Bielefeld. Ostwestfalen-Lippe wird in den kommenden Jahren kontinuierlich Einwohner verlieren. Gleichzeitig wird sich der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung erhöhen. Über Chancen und Risiken dieser Entwicklung sprach Redakteur Matthias Bungeroth mit Susanne Tatje, Demographiebeauftragte der Stadt Bielefeld.
Die Bevölkerung wird kleiner und älter werden. Eine Chance für die Kommunen oder ein Damoklesschwert? TATJE: Eine Chance, wenn die Städte sich tatsächlich intelligent auf die sich verändernde Bevölkerungsstruktur einstellen. Damit meine ich: Viele einzelne Projekte machen noch keine Gesamtstrategie. Aber wenn die Städte sich dazu entschließen und die Politik das auch so beschließt, kann das durchaus eine Chance sein.
Wie sieht denn die Gesamtstrategie für Bielefeld aus? TATJE: Für Bielefeld habe ich ein Demographiekonzept mit unterschiedlichen Bausteinen entwickelt. Das Herzstück sind sechs demographiepolitische Ziele. Dazu gehören als wichtige Handlungsfelder Integrations-förderung, Familienfreundlichkeit oder zukunftsfähiges Wohnen. Das Konzept berücksichtigt auch die Potenziale unserer Stadt. Wenn wir es umsetzen, beinhaltet es Chancen für unsere Stadt.
Was können denn Städte und Gemeinden tun, um den Bevölkerungsrückgang zunächst einmal zu verlangsamen? TATJE: Verlangsamen ist ein guter Ausdruck. Denn viele Politiker gehen immer noch davon aus, dass das eine Entwicklung ist, die man umdrehen kann. Alle Experten sagen jedoch: Das ist nicht möglich. Ich glaube, dass die Städte Möglichkeiten haben, wenn sie sich genau überlegen, wo sie hinwollen. Zum Beispiel heißt in Bielefeld ein Ziel im Demographiekonzept: Wir lernen lebenslang. Das hat mit Bielefeld als Hochschulstadt zu tun. Junge Leute kommen in großer Zahl nach Bielefeld, um zu lernen. Die Frage ist jetzt: Was können wir tun, damit sie bleiben? Zum Beispiel: mit der Wirtschaft überlegen, wie sie nach dem Hochschulabschluss eine Arbeit finden. Wie erreiche ich, dass junge Familien preiswerten Wohnraum finden? Auch die Lebensstile haben sich verändert. Als ich in den 70er Jahren nach Bielefeld kam, war das Wort "Wohngemeinschaft" bei der Wohnungssuche ein Unwort. Die Stadt muss sich darauf einstellen.
Was tun Sie beim Thema bessere Kinderbetreuung? TATJE: Bielefeld erarbeitet gerade ein neues familienpolitisches Konzept, das zum Beispiel die Verbesserung der Betreuung für unter Dreijährige enthält.
Wie sieht es mit der Integration von älteren Menschen in die Gesellschaft aus? TATJE: Das ist eine ganz zentrale Frage, weil sich schon jetzt zeigt, dass nicht nur der Anteil der Älteren steigen wird, sondern auch der Anteil der Hochbetagten, also Menschen ab 80 Jahren. Im Moment sagt die Prognose, dass sich der Anteil der schwerst Pflegebedürftigen und Demenzkranken in Zukunft sehr verstärken wird. Darauf muss sich die Kommune unbedingt einstellen. Das ist durchaus eine Herausforderung, weil wir uns dann überlegen müssen, wie alte und pflegebedürftige Menschen leben können. In Bielefeld gibt es schon viele gute Projekte für das Zusammenleben von Alt und Jung. Aber ich glaube trotzdem, dass wir uns um neue Konzepte bemühen müssen.
Ist das eine Sache, die auch über kommunale Grenzen hinaus angegangen werden muss? TATJE: Ich bin überzeugt, dass wir uns als Städte überregional verständigen sollten über die einzelnen Politikfelder. Denkbar ist, über Nachbargrenzen hinweg zu kooperieren. Etwa: Der eine hält das Schwimmbad vor, der andere kümmert sich um die Alteneinrichtung.
Wie sind denn Ihre Aktivitäten in Bielefeld mit anderen Kommunen in OWL vernetzt? TATJE: Ich habe Kontakt zu Städten mit vergleichbarer Größe ganz systematisch gesucht, etwa mit Münster. Daraus hat sich eine gute Kooperation entwickelt. Inzwischen gibt es in NRW ein Netzwerk der Demographiebeauftragten. Darüber organisieren wir einen Austausch.
Wie werden Bielefeld und OWL im Jahr 2025 aussehen? TATJE: Bielefeld wird nach meiner Überzeugung, genau wie andere Städte auch, einen Bevölkerungsrückgang zu verzeichnen haben. Das kann man auch positiv sehen und urbane Flächen anders gestalten, zum Beispiel durch Begrünung oder andere Nutzungen. Schön wäre es, wenn es zum Thema Demographie eine stärkere Kooperation in der Region gäbe. Auf keinen Fall sollten wir uns auf den Weg begeben, den andere Regionen eingeschlagen haben – nämlich den Kampf um die Einwohner zu führen. Da ist eine Kooperation angemessener.
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