als Amateure im Profilager, und das verlangt jedem Einzelnen von uns einiges ab", sagt Wiemann. Seine Arbeitstage beginnen morgens um 8.30 Uhr im Bürgerbüro der Stadt Lemgo, wo er als Verwaltungsfachwirt angestellt ist, und enden nicht selten erst gegen 23.30 Uhr, wenn er nach einer Vorstellung im Lemgoer Bahnhof die Türen abschließt.
"Andere Hobbys haben wir eben nicht"
Wie ihm geht es allen Beteiligten, die neben ihrer Passion fürs Theater einem ganz normalen Beruf nachgehen. "Naja, andere Hobbys haben wir eben nicht", sagt Wiemann und grinst. Dass sich der Einsatz lohnt, zeigt auch die Tatsache, dass "Stattgespräch" am 8. Februar den Förderpreis des Kulturpreises vom Landesverband Lippe verliehen bekommt. "Wir teilen uns diesen Preis mit der Jungen Oper Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen und bekommen 1.250 Euro. Über diese Anerkennung freuen wir uns sehr", sagt Wiemann. So sind Kostüme und Bühnenbilder für die nächsten Produktionen einfacher zu finanzieren.
Dagegen wundert sich das Ensemble darüber, dass sie an ihrem festen Auftrittsort Lemgo manchmal weniger Beachtung erfahren. "Wir finden es schon etwas komisch, dass einige Lemgoer Rats- oder Kulturausschussmitglieder noch nie in einer Vorstellung gesehen wurden und nur den Pressespiegel aus den Zeitungen kennen", so Wiemann. "Sie sind alle herzlich eingeladen, einmal bei uns vorbeizuschauen."
In der laufenden Spielzeit stehen bei "Stattgespräch" bis April 2008 noch folgende Stücke auf dem Spielplan: "Butterbrot", ein Stück von Gabriel Barylli, das Osterstück "Der Sängerkrieg der Heidehasen" – ein Musical, nicht nur für Kinder ab vier Jahre von James Krüss sowie das Stück "Honigmond", ebenfalls von Barylli. Weitere Spielplan-Informationen gibt es unter www.stattgespraech.de