Sonnabend, 26.05.2012
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30.01.2010
BIELEFELD
Bielefeld – Stadt der 145 Nationen
Bevölkerung hat sich rasant verändert: "Müssen uns auf multi-ethnisches Zusammenleben vorbereiten" / Integrationsrats-Wahl
VON ANSGAR MÖNTER

Mehr als 32.000 Wahlberechtigte | FOTOMONTAGE: ANDREAS FRÜCHT

Bielefeld. 145. Diese Zahl allein drückt aus, wie stark sich Bielefelds Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Menschen aus 145 Staaten der Erde leben in der Stadt. Und noch eine Zahl zeigt mit Wucht den enormen Wandel: Von den knapp 325.000 Bielefeldern haben 96.000 einen sogenannten Migrationshintergrund, sind also Zuwanderer oder Zuwanderer-Nachkommen. Die Entwicklung eines friedlichen und funktionierenden multi-ethnischen Zusammenlebens ist daher eine der großen Herausforderungen, vor der die Gesellschaft steht. Auf dem Weg dorthin gibt es jedoch einige Hindernisse zu überwinden.

Wenn am Sonntag, 7. Februar, knapp über 32.000 Bielefelder mit ausländischem Pass die Möglichkeit haben, den neuen Integrationsrat zu wählen, ist das eine institutionelle Reaktion auf die neue Zeit. Der Integrationsrat hieß bisher Migrationsrat, dem Nachfolger des Ausländerbeirats. Der nahm 1973 – im Jahr des Anwerbestopps für Gastarbeiter – erstmals seine Arbeit auf.

In jenem Jahr 1973 gab es 24.700 Ausländer in Bielefeld. Zum Vergleich: 13 Jahre vorher, 1960, waren es noch rund 3.000. Der Höchststand wurde 1997 mit 52.000 Ausländern erreicht. Die Zahl sank ab dem Jahr 2000 durch das neue Staatsbürgerrecht. Um die Zuwanderer – ob mit oder ohne deutschen Pass – dennoch zu erfassen, entstand die Bezeichnung Migrationshintergrund.

Vom Ausländerbeirat zum Migrationsrat zum Integrationsrat: Anhand der Namenswechsel dieses Gremiums sowie deren Rechte und Ziele lässt sich die veränderte Bedeutung der Zuwanderung ablesen. "Beim Ausländerbeirat wurden die Mitglieder noch vom Stadtrat und den Wohlfahrtsverbänden benannt", sagt Emir Ali Sag, Geschäftsführer des Integrationsrates. Erst 1986 gab es eine Urwahl zum Ausländerbeirat, damals mit der bisher unerreichten Wahlbeteiligung von über 35 Prozent. "Bis dahin waren die Ausländer noch eine relativ homogene Gruppe, fast alle Arbeiter, die ähnliche Sorgen und Interessen hatten", erläutert der Soziologe Sag.

Doch der Wandel zum Einwanderungsland – durch Mauerfall und Globalisierung später enorm beschleunigt – war schon im Gange. Die ersten größeren Flüchtlingsgruppen suchten in Bielefeld Schutz vor Verfolgung: türkische, syrische und irakische Jesiden; Tamilen aus Sri Lanka. Es folgten Spätaussiedler, Vietnamesen aus der DDR, Kriegsflüchtlinge aus Jugoslawien, aus Afrika und nach und nach aus allen Teilen der Welt. "Nebenher gab es immer Familienzusammenführungen, und es kamen die Heiratsmigranten", berichtet Karl-Heinz Voßhans, Leiter des Bielefelder Integrationsamtes. Aktuell sind es immer noch diese Beweggründe – Asyl und Heirat –, die Zuwanderer nach Bielefeld führen.

Die Hauptgruppen: Türkischstämmige Männer, die sich eine Frau aus der Heimat der Familie holen; Jesiden, die wegen ihrer Religion von muslimischen Extremisten im Ländereck Irak/Iran/Türkei/Syrien verfolgt werden und die die Nähe zu Ihresgleichen suchen. Rund 6.000 Jesiden gibt es in und um Bielefeld.

Die neue Form der Zuwanderung ändert alles. Wanderten von 1955 bis in die 70er Jahre die Gastarbeiter direkt in den Arbeitsmarkt, werden die Migranten heute nur noch "in Familien integriert, in denen die Arbeitslosigkeit überproportional hoch ist", erläutert Emir Ali Sag. Das ist ein Dilemma. Es bestehe die Gefahr, dass bestimmte Migrantengruppen den Anschluss an die moderne Gesellschaft verlieren, warnt Sag. Diese ziehen sich dann oftmals in ihre ethnischen oder religiösen Verbünde zurück "und nehmen für sich eine Opferrolle an, die so nicht gerechtfertigt ist", wie Sag beobachtet.

Der Integrationsrats-Geschäftsführer mit türkischen Wurzeln sieht es als die wichtigste Aufgabe für die Zukunft an, diese bedenklichen Strukturen zu durchbrechen, "damit wir keine Zustände wie in Frankreich bekommen". Er fordert von den Migranten eine kritischere Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle und mehr Selbstverantwortung.

Aber auch die deutsche Urbevölkerung muss noch einiges lernen. Darauf verweist Amtsleiter Karl-Heinz Voßhans. "Sie muss sich auf ein multi-ethnisches Zusammenleben vorbereiten. Das ist die Zukunft unserer Stadt, und diese Realität wird immer noch verdrängt." Er und seine etwa 30 Mitarbeiter kämpfen dafür, dass sich Gesellschaft, Verwaltung und Politik mehr öffnen. Sie setzen unter anderem auf Informationen und Diskussionen. "Es bedarf noch einer intensiven Überzeugungsarbeit."

    


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