Hille. An der Wand kleben zwei Poster mit den Konterfeis der Rocklegenden Rory Gallagher und Stevie Ray Vaughan. Reisefertig in stoßfesten Koffern verpackt, stehen einige Gitarren in Türnähe. Richie Arndt sitzt am Schreibtisch und blickt versonnen dem Verkehr der Bundesstraße 65 nach, der direkt vor dem Fenster seines Arbeitszimmers vorbeirollt. Wenn der Blues ruft, ist er im Handumdrehen unterwegs. On the road, heißt es im Musikerjargon.
Der Blues ruft oft in letzter Zeit und an immer illustrere Orte. Darauf hat der 50-Jährige während seiner langen Musikerkarriere beständig hin gearbeitet. Doch erst mit seinem Rory-Gallagher-Tribute-Projekt, bei dem er neben seinem Trio von prominenten deutschen Gitarristen wie Alex Conti, Gregor Hilden, Henrik Freischlader unterstützt wird, hat er es geschafft.
"Rorymania" heißt die im vergangenen Jahr erschienene, von der Kritik hoch gelobte CD, auf der Arndt seine wertvolle Fender-Stratocaster Baujahr 1965 ("meine Stradivari") stilecht zur Geltung bringt. Gallaghers Bruder Donal, langjähriger Manager und Nachlassverwalter des Rockstars, gratulierte per E-Mail. Die "Rorymania"-Tournee führte die Allstar-Band durch ganz Deutschland. Wegen des enormen Erfolgs gibt es ab Ende April eine Fortsetzung. "Wir treten in den guten Clubs und bei den guten Festivals auf", sagt Richie Arndt nicht ohne Stolz. "Mehr kann man in Deutschland nicht erreichen."
Der gebürtige Bielefelder, der heute mit Frau, Tochter (16) und Sohn (18) in Unterlübbe in der Nähe von Minden lebt, spielt schon als Teenager leidenschaftlich E-Gitarre. Als der Glamrock mit schrillen Glitzerkostümen seine Blütezeit erlebt, trägt Arndt wie sein Idol, die irische Bluesrock-Legende Rory Gallagher, Jeans und karierte Hemden. "Rory", erinnert sich Arndt, "war immer Antiheld und vermittelte ein bestimmtes Lebensgefühl, das mir gefiel."
Nach dem Abitur studiert Arndt Musikpädagogik in Bielefeld, absolviert parallel an der Hamburger Musikhochschule ein Modellprojekt "Popularmusik" und hilft als Studiomusiker aus. Den gitarristischen Feinschliff holt er sich bei Rainer Baumann ("Frumpy") und Studio-Crack Peter Weihe. Dann stürzt er sich ins Profileben.
Mit der Top-40-Kapelle "Skydogs" zieht er zehn Jahre über Land und verdient "gutes Geld", wie er sagt. Am Schlagzeug sitzt der spätere Comedy-Star Atze Schröder. "Ich musste alles spielen und habe viel gelernt", sagt Arndt über diese Zeit. Letztlich ist es aber nicht die Musik, die ihm am Herzen liegt. Er wird sesshaft, tritt eine Stelle als Lehrer für Musik und Deutsch an der Gesamtschule Hüllhorst an und verlagert die Liebe zu Blues und Rock in die Feierabendstunden und die Schulferien. Das verlangt ihm einen gelegentlich anstrengenden Spagat ab. "Die Familie steht hinter mir und meiner Musik ", betont er. Auf seine Kinder hat sich seine Passion für Blues und Rock nicht übertragen. Dafür ist der rockende Lehrer bei den Schülern als versierter Bandcoach gefragt.Nach dem Ausstieg bei den "Skydogs" gründet er 1994 das Bluestrio "Bluenatics". Desillusioniert von den Seilschaften und der gnadenlosen Konkurrenz der Hamburger Musikszene, sucht er sich in Ostwestfalen Musiker, mit denen er "konsequent arbeiten und etwas aufbauen" möchte. Schlagzeuger Frank Boestfleisch ist von Anfang an dabei, Bassist Jens-Ulrich Handreka seit 2002. Fünf CDs hat das Power-Trio in der Cream/Hendrix/Gallagher-Tradition bereits mit Blues-geprägten, aber auch Latin-, Jazz- und Funk-angehauchten Eigenkompositionen sowie neu interpretierten Klassikern eingespielt.
Auch wenn das "Rorymania"-Projekt ihm die bislang größte Aufmerksamkeit bescherte ("Das hat irgendwie einen Zeitnerv getroffen"), ist damit im Oktober Schluss. "Wir vier Gitarristen haben alle eigene Bands. Schon wegen der Terminüberschneidungen ist das ziemlich schwierig."
Zur Zeit nehmen Arndt und sein Trio mit der US-amerikanischen Sängerin und Bluesharp-Spielerin Kellie Rucker in einem Aachener Studio "Trainsongs" auf, die nächste CD des Trios. "Etwas ganz anderes als ,Rorymania’", sagt Arndt. Die Platte wird im Oktober veröffentlicht, Kostproben gibt es schon in Kürze bei den anstehenden Konzerten mit Kellie Rucker zu hören, unter anderem im Bielefelder Jazzclub. "Wir haben Songs über Züge von Elvis, Johnny Cash oder den Beatles neu arrangiert, aber auch eigene Stücke dazugenommen. Die stilistische und atmosphärische Spannweite ist groß", verspricht Arndt. Rory Gallagher und Stevie Ray Vaughan blicken stumm von ihren Postern. Sind sie noch immer seine musikalischen Säulenheiligen? Arndt überlegt. "In letzter Zeit sind es eher Gesangskünstler und gute Songschreiber wie Van Morrison. Super schnell Gitarre spielen ist nicht alles."
Konzerte in der Region: 18. 4. Jazzclub Bielefeld, mit Kellie Rucke; "Rorymania"-Band: 30. 4. Bielefeld-Heepen, Alte Wassermühle zu Bentrup; 1. 5., Melle- Buer, Kulturwerkstatt; 2.5. live im Sat.1-"Frühstücksfernsehen" (5.30 bis 10 Uhr).